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Im alten Berliner Studentenviertel

Helmut Zschocke

Berlin hatte rings um das Oranienburger Tor bis zum Zweiten Weltkrieg sein Studentenviertel. Welche Ausmaße erreichte es und warum wanderte es aus der Umgebung der Universität nach Norden über die Spree? Unter welchen finanziellen Bedingungen lebte der Studierende dort? Wie waren die Wohnverhältnisse? Gab es eine soziale Betreuung? Wie sah das breitgefächerte kulturelle Angebot, das von Theatern unterschiedlichster Couleur bis zum «Tingel-Tangel» reichte, im einzelnen aus? Wie ging es in den bekanntesten Ballsälen und Studentenkneipen des Viertels zu? Welche Rolle spielten Korporationen, Burschenschaften und andere studentische Verbindungen? Welche bekannten Persönlichkeiten haben ihre Karriere an diesem Ort begonnen? Wann und warum verschwand das Berliner «Quartier latin»? Wie haben Prominente – von Theodor Heuss bis Heinrich Mann und Erich Kästner – das Viertel erlebt und beschrieben? Gibt es heute noch steinerne oder andere Zeugnisse aus dieser Zeit?

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Zur Einführung

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Seinen ersten Auftritt in der Reichshauptstadt Berlin hatte sich der junge Münchner Studiosus Ludwig Ganghofer anders vorgestellt. An einem trüben Herbstmorgen des Jahres 1878 entsteigt er einem Waggon dritter Klasse des Postzugs - ausgestattet mit dem ersten väterlichen Monats- wechsel von 120 Mark sowie den Kollegiengeldern - und begibt sich auf „Bu- densuche“. „Weil ich“, so der spätere Romanschriftsteller, „an die Grenzen meines Geldbeutels denken musste, fasste ich Zutrauen zu einem schmalen, alten, sehr bescheiden aussehenden Haus in der Friedrichstraße, ganz nahe bei den Linden.“ 1 Die Ortslage erscheint dem unerfahrenen Jüngling ideal: Die Universität liegt nur einige Schritte entfernt. Der vor wenigen Jahren gekrönte Kaiser Wilhelm – so würde er stolz seinen Eltern mitteilen - wohnt gewissermaßen um die Ecke. Und überhaupt, man steckt mittendrin im Berliner Leben. Das Mansardenzimmer für 30 Mark „gefiel mir, obgleich es ein bischen son- derbar aussah, wunderlich mädchenhaft.“ Die „Hausfrau“ beeindruckt den jun- gen Mann tief, insbesondere der „auffallend hübscher Teint.“ Merkwürdig nur der rote Schlafrock und dass sie „eine heftige Vorliebe für Wohlgerüche zu ha- ben schien. Schade auch, dass sie so dick war.“ Gegen Mitternacht geht es im Haus nicht mehr so ruhig zu wie in den Abend- stunden. Zuerst ertönt lautes Klavierspiel, dann Weibergekreisch und Zornge- brüll eines Betrunkenen. Auf dem Treppenabsatz ein „balgender Knäuel“ von drei „Mannsleuten“ und einem halben Dutzend „Weibsbildern“, die alle sehr wenig anhaben. Jetzt endlich geht dem...

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