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Großstadt werden! Metropole sein!

Bratislava, Wien, Berlin- Urbanitätsfantasien der Zwischenkriegszeit 1918-1938

Dagmar Kostalova and Erhard Schütz

Das Urbane hat bis heute die Verführungskraft großer Versprechen. Metropole zu sein, zumindest aber als Großstadt zu gelten, gehört zu den Traum- und Alptraumfantasien, die die Moderne begleiten. Städte erfinden sich selbst, wenn Entwurf und Selbstverständnis der Städter sich in kollektiven Imagines verdichten und Urbanität zum Lebensgefühl wird. Selbstbilder aber haben Vorbilder, die Orientierung geben. Während das Berlin der 1920er-Jahre sich bereits an New York misst, beginnt Bratislava, das alte multiethnische Pressburg und zugleich der Inbegriff städtischer Provinz, seine Chancen zu träumen, aber auch zu ergreifen, die in der Ausrufung des neuen tschechoslowakischen Staates liegen. In den Beiträgen dieses Bandes werden kulturphilosophische, stadtgeschichtliche und narrative Aspekte visionierter Urbanität im Kontext der Moderne in mikrologischen Studien lesbar gemacht. Die Beiträge basieren auf einem reichhaltigen, überwiegend erstmals erforschten Quellenmaterial und liefern überraschende Einsichten in die noch immer weithin vergessene deutschsprachige Kulturgeschichte der heutigen Slowakei in der Zwischenkriegszeit.

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III. Metropole sein? – Wien und Berlin

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Robert Schwarz Die Stadt, umarmt von ihren Möglichkeiten. Musils ‚Kakanien’ (1913) und Neuraths Wien (1925)1 0. Zur Orientierung In diesem Aufsatz beschäftige ich mich mit der Rolle des Visionären für die Entwicklung der Stadt. Konkretes Fallbeispiel ist die Siedlerbewegung in Wien. Der „szientifische Utopist“ Otto Neurath knüpfte daran Erwartungen einer Ge- sellschaftstransformation, während Robert Musil wie eine Negativpause dazu eine verzweifelte Innerlichkeit dokumentiert, die auf ihre Weise um eine Ver- bindung von Wirklichkeit und Möglichkeit ringt. Die hier vorgeschlagene, in weitestem Sinn politische Lesart von „Selbsterfindung“ stützt sich weniger auf Bilder der Stadt – die Stadt als Medienphänomen, als Symbol und Zeichen – sondern auf Erwartungen, Haltungen, Verhalten und alltägliche Praxis. I. Kulturelle Auseinandersetzungen im Wien um 1900 Die Wohnungssituation im Wien des frühen 20. Jahrhunderts war drastisch. Man muss sich vorstellen, dass die Bevölkerung der Stadt Wien von 1850 bis nach der Jahrhundertwende explosionsartig angewachsen war, von 430 000 auf über 2 Millionen Einwohner, viele davon Arbeitsmigranten aus allen Teilen der Monar- chie.2 Dass die Intelligenzia sich mit Vorliebe im Kaffeehaus gesellte, ist u. a. Ausdruck der deprimierenden Wohnsituation, denn diese öffentlichen Räume 1 Die beiden Jahreszahlen markieren zwei kalendarische Anhaltspunkte in einem dichten Netz der Zusammenhänge: Im Jahr 1913 der Romanfiktion beginnt die Spielhandlung des Mann[es] ohne Eigenschaften von Musil. Im Jahr 1925 der Realzeit wird Neurath erster Direktor des von ihm gegründeten Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums. 2 Vgl. z. B. Hofmann-Grüneberg, S....

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