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Die Naturbeschreibung im «Journal» von Henry David Thoreau

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Wilfried Koch

Die Arbeit geht der Frage nach, wie das Tagebuch als Textformat und Schreibort in Verbindung mit der Beschreibung die Erforschung, Darstellung und Erfahrung von Natur und Landschaft prägt. Unter Einbeziehung von Konzepten der kognitiven Narratologie sowie räumlich-visueller und transmedialer Aspekte werden in textnahen Analysen strukturelle Probleme des beschreibenden Textes (Metapher, Metonymie) und Verfahren des Rekonstruierens und Simulierens von Naturerfahrung als Umsetzung von Wahrnehmung in Text erörtert. Das Journal von Henry David Thoreau erweist sich als Versuch, auf der Basis der Naturästhetik des Picturesque durch schreibend-reflektierendes Erinnern eine zur Entdeckung befähigte Form von Subjektivität als verdichtetes Gewahrsein von Welt- und Selbsterfahrung in wechselnden Außen- und Innenansichten zu projizieren.

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Kapitel 6: Wissenschaftliche Beschreibung

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6.1 Die Stellung des Journal zum Wissenschaftsdiskurs Thoreaus naturkundliche Studien erfolgten zu einer Zeit epochaler Veränderungen in den Naturwissenschaften. Die Tradition der von Amateuren auf vage definier- ten Gebieten praktizierten, holistisch-naturphilosophischen“Natural History” wich einer arbeitsteiligen, spezialisierten Fachwelt.290 Der Übergang vollzog sich nicht selten innerhalb eines Forscherlebens, wie im Falle Charles Darwins, der seine Laufbahn als Naturforscher begann und als Fachwissenschaftler beendete. Dazu kam eine fundamentale Verschiebung im Selbstverständnis der Biowissenschaf- ten, angezeigt durch die Publikation von The Origin of Species und den Genera- tionswechsel nach Alexander von Humboldts Tod 1859. Sein universalistisches Naturverständnis, prägend für die Forschergeneration von Darwin und Thoreau, geriet in Vergessenheit. Im Gegenzug veränderte eine neue Generation ehrgeizi- ger Naturforscher, zu der in den USA Louis Agassiz und der Botaniker Asa Gray zählten, durch den Aufbau von Instituten und die Einführung streng positivisti- scher Methoden in wenigen Jahrzehnten die Biologie als Disziplin von Grund auf.291 Durch seine Lektüre war Thoreau Zeuge des Wandels der wissenschaftli- chen Weltbilder und fortschreitenden Professionalisierung. Er kannte Agassiz so- wie dessen Wirkensstätte Harvard College und arbeitete für ihn als Sammler von Tier- und Pflanzenproben.292 Obwohl Agassiz mit den Resultaten sehr zufrieden war, beendete Thoreau die Tätigkeit. Die engen Prinzipien in Forschung und Leh- re unterschieden sich wohl zu sehr von Thoreaus Naturauffassung, der im Journal eine ambivalente Haltung zum positivistischen Naturverständnis hinsichtlich Ethik, Erkenntnis, Einstellung des forschenden Subjekts und der Naturbeschrei- 290 Vgl. Gillian Beer, Darwin’s Plots: Evolutionary...

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