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Institutionelle Mechanismen der Kanonbildung in der Académie française

Die "Querelle des Anciens et des Modernes</I> im Frankreich des 17. Jahrhunderts

Christoph Mayer

Warum streiten sich auf dem Höhepunkt der absolutistischen Machtentfaltung im 17. Jahrhundert zwei Parteien in der Académie française? Die Querelle des Anciens et des Modernes beweist die einzigartige Macht der Literatur im kulturellen Feld der Klassik, gerade weil der Streit nicht von einem Herrscher, sondern von den Kulturschaffenden selbst ausagiert und in alle Bereiche der Kultur exportiert wird. Die Entwicklung im System der französischen Akademien zeigt ein ähnliches Bild: Der Lobpreis des Monarchen erfolgt zur Wertsteigerung der Kultur. Die Literaten erneuern ihren Kanon und schaffen die Voraussetzung zur Selbstverewigung und zur Selbstfeier als geeignetstes Repräsentationsmedium. Louis XIV, als Sonnenkönig der Inbegriff des Absolutismus, wird somit in der Akademie erst erzeugt.

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3. Der Griff nach dem Kanon – Institutionelle Mechanismen

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3. Der Griff nach dem Kanon – Institutionelle Me- chanismen Der Griff nach dem Kanon eint Anciens und Modernes, auch wenn sie diesen größten- teils unterschiedlich tätigen. Nicolas Boileau reagiert mit der Ode sur la prise de Na- mur1 (1693) auf den forcierten Beitrag von Perrault im Parallèle. Damit setzt er der Diskussion über die Künste und Wissenschaften, die in einen fiktiven Dialog gekleidet ist und vom Autor Perrault mit leitenden Kommentaren in Paratexten nur flankiert wird, zunächst einen rein literarischen Text entgegen, der der klassischen Panegyrik und der poésie de circonstance entspricht. Bewusst wählt Boileau eine Gattung, die seinen Vorstellungen vom humanistischen Kanon entspricht und sich den modernen Ideen widersetzt. Dazu kommt noch, dass er mit der pindarischen Ode2 an eine kano- nische Position anschließt, die zuletzt prominent von Ronsard3 3.1 Zeitkonstruktionen gepflegt wurde und die sich einpasst in Boileaus eigenem theoretischen Diskurs der Art poétique (1674) und des Traktats über das Sublime (1674). Boileau versucht durch die Publikation der Ode, seine Vorstellungen des Kanons zu untermauern, indem er seinem Gedicht einen meta- theoretischen Paratext, den Discours sur l’Ode (1693) beigibt, der überhaupt nicht ty- pisch für ein normales Gelegenheitswerk ist. Boileau arbeitet sich dabei ab an Perraults Zeitkonstruktion und ignoriert die vorgegebenen, mittlerweile etablierten Antagonismen einseitig zugunsten der Antike. Zugleich akzeptiert er den von Perrault ausgesandten Impuls, eine neue epochale Kanonkonstruktion zu erstellen, Leitlinien der Kanonformierung zu finden und zugleich umzusetzen. Sein Dichtungskonzept wird lesbar als repräsentativ f...

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