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Mythos Demokratie

Antike Herrschaftsmodelle im Spannungsfeld von Egalitätsprinzip und Eliteprinzip

Harald Haarmann

Demokratie ist das am weitesten verbreitete gesellschaftspolitische Modell in der Welt, und es wird lebhaft darüber diskutiert. Wir leben mit allerlei Vorstellungen von dem, was Demokratie ist oder sein könnte, und vieles davon ist mythisch verklärt. Wir glauben zu wissen, dass die Griechen der Antike diese Herrschaftsform erfunden hätten. In diesem Buch wird der sprach- und begriffsgeschichtliche sowie allgemein kulturwissenschaftliche Nachweis geführt, dass die Griechen viele Traditionen der vorgriechischen Bevölkerung angenommen und fortgesetzt haben, und dazu gehört auch das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung in den Dorfgemeinschaften (Demen). Die vorgriechischen Kulturen Südosteuropas sind inzwischen recht gut erforscht, so dass heutzutage Vergleiche zwischen dem Gesellschaftsmodell Alteuropas und den Herrschaftsformen der griechischen Antike auf festem Grund stehen. Die Ursprünge der griechischen Demokratie sind in der vorgriechischen Ära zu suchen. Die griechische Demokratie des Athener Staates erlangte Vorbildcharakter und wurde in späteren Perioden als rekursives Modell erneuert. Die Erkenntnisse zu kulturhistorischen Langzeitwirkungen fordern zu einem Paradigmenwechsel für die Antikenforschung heraus.

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4. Präludium: Die archaische Demokratie – Die Aktivierung des Gemeinschaftssinns auf kommunaler und überregionaler Ebene

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Der Weg zur Demokratie ging nicht direkt über die Ausarbeitung staatsrechtli- cher Grundlagen. Was Solon und später Kleisthenes leisteten, war so etwas wie ein staatlicher Überbau, eine Art politische Überdachung einer breiten soziokul- turellen und ökonomischen Basis, und diese Basis wurde vertreten von Men- schen mit bestimmten Lebensgewohnheiten, die die Durchsetzung des Egalitäts- prinzips auf staatlicher Ebene ermöglichten. Die Lebensgewohnheiten der grie- chischen Bevölkerung in ihren Demen waren eingebettet in eine religiöse Welt- anschauung. Der äußere Rahmen der volkstümlichen Religiosität war der antike Polytheismus. Es gab auch einen inneren Kreis, und der war geprägt von Vor- stellungen über ein göttliches Patronat der Sitten und Bräuche, mit denen die Griechen lebten. Ohne die religiöse Verankerung ihrer Traditionen hätten die Griechen der archaischen Ära kaum das Selbstbewusstsein entwickelt, das sie brauchten, um komplexere Sozialstrukturen aus den Kapazitäten aufzubauen, die das Egalitätsprinzip der Demen-Ordnung bereit stellte. Die Schaffung einer überregionalen demokratischen Ordnung ist anfangs nicht an das Milieu der urbanen Bevölkerung der Polis gebunden, sondern die Motivation zu kooperativem Handeln auf egalitärer Basis wird gespeist durch den Kultbetrieb an einer der heiligen Stätten des griechischen Kulturkreises, Delphi. In Delphi kristallisieren sich die Aspirationen der landschaftlich gebundenen Stämme aus, und die Symbolkraft des Ortes bewirkt, dass die verschiedenartigen politischen Interessen der alten griechischen Stämme zum Einklang gebracht werden. Themis und der Respekt vor der Tradition: Weltanschauliche Grundlagen der alten Demen-Ordnung Themis ist eine schillernde...

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