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Religiöse Reformvorstellungen als Krisensymptom?

Ideologen, Gemeinschaften und Entwürfe «arteigener Religion» (1871-1945)

Jörn Meyers

Gegenstand der Arbeit ist das Phänomen der «arteigenen Religion/Religiosität», welches in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist. Die Arbeit befasst sich sowohl mit den verschiedenen theoretischen Ansätzen prominenter Ideologen und Wegbereiter als auch mit den zahlreichen Strömungen und Gemeinschaften, die in gegenseitiger Konkurrenz standen. Anhand von Kriterien wie Aufbau und Organisation, soziale Basis oder Lehre wird herausgearbeitet, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschen Christen, Neugermanen oder okkulten Ariosophen liegen. Gleichzeitig wird der Frage nachgegangen, weshalb die artreligiösen Gemeinschaften ausgerechnet im Dritten Reich ihr Ende fanden. Der Autor nahm im Vorfeld an, dass es sich bei den Entwürfen arteigener Religion primär um eine Reaktion auf eine als bedrohlich empfundene Gegenwart, also um ein Symptom der Zeit handelt. Ziel der empirisch-deskriptiven Studie ist es daher, anhand des Quellenmaterials diese These zu be- oder auch zu widerlegen. Arteigene Religion – ein Symptom der Zeit? Ein Versuch, der «Moderne» mit ihren sozialen, kulturell-religiösen und ökonomisch-politischen Krisen eine nationale, der «deutschen Art und Rasse» gemäße religiöse Ordnung entgegenzusetzen?

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Teil A: Vordenker, Ideologen und Wegbereiter

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Die Grundlagen für arteigene Religionsvorstellungen und völkische Ideologie69 gehen auf mehrere Autoren im 19. Jahrhundert zurück, von denen mindestens vier eine größere Bedeutung zukommt: Paul Anton de Lagarde, Richard Wagner, Hous- ton Stewart Chamberlain und Julius Langbehn. 1. Paul Anton de Lagarde (1827-1891) Der Göttinger Orientalist und Theologe Paul Anton de Lagarde (1827-1891, ei- gentl. Bötticher70) kann als ein Begründer der völkischen Ideologie gelten.71 Von Interesse ist weniger sein wissenschaftliches Werk als vielmehr seine Aufsätze und Vorträge, die er zu politischen, religiösen und sozialen Themen verfasste. Sie sind unter dem Titel Deutsche Schriften ab 1878 erschienen.72 Im Mittelpunkt seiner Ausführungen „steht die ‚glaubenstreue deutsche Nation‘, dreifach gekrönt von der (Neu-)Schöpfung eines germanisch-christlichen Glaubens als nationaler Religion, der (Neu-)Schaffung eines großdeutschen, als mitteleuropäische Macht agierenden, autonomen Deutschlands und endlich dem Kunststück eines progressiven Rück- 69 In der Forschung wird eher auf das „Völkische“ hingewiesen. Zum einen da dieser Begriff geläufiger ist als der des „Artreligiösen“, zum anderen, da die jeweiligen wissenschaftli- chen Autoren der Sekundärliteratur sich speziell mit Fragestellungen über die völkische Bewegung oder den ideologischen Wurzeln des Nationalsozialismus beschäftigen. Nicht zuletzt kann so die Bedeutung von Lagarde und Wagner, Chamberlain und Langbehn in ihrer Gesamtheit erfasst werden. Im Folgenden benutze ich deshalb beide Begriffe. 70 Paul Anton Bötticher ließ sich im Alter von 27 Jahren von seiner Großtante Ernestine de Lagarde adoptieren...

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