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Vom Umgang mit der Leiche im 19. Jahrhundert

Der Fall der Giftmörderin Christiane Ruthardt und die Tübinger Anatomie

Gunver Werringloer

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den besonderen Geschehnissen beim Transport der Leiche einer jungen Giftmörderin namens Christiane Ruthardt in die Tübinger Anatomie. Sie war am 27. Juni 1845 wegen Gattenmords in Stuttgart auf der Feuerbacher Heide öffentlich durch das Schwert hingerichtet worden. Bei der Überstellung ihres Leichnams an das anatomische Institut kam es zu groben Übergriffen und Misshandlungen ihrer Leiche. Ziel der Untersuchung ist es, neben der Betrachtung der menschlichen und juristischen Konsequenzen – insbesondere hinsichtlich der Todesstrafe – den unterschiedlichen Motiven und Hintergründen für die Tat auf den Grund zu gehen und die Auswirkungen des Falles auf die Tübinger Anatomie genau zu rekonstruieren. Diese Untersuchung stützt sich auf die Auswertung der gedruckten und der ungedruckten Quellen zum Fall. Als wichtigste gedruckte Quellengruppe ist die zeitgenössische Presse unter Einbeziehung ihrer Sonderausgaben zu nennen. Für diese Untersuchung von entscheidender Bedeutung war jedoch die Auswertung der ungedruckten Originalquellen des Hauptstaatsarchivs Stuttgart, des Staatsarchivs Ludwigsburg und des Universitätsarchivs Tübingen. Die hier archivierten Akten erwiesen sich als besonders aufschlussreich.

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6. Exkurs: Hinrichtungen in Württemberg im 19. Jahrhundert

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Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts vollzog sich jede Hinrichtung in der Öffentlich- keit. Ziel der öffentlichen Zurschaustellung war es nicht nur, den Täter zu bestrafen, sondern den Pöbel von ähnlichen Taten abzuschrecken und die Macht der Staatsge- walt zu demonstrieren.636 Das Hinrichtungsverfahren erfuhr schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Verbesserung der Vorgehensweise. Der Staat war bemüht, nur „fachkundige“, d.h. ausgebildete Kräfte einzusetzen, damit der Ablauf einer Hinrich- tung, soweit möglich, planmäßig ablief.637 Dies war wichtig, damit die von der Obrig- keit intendierte Botschaft – unverändert durch Eingriffe von außen – das Volk erreich- te. Auch bei der Wahl der Hinrichtungsmethode war die Exekutive bestrebt, einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. Die Frage der Hinrichtungsmethode beschäftigte die Justiz und die Bevölkerung der deutschen Territorien sehr. Die traditionellen Hinrichtungsmethoden durch das Schwert oder das Beil wurden einerseits wegen der barbarischen Zurschaustellung von Brutalität und der häufig misslungenen Exekutionen abgelehnt638, andererseits war die als human geltende Guillotine noch lange Zeit aufgrund der 1793/94 in Frank- reich vollzogenen Untaten verpönt. Nach einigen bekannt gewordenen misslungenen Hinrichtungen mit dem Schwert wurde in manchen Städten – beispielsweise in Dres- den – die Guillotine eingeführt.639 636 Martschukat (1995), S. 192: „Die öffentliche Hinrichtung mit all ihrer Symbolik und Theatralik, mit der Prozession durch die Stadt und den zahlreichen Hinweisen auf die begangenen Missetaten, diente somit der Abschreckung der zuschauenden Massen, der gesellschaftlichen Reinigung und der Wiederherstellung der souveränen Macht [...].“ Vgl. Zelle (1984), S. 83....

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