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Organentnahmen bei hirntoten Schwangeren

Oder: Sterbehilfe am Lebensanfang?

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Sebastian Vogel

Die Konstellation scheint rar, die Lösung simpel: Wenn eine Schwangere stirbt, ihr Herz-Kreislauf-System und mithin die Schwangerschaft aber künstlich auch nach dem Hirntod noch aufrechtzuerhalten sind, muss das Kind gerettet werden. Ist die Frau zudem Organspenderin, können freilich auch ihre Organe transplantiert werden. In dieser Absolutheit indes birgt dies einige medizinische wie rechtliche Fehler. In dieser Arbeit werden die medizinischen Umstände der Konstellation erläutert, um zu einer dogmatisch konsistenten wie praktikablen juristischen Lösung zu gelangen. Zu hinterfragen gilt, ob und wann die Ärzte die Schwangerschaft abbrechen dürfen, wann sie dem Ungeborenen Sterbehilfe leisten können und sollen. Zudem geht die Arbeit der Frage nach, wer entsprechende Entscheidungen trifft.

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1. Kapitel: Einführung

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Fast größer noch als die öffentliche Empörung waren die Schlagzeilen anno 1992, als in Erlangen der ärztliche Versuch unternommen wurde, eine Hirntote und zu- gleich Schwangere quasi posthum zur Mutter eines lebenden Säuglings zu ma- chen.1 Die journalistische Wortakrobatik schwankte zwischen kreativem Schreiben und pervertierender, pietät- und intelligenzarmer Sensationspresse.2 Von „Men- schenversuch“, „Schwangerschaftsmaschine“ und „Degradierung der Mutter zur Nährlösung“ war zu lesen. „Ihr Ärzte seid pervers“ titelte die Boulevard„presse“.3 Die „Frau als Brutkasten“ oder „der weibliche Körper als Objekt männlicher Expe- rimentierfreude“ waren ebensolche journalistischen Auswüchse wie die Rede von „menschen- und frauenverachtendem Vorgehen“. Nicht zuletzt schrieb man vom „Terror der Medizin“ und „schwer erträglicher Perversion von Menschlichkeit“.4 Die Beschimpfungen, die den beteiligten Ärzten mit der Tagespost zugingen – da- runter Vergleiche mit der NS-Ärzteschaft –, sollen hier nicht wiedergegeben wer- den.5 Folgendes war geschehen: Nach einem Verkehrsunfall am 5. Oktober 1992 wurde die damals 18-jährige Marion Ploch schwer verletzt in die Chirurgische Universitätsklinik Erlangen gebracht. Es ward eine „massive Hirnverletzung mit sehr schlechter Prognose“ festgestellt, jedoch ergab die neurologische Untersu- chung, dass die Patientin noch lebte.6 Indessen hatten die Eltern den Ärzten mitge- teilt, dass Marion Ploch zu diesem Zeitpunkt schwanger war. Der Gynäkologe, der die erste Ultraschalluntersuchung vornahm, bezifferte das Stadium der (noch intak- ten) Schwangerschaft auf die 13. bis 14. Woche.7 Im Mittelpunkt der ärztlichen Bemühungen stand seinerzeit freilich das Leben der Mutter.8 Sie wurde maschinell beatmet, der Kreislauf war stabil....

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