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Der Geist der Freude

Studien zu den Vorlagen, zur Textgestaltung und zu den Konzeptionen der Jugendwerke des «anderen» Goethe

Jochen Bertheau

Die Werte, die in den Konzeptionen der Jugendwerke Goethes (bis zu Iphigenie, Faust und Meister) zum Ausdruck kommen, widersprechen grundsätzlich jenen des alten Goethe (Entsagung): Freude, Liebe, Mitleid. Neu gefundene Quellen zu Goethes Vorfahren, zu den Hochgradlogen und zu bisher vernachlässigten Werken von Voltaire oder Rousseau sowie Vergleiche der ersten mit späteren Fassungen und philologisch belegbare Ergänzungen zu fragmentarischen Werken erlauben fast überall eine neue Sicht auf die Werke des «anderen» Goethe, wie man neuerdings sagt. Auch die politische Gesinnung des jungen Goethe nähert ihn den revolutionären Werten von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

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VI. Die Laune des Verliebten

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A. Bedeutung Es wurde bereits gezeigt, dass Goethe in der unbarmherzigen Vertilgung seiner Jugendwerke durchaus Ausnahmen zu machen wusste. Sein Schäferspiel blieb erhalten, er ließ es 1779 in Weimar aufführen, erhalten ist eine am 6.3.1806 gemachte Abschrift vor einer weiteren Aufführung. In Dichtung und Wahrheit beschreibt Goethe diesen Einakter nur als Zeugnis seiner persönlichen Eifersucht auf Käthchen Schönkopf (ein erstes „Erlebnis“), dann als Zeugnis des Rokoko in seiner künstlerischen Gesinnung und schließlich als Zeugnis des von Klopstock, Wieland und Lessing gelernten neuen Stils des Lakonismus anstatt der bisherigen Weitschweifigkeit. Diese drei Deutungen widersprechen sich gegenseitig und mangeln des Bezugs zur Wirklichkeit. Fragwürdig ist zunächst der Begriff des Rokoko, das ja eigentlich nur ein Kunststil ist, das ausgehende Barock mit der Rocaille als Leitdekor. Goethe kleidete sich zwar in Leipzig auch preziös-elegant wie ein Stutzer, aber doch nach der neuesten Mode des Louis XVI-Klassizismus. Er begeisterte sich für Oesers klassizistischen Kunstunterricht nach Winckelmanns Vorbild und war mit diesem „ein abgesagter Feind des Schnörkel- und Muschelwesens.“174 Von Rokoko spricht man auch in der Musikgeschichte bei den eleganten, leise verschwebenden Tonfolgen eines Couperin (1668-1733) und eines Domenico Scarlatti (1685-1757), nicht aber bei der ergreifenden Kirchen- und Instrumentalmusik von Bach (1685-1756) oder der geradezu pompösen Orchestermusik von Händel (1685-1759), also genau gleichzeitig. Rokoko-Literatur glaubt man zu erkennen in den Komödien eines Mari- vaux oder eines Goldoni. Goethe schreibt dies Schäferspiel gleichzeitig mit den Sturm-und- Drang-Oden und...

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