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Dämon und Charisma bei Goethe

Ein zentrales Begriffsfeld in Goethes spätem Weltbild

Jana Jäger

Goethes spätes Weltbild, das wesentlich vom Phänomen des Dämonischen geprägt ist, wird in diesem Buch als Ausgangspunkt für bestimmte Ideenräume der modernen Theorie- und Diskursbildung gesehen. Es wird gezeigt, wie sich die Goethesche Vision des Dämonischen auf den heutigen Charisma-Begriff auswirkt und als dessen Grundlage gesehen werden kann. Zuerst werden die Begriffe «Dämon» und «dämonisch» analysiert, um dann in einem zweiten Schritt kenntlich zu machen, wie diese Begrifflichkeiten mit dem heutigen Charisma-Begriff in Verbindung stehen. Ziel des Buches ist es zu zeigen, dass der Charisma-Begriff Max Webers seinen geistesgeschichtlichen Ursprung nicht allein in der Antike und im frühen Christentum hat, sondern dass es Goethe war, der diesen Horizont über seine Vision des Dämonischen in die moderne Welt einführt.

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Vorwort

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Mit ‚Charisma‘ werden im heutigen Sinne vornehmlich Personen in Verbindung gebracht, die eine besondere Ausstrahlung auf ihre Umwelt haben. Dabei werden Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen als ‚Charismatiker‘ gesehen. So wird beispielsweise Adolf Hitler1 ebenso Charisma zugesprochen wie Mahatma Gandhi, Napoleon Bonaparte2 ebenso wie Jesus von Nazareth3, Stefan George4 ebenso wie Maria Callas5. Wie unschwer an diesen nur wenigen Beispielen beobachtet werden kann, ist es irrelevant, welchem (Berufs-)Feld eine Person zugeordnet wird und ob ihr Handeln moralisch positiv oder negativ zu werten ist. Ungeachtet ob in Politik, Musik, Literatur oder Religion, es finden sich in allen Bereichen und in allen Zeitaltern Personen, denen bis heute Charisma zugesprochen wird. Diese Perso- nen zeichnen sich offenbar durch eine besonders einnehmende Kraft gegenüber ‚gewöhnlichen‘ Personen aus. In seiner autobiographischen Schrift „Dichtung und Wahrheit“ schreibt Goethe über die Figur Egmont: „Als ich ihn nun so in meinen Gedanken verjüngt und von allen Bedingungen losgebunden hatte, gab ich ihm die ungemeßne Lebenslust, das grenzenlose Zutrauen zu sich selbst, die Gabe, alle Menschen an sich zu ziehn (attrattiva) und so die Gunst des Volks, die stille Nei- gung einer Fürstin, die ausgesprochene eines Naturmädchens, die Teilnahme eines Staats- klugen zu gewinnen, ja selbst den Sohn seines größten Widersachers für sich einzunehmen.“6 Goethe nennt an dieser Stelle den Begriff ‚attrattiva‘. Er bezeichnet hier die Gabe eines Menschen, auf alle anderen Menschen anziehend und einnehmend zu wirken. Die ‚attrattiva‘ der Figur Egmont beschränkt sich nicht, wie aus...

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