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Aufarbeitung nach Bürgerkriegen

Vom Umgang mit konkurrierender Erinnerung in Bosnien und Herzegowina

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Ute Möntnich

Bosnien und Herzegowina erlebten von 1992 bis 1995 einen ethnisch definierten Bürgerkrieg. In der Folge standen sich die Konfliktparteien mit unversöhnlichen Geschichtsbildern gegenüber. Schaffen es vergangenheitspolitische Verfahren und geschichtspolitische Konflikte, hier einen Wandel konkurrierender Erinnerungen zu bewirken und den Weg zu einer Aussöhnung zu ebnen? Das Buch erörtert diese Frage zunächst anhand theoretischer Studien zur Erinnerung und konzeptioneller Arbeiten über die Verfahren der Vergangenheitspolitik. Anschließend nutzt es die daraus gewonnenen Erkenntnisse, um mit einer Längsschnittstudie zu Bosnien und Herzegowina die Möglichkeiten und Grenzen der Bemühungen um eine Aufarbeitung auszuloten.

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Theoretischer Teil

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27 2. Aufarbeitung von Vergangenheit und kollektive Erinnerung Diese Arbeit fragt, wie sich geschichtspolitische Konflikte und vergangenheitspoliti- sche Verfahren auf die konkurrierenden Geschichtsbilder der Konfliktparteien in eth- nisch gespaltenen Nachbürgerkriegsgesellschaften auswirken. In diesem Kapitel gehe ich zunächst mit Hilfe der theoretischen Annahmen zum kollektiven Gedächtnis der Frage nach, auf welche Weise sich die Erinnerung an die Vergangenheit ändern kann und welches Geschichtsbild den Kriterien einer Aufarbeitung von Vergangenheit ent- spricht. Anschließend erörtere ich, wie Konflikte und Verfahren die Interpretation ei- ner Unrechtsvergangenheit durch die verantwortlichen Akteure beeinflussen. 2.1 Aufarbeitung als Wandel kollektiver Erinnerung Vor etwa einem Jahrhundert untersuchte der Soziologe Maurice Halbwachs die Art und Weise, mit der sich Kollektive auf ihre Vergangenheit beziehen. Wie seine Schrif- ten darlegen, wird individuelles Erinnern durch Mitmenschen und soziale Strukturen ermöglicht, beschränkt und geprägt. Es gibt Erinnerungen, die in der Summe über die Erinnerungen der einzelnen Individuen hinausgehen. In Anlehnung an seinen Lehrer Emile Durkheim betrachtete Halbwachs dieses, von ihm als „kollektive Gedächtnis” bezeichnetes Phänomen, als soziale Tatsache.72 Nach ihm haben viele Wissenschaftler versucht, das kollektive Gedächtnis eingehender zu definieren und zu beobachten. So wurde das Konzept des kollektiven Gedächtnisses durch den Historiker Jan Assmann und die Sprach- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann weiterentwickelt, die es in ihren Werken als kulturelles Gedächtnis und Funktionsgedächtnis der Gesellschaft beschreiben.73 Diese Autoren sehen das kollektive Gedächtnis in unterschiedlichen sozialen Phänomenen: Dieses manifestiert sich in Gesprächen über vergangene Ereig- nisse, in...

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