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Zwischen Augenblicksnotat und Lebensbilanz

Die Tagebuchaufzeichnungen Hugo von Hofmannsthals, Robert Musils und Franz Kafkas

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Beate Sommerfeld

Als Wende- und Umbruchszeit forderte der Übergang zum zwanzigsten Jahrhundert ein Überdenken der Rolle und Funktionsweise von Literatur, in das sich auch das Tagebuch einschreibt, das ihm neue Dimensionen erschließt und zu einer Neudefinierung der Gattung des Tagebuchs führt. Eine Analyse der Textpraxis der Tagebuchaufzeichnungen darf nicht davor Halt machen, traditionelle Ordnungsmuster literarischen Schreibens mit einem Fragezeichen zu versehen. Einen Beitrag dazu zu leisten, die Schreibweisen der Schriftstellertagebücher vor dem Hintergrund der Probleme des Schreibens um 1900 zu untersuchen, ist das Ziel dieser Arbeit. Es wurden Autoren gewählt, die mit der Gattung des Tagebuchs experimentieren, sie im Schreiben thematisieren und die Grenzen des Mediums austesten. Ausgangspunkt ist der Erfahrungsschwund und die Krise der Identität um die «Jahrhundertwende». Wirklichkeitsaneignung und Selbsterschaffung laufen im Tagebuch prozessual zusammen. Die Aufzeichnungen werden zum einen in ihrer Rolle bei der ästhetischen Umsetzung von Wirklichkeit untersucht, die sich in der Auseinandersetzung mit der Medienkultur der Zeit vollzieht. Zum anderen wird nachvollzogen, wie die Schreibenden der Dispersion des Ich durch eine narrative Handhabung von Identität begegnen. Die Tagebuchaufzeichnungen werden zum Medium eines Experimentierens mit der Identität, in dem sich Existenz als ein nicht arretierbarer Prozess der Selbsterkundung darstellt.

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3. Schreiben als „einfache Bühne“– Franz Kafkas Quarthefte

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213 3. Schreiben als „einfache Bühne“ – Franz Kafkas Quarthefte Einleitendes zu Editionsproblemen und gattungsmäßiger Einordnung der Quarthefte Das unter der Sigle ‚Tagebücher‘ edierte Textkorpus umfasst zwölf Quarthefte, zwei Konvolute aus losen Blättern und vier Reisetagebücher. In Auswahl wurden die Tagebücher erstmals im vierten Band der von Max Brod und Heinz Politzer he- rausgegebene Werkausgabe veröffentlicht. 1951 gab Brod die erste Gesamtausgabe der Hefte heraus, wobei er nicht nur Varianten eliminierte, sondern auch einzelnes, das ihm bedeutungslos oder allzu fragmentarisch erschien, um die Quarthefte als stilistische Einheit sichtbar werden zu lassen. Außerdem wurde „allzu Intimes nicht aufgenommen, auch allzu verletzende Kritik gegen den und jenen, die im Sinne Kaf- kas gewiß nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war“889. In der Fassung der Hand- schrift wurden die Tagebücher 1990 im Rahmen der von Hans-Gerd Koch, Michael Müller und Malcolm Pasley besorgten kritischen Kafka-Ausgabe ediert. Die Hand- schrift wird mittlerweile durch die von Roland Reuß und Peter Staengle herausgege- bene Frankfurter Kafka-Ausgabe zugänglich gemacht, in der 2001 die ersten beiden Quarthefte erschienen.890 Wie im Falle der bereits untersuchten Textformationen ist auch das Kafka’sche Textkorpus durch Heterogenität gekennzeichnet. In den Quartheften durchkreuzen sich diarische Notizen und literarische Vorarbeiten. Es scheint, Kafka habe einige der Quartefte zumindest mit dem Vorsatz zu beschreiben begonnen, ein Tagebuch zu führen. Einige Male bezeichnete er seine Notizen in den Quartheften als Tagebü- cher (vgl. KKAT 557, 775, 681). Das Vorhaben glitt ihm anscheinend...

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