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Der traurige Clown

Kurt Tucholskys Weg in das Schweigen

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Michael Segner

Kurt Tucholsky war einer der bekanntesten und wichtigsten politischen Publizisten und Satiriker der Weimarer Republik. Seine Beiträge entlarvten die Machenschaften der konservativen preußisch-deutschen Eliten in Politik, Justiz und Militär, die mit Hartnäckigkeit daran arbeiteten, die ungeliebte Demokratie zu einer Farce werden zu lassen. Tucholsky konnte mit den Tausenden von Beiträgen, die er während der kurzen Jahre der Weimarer Zeit in den unterschiedlichsten Zeitungen veröffentlichte, jedoch nicht den Rechtsruck und schließlich das Abgleiten in die Diktatur verhindern. Desillusioniert von der Wirkungslosigkeit seines Engagements für Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit verstummte der Autor und wählte schließlich, im Bewusstsein seines völligen Versagens, den Suizid. In dieser Veröffentlichung wird Tucholskys Weg in das Schweigen nachgezeichnet und den Gründen für sein Verstummen nachgegangen, welche nicht allein in dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu suchen sind.

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6. Der traurige Clown – Depressionen,Krankheit, Tod

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6. Der traurige Clown – Depressionen, Krankheit, Tod In den letzten Jahren seines Lebens wurde Tucholsky immer stärker von ständig wiederkehrenden Krankheiten beherrscht, wobei es zunächst zweitrangig ist, ob sie eingebildet oder tatsächlich vorhanden waren, – er fiel in schwerste Nieder- geschlagenheit. Interessant ist dabei die Frage, wann und unter welchen Um- ständen die möglicherweise psychosomatischen Erkrankungen auftreten. Er litt seit jeher unter schlimmen Depressionen. Der Einfluss seiner psychischen Be- findlichkeit auf sein Werk und Leben war nicht gerade unerheblich. Auch Marcel Reich-Ranicki, der im Fall Tucholsky von „Schreiben als Sucht“628 spricht, hat auf den Zusammenhang zwischen Tucholskys seelischer Verfassung und seiner literarischen Produktion hingewiesen: Auf die psychische Konstitution Tucholskys ist auch die erstaunliche Zahl seiner meist kleinen Arbeiten zurückzuführen. Von innerer Unrast getrieben, kannte er we- der Geduld noch Ausdauer. (…) Diese Reizbarkeit, die er mit masochistischer Lust bis zu den äußersten Grenzen steigerte, ähnelte wohl einer Zwangsneurose. Ge- zwungen, unaufhörlich die Feinheiten der Sprechweise und somit das Lächerliche und Komische seiner Mitmenschen wahrzunehmen, muss er sicherlich gelitten ha- ben wie ein Komponist, der sich nicht der auf ihn einstürmenden Motive erwehren konnte.629 Besonders in den letzten fünf Jahren seines Lebens scheint sein Motto zu sein: lachen, lachen und nochmals lachen, auch wenn alles um einen herum zerfällt; man muss hier auch den vielsagenden Titel seines Buches Lerne lachen ohne zu weinen630 hinweisen. Der berühmte politische Publizist und schriftstellerische Tausendsassa scheint sich in einem wechselreichen Zustand...

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