Show Less

«Miss GULAG» und die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur

Von Anton Čechov bis Evgenija Ginzburg mit einem Nachwort zu den Pussy Riots

Series:

Lena Schiefler

Miss GULAG (2006) von Maria Yatskova treibt auf die Spitze, was Anton Čechov bereits 1880 auf seiner Reise durch die Sträflingskolonien beobachtet hatte: Nach einer Misswahl in einem Straflager wird die Gewinnerin entlassen. Diese Arbeit untersucht semantisch und kunsthistorisch den Zusammenhang von körperlicher Schönheit und Freiheit in Miss GULAG. Vor einem rechtswissenschaftlichen Hintergrund gibt sie zudem Einblick in die Rolle des weiblichen Körpers in der russischen Lagerliteratur: resozialisierend bei Fedor Dostoevskij, transzendent in der stalinistischen Propaganda des Autorenkollektivs um Maksim Gorkij, wiederbelebend in der Dissidentenliteratur Varlam Šalamovs und Evgenija Ginzburgs. Im Nachwort wird die postsowjetische Identitätsfindung mit den Pussy Riots abgerundet.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

TEIL I

Extract

Miss GULAG von Maria Yatskova 1.1. Der Prolog Vor einem Hintergrund aus weißen Stickgardinen mit floralem Dekor steht eine junge Frau. Ihre rotbräunlichen Haare sind zu einem Dutt hochgesteckt, lockige Strähnen fallen ihr über die goldenen Ohrringe ins geschminkte Gesicht. Eine Perlenkette liegt auf ihrem breiten Dekolleté, das von pinken Rüschen umrahmt wird. Während ihre blauen Augen aufblitzen, verrät ihr rot geschminkter Mund: „A woman should stay beautiful not just outside the fence, but even in here she should show her beauty, not hide in these walls. A woman should be everything wonderful.“ (0:00:08) Die Kamera fährt in die Totale: Die junge Frau steht auf einem Stuhl. Ihr pompöses Ballkleid wird zu ihren Füßen von drei älteren Frauen in Haushalts- kleidern abgesteckt. Um sie herum sind an den Wohnzimmerwänden Grün- und Kletterpflanzen drapiert. Nach einer kurzen Pause folgt ein Ernsthaftes „Well... I’m in for assault.“ (0:00:26) und ein peinlich berührtes Lächeln. Musik setzt ein und die Einblendung „Neihausen-Yatskova & Vodar Films present MISS GULAG“ unterbricht für einige Sekunden den Prolog: Ein Beton- Lenin hinter horizontal verlaufenden Stromkabeln und vor einer wehenden sow- jetischen Flagge blickt aufrecht in die Zukunft (00:00:51). In der nächsten Ein- stellung sieht man eine grüßende Lenin-Statue, die sich frei schwebend um 360° um die eigene Achse dreht und mit Hilfe eines Krans längs auf einen Lastwa- genanhänger gebettet wird (00:00:53). Diese...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.