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Im Wirrwarr der Meinungen

Zwei deutsche Antifaschisten und ihre Stimmen

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Kurt Nelhiebel

Im Wirrwarr der Meinungen, die um ihn herum herrschten, habe er keinen leichten Stand, schrieb Eugen Nelhiebel am 25. März 1945 seinem zur Wehrmacht eingezogenen Sohn Kurt. Auch in der nordböhmischen Heimat der beiden war die Kluft zwischen der Goebbelsschen Propaganda und den realen Erfahrungen des Einzelnen unübersehbar geworden und das Überleben für Antifaschisten gefährdeter denn je. Die hier zum ersten Mal veröffentlichte Korrespondenz zwischen dem Vater und seinem knapp 18-jährigen Sohn bezeugt das auf bemerkenswerte Weise. Kurts Tagebuch dokumentiert die Situation nach Kriegsende und die unvermeidliche Übersiedlung nach Westdeutschland. Die einmaligen Texte beleuchten ein historisches Geschehen, das immer noch von NS-Propaganda und völkischem Denken umschattet ist. Weitere Dokumente und Essays Kurt Nelhiebels behandeln das schwierige Weiterleben antifaschistischer Traditionen. Durch ihre ungewöhnliche Klarsicht heben sie sich deutlich ab vom gängigen Wirrwarr der Meinungen.

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6. Ein Tagebuch Heimatliche und innere Landschaften

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Bei dem nachfolgenden Text handelt es sich um meine Aufzeichnungen aus der Zeit unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges. Sie beginnen mit der Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft in die Heimat am Fuße des Riesengebirges, sie beschreiben den schmerzhaften Abschied von der Heimat und enden fünf Jahre später mit dem Beginn meiner berufl ichen Tätigkeit als Journalist in Stuttgart. Der einleitende Satz „Ich bin frei” bezieht sich auf meine Entlassung aus einem tschechischen Lager, in das ich als ehemaliger Soldat der deutschen Wehrmacht ein- geliefert worden war. Mit der Bemerkung, „Ich hatte mich operieren lassen”, hat es folgende Bewandtnis: Damit ich nicht zur Zwangsarbeit in eine Kohlengrube geschickt werden konnte, simulierte ich im Lager eine Blinddarmentzündung. Ich tat dies so glaubhaft, daß der Kommandant mich ohne Bewachung in ein Krankenhaus gehen ließ. Dort wurde mir ein gesunder Blinddarm entfernt. Eine Stunde vor der Operation hatte ich erfahren, dass ein Gesuch meines Vaters, mich als Sohn eines Antifaschisten von weiterer Haft zu verschonen, Erfolg gehabt hat. Die Operation war damit überfl üssig geworden. Da ich aber als Soldat wegen derselben „Krankheit” schon einmal auf einem Operationstisch lag, wollte ich den Blinddarm diesmal los werden. * * * Sommer 1945 Ich bin frei. Nur wer selbst in Gefangenschaft war kann wirklich nachfühlen, was es bedeutet, sich frei bewegen zu können, ohne die Schritte eines Postens hinter sich oder neben sich zu hören. Ich hatte mich operieren lassen, ohne dass mir etwas fehlte. Nur um Zeit zu...

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