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Aneignung und Abgrenzung

Studien zur Relativität kultureller Grenzziehungen zwischen der französischen und der deutschsprachigen Literatur im 19. und 20. Jahrhundert

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Edited By Véronique Liard and Bernhard Spies

Die französische und die deutsche Kultur im 19. und 20. Jahrhundert haben gegeneinander nicht den Status eines Anderen, durch dessen Ausgrenzung sich ein Eigenes als exklusive kulturelle Qualität definieren ließe. Die nationalistischen Abgrenzungen, an denen es in der Geschichte nicht fehlt, unterbinden die kulturelle Stimulation über die Landesgrenzen hinweg keineswegs, sondern schließen vielfältige Vorgänge der Aneignung ein. Die Beiträge zu diesem Band studieren solche Vorgänge an im weitesten Sinn literarischen Texten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Ihre Autorinnen und Autoren sind Germanisten, die als Doktoranden, Dozenten bzw. Professoren an der Université de Bourgogne in Dijon und an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz tätig sind.

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Marie-Claire Méry: Literarische Kontakte zwischen Wien und Paris um 1900: Wahl- und Geistesverwandtschaften zwischen Rudolf Kassner und André Gide

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47 Marie-Claire Méry (Dijon) Literarische Kontakte zwischen Wien und Paris um 1900: Wahl- und Geistesverwandtschaften zwischen Rudolf Kassner und André Gide Einleitung Die Jahrhundertwende gilt wegen ihres Facettenreichtums als eine hochinteres- sante Epoche der Literatur, der deutschsprachigen wie der gesamteuropäischen. Man denke nur an die vielen neuen Begriffe, die in die Literaturgeschichte und -wissenschaft Eingang gefunden haben und u. a. auch verschiedene Strömun- gen – etwa Symbolismus, Impressionismus, Fin de siècle, Moderne, Ästhetizis- mus, Neuromantik, Neuklassik oder Dekadenzliteratur – charakterisieren. Unter diesen Stichworten eröffnen die beiden, beim ersten Hinsehen wider- sprüchlichen, Etiketten „Fin de siècle“ und „Moderne“ ein besonderes Span- nungsfeld, das sich durch das Auftreten einer jungen Generation erklären lässt, deren Repräsentanten meistens mit hergebrachten Formen oder Themen brechen, sich von den „Vätern“ emanzipieren und dementsprechend sich für eine neue Poesie einsetzen wollen. Der Kreis der so genannten „Jung-Wiener“, zu denen namentlich der gar nicht mehr so junge Schnitzler und vor allem das „geboren[e] Genie“ Hofmannsthal gehören1, ist ein aufschlussreiches Beispiel für jene künst- lerischen Zirkel, die überall – in Wien, aber auch in Prag, Budapest, Paris oder London – das Ideal einer Erneuerung der Literatur anstrebten. Zu dem Generationsunterschied zwischen älteren und jüngeren Schriftstellern kommt ein zweites bedeutendes Moment, das auf gesamteuropäischer Ebene das literarische Leben dieser Epoche ebenfalls geprägt hat, nämlich das Nationale: Zwischen 1890 und 1910 ist der politische Kontext der Zeit ohne Bezug auf den Nationalismus nicht zu verstehen,...

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