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Falsche Könige zwischen Thron und Galgen

Politische Hochstapelei von der Antike zur Moderne

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Gerhard Menzel

Das Phänomen politisch relevanter Hochstapelei, das heißt falscher Thronbewerber, die zeitweilig Herrschaft ausübten, Aufstände entfesselten, diplomatische Wirrungen verursachten, zumindest aber harte Sanktionen provozierten, begleitet die Geschichte der Monarchien von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Zwar sind die prominenteren Fälle vielfach untersucht worden, aber nur selten wurde das Thema in größeren Zusammenhängen fachhistorisch aufgegriffen. Eine Gesamtschau wurde vor allem populären Sammelbiographien überlassen. Ohne die darstellende Tradition dieser Sammelwerke gänzlich aufzugeben, orientiert sich diese Arbeit streng an den Quellen und der wissenschaftlichen Literatur. Sie bezieht bisher oft vernachlässigte Epochen und Räume ein, greift die Diskussion um Identitätsfragen und politische Hintergründe der Prätendenten auf, setzt die Einzelfälle in historische Zusammenhänge und öffnet den Blick auf die Rezeption des Themas in der schönen Literatur.

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VII. Eine deutsche Krankheit ?: falsche Kaiser und Fürsten

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Der französische Historiker Gilles Lecuppre, der sich neuerdings ausgiebig mit dem Thema politischer Hochstapelei im Mittelalter beschäftigt hat, weist nach, dass von etwa dreißig bekannten Fällen dieser Art in West-und Mitteleuropa nicht weniger als zwölf in Deutschland, dem damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher >ation, zu verzeichnen sind. Er spricht von einer „deutschen Krankheit“. (Lecuppre 2008, S. 49) Und nicht nur zahlenmäßig, sondern auch zeitlich führt Deutschland in dieser Hinsicht, denn nahezu ein Jahrhundert vor dem falschen Balduin in Flandern trat bereits eine mysteriöse Figur auf, die sich für den 1125 verstorbenen römisch-deutschen Kaiser Heinrich V. ausgab. Der falsche Kaiser Heinrich V.1 Zwei in etwa zeitgenössische Quellen berichten über diesen geheimnisvollen Mann, wahrscheinlich einen Eremiten, der sich 1137/38 in Italien und/oder bei der Stadt Solothurn in der heutigen Schweiz als den an sich 1125 verstorbenen Kaiser Heinrich V. zu erkennen gab. Er soll diesem Herrscher ähnlich gesehen und vor allem dessen überlange Arme besessen haben. Auch wusste er mit man- cher Einzelheit aus dem Leben des Kaisers aufzuwarten. Die Motive oder Hintergrundsintrigen, die diesen Hochstapler antrieben, sind vollkommen unklar. Der echte Kaiser Heinrich war kein besonders volks- tümlicher oder charismatischer Herrscher gewesen. Er wird als ein eher düsterer und habgieriger Charakter beschrieben, der mit seinem Vater Heinrich IV., dem Kaiser des Investiturstreits, mit den Päpsten und den deutschen Fürsten manches hinterhältige Spiel trieb und dabei nicht einmal allzu großartige politische Erfol- ge erzielte....

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