Show Less

Die Grazie tanzt

Schreibweisen Christoph Martin Wielands

Series:

Edited By Miriam Seidler

«Die Kinder des Geistes werden schnell und mit Vergnügen gezeuget;» schreibt Christoph Martin Wieland im April 1758 an seinen Freund, den Mediziner Johann Georg Zimmermann, «aber dann folget viel Mühe und Arbeit, sie zu bilden, zu polieren und zur Reiffe zu bringen.» Dieses Ringen um die formale Gestaltung und ästhetische Wirkung seiner Werke spielt für Wieland eine große Rolle, wird aber in der Forschungsliteratur kaum beachtet. Aus Anlass des 200. Todestages des Autors im Jahr 2013 erkundet dieser Sammelband die Vielfalt der Schreibweisen im Werk des Aufklärers und ermöglicht damit einen Blick auf bislang unbekannte Facetten des umfangreichen Werkes.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

LIEBE ALS DIDAXE UND LIEBE ALS ROMAN

Extract

RALF GEORG CZAPLA „Carmen et error“? Christoph Martin Wielands eigenwillige Rezeption der erotischen Lehrdichtung Ovids I. Auch nach mehr als 2.000 Jahren liegen die Gründe, weshalb der Dichter Ovid im Jahre 8 n. Chr. Rom verlassen und sich ins Exil nach Tomi begeben musste, im Dunkeln. Der Hypothesen gab es viele,1 seit die Humanisten seine Texte der philologischen Kritik unterzogen, und alle nahmen sie ihren Ausgang von einer offenkundig autobiographischen Bemerkung, die der Dichter in einer seiner Elegien vom Schwarzen Meer macht. „Carmen et error“, ein Gedicht und eine Verirrung, heißt es in Tristria II,207, seien dafür verantwortlich gewesen, dass man ihn vom Zentrum des Römischen Reiches an dessen Peripherie verbannt habe.2 Aus den Tristien und den Epistulae ex Ponto, den einzigen Dokumenten übrigens, die Ovids Verbannung bezeugen, wissen wir, dass mit dem fraglichen ›carmen‹ die Ars amandi gemeint ist, eine in Versform gehaltene und um die Zeitenwende veröffentlichte Sammlung von Ratschlägen, wo ein Mann in Rom ein Mädchen kennen lernen, wie er es für sich gewinnen und wie er sich seine Liebe sichern könne. Vorgeblich ein Lehrgedicht, distanziert sich die Ars amandi von dem im Augustuskreis gepflegten literarischen Genre jedoch durch die Sprechhaltung ihres Verfassers, dem beim Spiel der Geschlechter nichts so ernst erscheint, als dass es nicht witzig-ironisch gebrochen werden könnte. In formaler Hinsicht verabschiedet sich Ovid vom Hexameter, dem seit Hesiod kanonisch gewordenen Metrum der antiken Lehrdichtung, und übt sich statt- dessen im elegischen Distichon,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.