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Gehirn und Zauberspruch

Archaische und mittelalterliche psychoperformative Heilspruchtexte und ihre natürlichen Wirkkomponenten- Eine interdisziplinäre Studie

Wolfgang Ernst

Seit Beginn menschlicher Kultur waren Heilkundige bemüht, Kranken auch mit geeigneten Worten zu helfen. Archaische und mittelalterliche Heilspruchtexte, bisher als magische oder per Wortakt performierende Instrumente gedeutet, werden vom Autor erstmals nach neurobiologisch möglichen Funktionsabläufen unter die Lupe genommen. Textinhalte und Wortfiguren werden nach Kriterien emotionaler Verarbeitung per frontaler Regulierung, als Reaktion auf kognitive Inkongruenzen, als Imagination von Regression und als extro- und introversive Katharsis beschrieben. Dabei zeigt sich, daß fließende reziproke Vermittlungen von Kultur zu Natur möglich waren: Wort und Ritus konnten zur Aktivierung innerer Bilder und damit neuronaler Aktivitäten bis zu immunologischen Veränderungen beitragen.

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A Eine kurze Forschungsgeschichte zu Entstehung, Anwendung und Wirkung des Heilspruchs und der Heilriten: Die Konstrukte des Unbegreiflichen

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A1 Der Magiebegriff in Theorie und Praxis Die bisherigen Versuche, Entstehung, Praxis und Folgen der Anwendung psychoperformierender Sprüche zu erklären, stehen für Laien und einen Teil der Wissenschaftler auf dem ungewissen Boden eines Allerweltsbegriffes: Noch immer gilt ‚Magie‘ als schlagkräftige Antwort auf alle betreffenden Fragen. Aber was war und was ist Magie? Der Begriff gehörte und gehört zu den am schwierigsten definierbaren Begriffen. Jedem, der sich auf den Versuch einließ, ihn zu klären und zu fassen, drohte ein Gespenst. Es drohte mit Verschlingen, Blitzschlag oder Wasserflut, einen ewigen Zauberlehrling zu fesseln, niederzu- strecken oder zu ersäufen. Denn ‚Magie‘ ist vielfältig und wandelbar in ihren Phänomenen wie Proteus und kaum schlagbar regenerationspotent wie die Hydra. So sammelte ein Dok- torand der Neuzeit allein zum Phänomen „böser Blick“ bis zu seinem Tode 18 Millionen Belege und vererbte sein Vermögen dem Doktorvater; allein die Sammlung blieb verschwunden.28 Andere Sammler waren unter Beherrschung ihrer anankastischen Persönlichkeitsanteile oft bis zum Versuch gekommen, Ordnungsprinzipien in all dem zu schaffen, was jeweils als Magie oder magie- verdächtig verstanden wurde. Mit Beginn des Buchdrucks erschienen die Werke von Agrippa von Net- tesheim und Johannes Trithemius. In den folgenden Jahrhunderten begegnen Sammlungen und Lexika, die ihrerseits wiederum Sammlung und Deutungen veranlaßten, wie sie Will-Erich Peuckert 1936 und 1967 mit Pansophie und Ga- balia anhäufte. Zu Ende des 18. Jahrhunderts hatte Johann Samuel Halle die ‚Fortgesetzte Magie oder die Zauberkräfte der Natur...

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