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Die Bindungswirkung von Urteilen im Vertragsverletzungsverfahren

Das Beispiel der vergaberechtlichen Praxis in Deutschland, Österreich und Italien

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Anna Lageder

Die Autorin untersucht die Wirkungen von Urteilen des EuGH im Vertragsverletzungsverfahren, die – sofern eine Vertragsverletzung vorliegt – als Feststellungsurteile ohne unmittelbare rechtsgestaltende Wirkung ergehen. Ihre praktische Relevanz vermögen sie erst durch eine Bindung der Mitgliedstaaten an ihre wesentlichen Inhalte zu entfalten. Ausgehend vom europäischen Primärrecht durchleuchtet Anna Lageder die Urteilswirkungen am Beispiel eines vergaberechtlichen Urteils des EuGH. Dabei setzt sie sich rechtsvergleichend mit den Vergaberechtsordnungen Deutschlands, Österreichs und Italiens auseinander und legt bedeutende Differenzen, aber auch Gemeinsamkeiten offen.

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1. Abschnitt: Die Wirkungen von Urteilen des EuGH in Vertragsverletzungsverfahren im Kontext des unionsrechtlichen Primärrechts

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A. Die Rechtsprechung des EuGH in der europäischen Normenhierarchie Die Europäische Union basiert seit dem Reformvertrag von Lissabon auf einer dualen konstitutionellen Grundlage: dem EUV und dem AEUV, ergänzt durch die Grundrechte-Charta.69 In der Literatur wird diese Dyade teilweise zu einer „konstitutionellen Trias“70 erweitert, mit der Grundrechte-Charta als dritter ver- traglicher Grundlage.71 Allen Rechtsakten ist gemeinsam, dass sie unmittelbar von den Mitgliedstaaten geschaffen wurden72 und einander gleichrangig und gleichwertig sind.73 Die Mitgliedstaaten sind die „Herren der Verträge“.74 69 Obwexer, in: Mayer H./Stöger, EUV/AEUV, Art. 1 EUV, Rn. 90 und 92 [Stand: 7/2011]. Ähnlich auch Nettesheim, in: Grabitz/Hilf/Nettesheim, Das Recht der EU, Art. 1 EUV, Rn. 43 ff. [8/2012]. 70 Kotzur, in: Geiger/Khan/Kotzur, EUV/AEUV, Art. 1 AEUV, Rn. 6. 71 Ebda; a.A. Nettesheim, in: Grabitz/Hilf/Nettesheim, Das Recht der EU, Art. 1 EUV, Rn. 44 [Stand: 8/2012]; Obwexer, in: Mayer H./Stöger, EUV/AEUV, Art. 1 EUV, Rn. 92 [Stand: 7/2011]. 72 Borchardt, Die rechtlichen Grundlagen der EU, § 3, Rn. 82. 73 Kotzur, in: Geiger/Khan/Kotzur, EUV/AEUV, Art. 1 AEUV, Rn. 6; Obwexer, in: Mayer H./ Stöger, EUV/AEUV, Art. 1 EUV, Rn. 90 und 92 [Stand: 7/2011]. Zur Gleichrangigkeit von EUV und AEUV siehe auch Nettesheim, in: Grabitz/Hilf/Nettesheim, Das Recht der EU, Art. 1 EUV, Rn. 46 ff. [Stand: 8/2012]. 74 Der Ausdruck geht zurück auf Everling, in: FS Mosler, 1983, S. 173 ff. (so auch Borchardt, Die rechtlichen Grundlagen der EU, § 2 Rn. 77 Fn. 53). Everling (ebda) unternimmt eine Untersuchung des Verhältnisses...

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