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Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk

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Karen Brüning

Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse der Wechselwirkung zwischen Robert Musils Frühwerk und der Gestaltpsychologie. Der österreichische Schriftsteller gilt als Wanderer zwischen den Welten der Wissenschaft und der Literatur. Er emanzipiert sich von der wissenschaftlichen Psychologie und setzt ihr eine auf psychologischen Erkenntnissen basierende Poetologie entgegen, in der besonders die Erkenntnisse der Gestalttheoretiker literarisch verarbeitet werden. In diesem Prozess, dessen Endpunkt der «Mann ohne Eigenschaften» darstellt, kommt dem Frühwerk eine besondere Bedeutung zu. Karen Brüning zeigt auf, wie Musil hier erstmals literarische Zugänge zu einem eigentlich psychologischen Erkenntnisinteresse erarbeitet: der Definition der Seele.

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7. Musils Seelenbegriff als Produkt gestalttheoretischer Einflüsse

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Diese konsequente Orientierung an psychischen Phänomenen stellt einen Punkt dar, der Musil gleichzeitig mit den Forschungen der Gestaltpsychologen ver- eint und von ihnen trennt. Er verfolgt die Entwicklung der Gestaltpsychologie aufmerksam, problematisiert aber den Zugang, der, wie auch in der ‚alten‘ Psy- chologie, über die psychischen Funktionen erfolgt – die Frage nach seelischen Prinzipien, wie Musil sie stellen möchte, wird nicht untersucht. Entsprechend frei interpretiert er die Schriften und Ergebnisse der Gestaltpsychologen, denn seine Exzerpte, die sich mit diesen Texten beschäftigen, werden mit der Perspek- tivierung auf die Seele in einen völlig anderen Kontext gestellt. Wie im vorherigen Kapitel gezeigt werden konnte, rekurrieren die Gestalt- psychologen immer wieder auf physiologische Gegebenheiten, mit denen Vor- gänge der Wahrnehmung und ihrer Organisation erklärbar gemacht werden; der Schwerpunkt der Untersuchungen liegt dabei auf optischen Erscheinungen. Diese Prinzipien stehen für Musil naturgemäß nicht im Vordergrund seiner Überlegungen. Zwar stellt sich das Gebiet der Wissenschaften für den Autor im Allgemeinen als durchaus zweckdienlich heraus, konkrete experimentell-phy- siologische Untersuchungen stellt er jedoch nicht an.656 Mit dieser Beobachtung geht auch die weitgehende Ablösung von den konkreten visuellen Phänomenen einher, die Musil ihrerseits ihrem ursprünglichen Kontext enthebt und (wie noch zu zeigen sein wird) auf abstrakte seelische Prinzipien überträgt.657 In Bezug auf Musils Gestaltbegriff konstatiert Bonacchi, dass er „sich auf ei- nem Weg [befindet], der dem der Gestalttheoretiker sehr nahe war.“658 Tatsäch- lich finden sich neben den abstrahierten Motiven, über die noch zu sprechen sein...

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