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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

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Der „Neubau“ des Theaters

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„Der neue Staat hat seine eigenen Gesetze. Ihnen unterlie- gen alle, vom Ersten bis zum Letzten. Auch der Künstler hat die Pflicht, sie anzuerkennen und zur Richtschnur sei- nes schöpferischen Handelns zu machen.“ Mit diesen Wor- ten setzt Joseph Goebbels, der Reichspropaganda-Minister, den wesentlichen Akzent in seiner Rede zur Gründung der Reichskulturkammer am 15. November 1933.1 Die „neuen Aufgaben“ der deutschen Kultur und Kunst sind, wie alles im Faschismus, dem totalitären System und seiner politischen Doktrin unterworfen. Indoktrinierung und Kontrolle des ge- samten öffentlichen und privaten Lebens umfassen auch das Theater. So gilt das Interesse des NS-Staates dem Theater in besonderer Weise, sieht er doch in der Entwicklung und Eta- blierung eines „Dramas der Volksgemeinschaft“2 den „natio- nalsozialistischen Kulturwillen“3 am effektivsten umsetzbar. 1936 wird in den Dresdner Nachrichten festgestellt: „Man kann ruhig behaupten, daß mit dem Durchbruch der nationalsozialistischen Revolution das Theater mit am stärks- ten unter allen kulturellen Einrichtungen erschüttert worden ist. [...] Heute bereits, nach drei Jahren nationalsozialistischen Neubaues des deutschen Theaters, zeigt sich das Gesamtbild einer gereinigten, erneuerten, erweiterten deutschen Schau- bühne in klaren Umrissen.“4 1 Goebbels, Joseph: Signale der neuen Zeit. S. 335. 2 Schlösser, Rainer: Das Volk und seine Bühne. S. 38. 3 Schlösser, Rainer: Das Volk und seine Bühne. S. 37. 4 Felix Zimmermann: Neubau des Theaters durch den National- sozialismus. In: Dresdner Nachrichten vom 20.3.1936., zitiert nach: Wulf, Joseph: Theater und Film im Dritten Reich. S. 34. 12 Der „weltanschaulichen...

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