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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.

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„Reichsdramaturgie“

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Wenn in den folgenden Überlegungen das Stichwort „Reichs- dramaturgie“ im Mittelpunkt meines Interesses steht, so meine ich diese vordergründige, quasi statistische Seite der NS-Theaterpolitik nicht unmittelbar. In den soeben zitierten Äußerungen von Schlösser wird nämlich auch ein anderer Zusammenhang von Theater und Politik angesprochen, um den es mir vornehmlich geht. Der im Stichwort „Reichs- dramaturgie“ aufscheinende Zusammenhang von Theater und Politik, wie ihn Drewniak faktenreich dargestellt hat, ist die nur organisatorische Prozesse betreffende Oberfläche der NS-Theaterpolitik, stellt aber nicht das Zentrum meines Erkenntnisinteresses dar. Der Begriff „Reichsdramaturgie“ erscheint dabei zunächst nur in seiner metaphorischen Über- tragung auf das genuin nicht theatralische Handlungsfeld Staat (Reich) in spezifischer Unschärfe. Er suggeriert, abge- leitet von seiner griechischen Wort-Wurzel „dramaturgein“ (ein Drama verfassen) die Herstellung und Aufführung eines Theaterwerks, beansprucht somit im Zusammenhang mit der behaupteten Dramaturgie des „Reiches“, dass in Ausübung einer Reichsdramaturgie ein (Kunst-)Werk „Reich“ konzep- tionell geplant und als Aufführung hergestellt wird. Damit rückt Reichsdramaturgie in eine Parallelität zum Vorgehen ei- ner Dramaturgie des Theaters. So gesehen wird vorausgesetzt, dass der Staat als ein mit ästhetischen Mitteln produziertes Werk gemeint ist. Dennoch bleibt aber Reichsdramaturgie ein uneigentlicher theatralischer Prozess. Soweit sie sich nämlich auf die Organisationsstrukturen der Institution Theater, also eine Theaterpolitik im engeren Sinn bezieht, wird ein Zusam- menhang von Theater und Politik beschreibbar, der den Staat nicht zwingend als Kunstwerk zur Voraussetzung und zum Ziel erklärt. Ein solcher geradezu simpler Zusammenhang entspricht allerdings nicht...

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