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Proust und der Krieg

Die wiedergefundene Zeit von 1914

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Uta Felten, Kristin Mlynek-Theil and Kerstin Küchler

Proust ist ein genauer Archäologe der diskursiven und sensoriellen Spuren des Krieges, die er in seinem Romanwerk zu einem polyvalenten Rhizom montiert, das sich eindeutigen Zuweisungen willentlich entzieht. Vergeblich sucht man nach direkten Frontberichten des Ersten Weltkrieges oder Bildern zerstückelter Körper auf seinen Schlachtfeldern. Die in diesem Band versammelten Beiträge lesen den letzten Band des Proust’schen Romanwerks À la recherche du temps perdu als vielstimmige Archäologie des Ersten Weltkrieges, die aus einer epistemologischen, intermedialen, philologischen und erkenntnistheoretischen Perspektive analysiert wird.

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Der Krieg in der Perspektive des Erzählers und des Baron de Charlus (Volker Roloff)

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Volker Roloff Der Krieg in der Perspektive des Erzählers und des Baron de Charlus Der Krieg ist mehr als eine Episode im Roman der Recherche, er führt – dies ist mein Leitgedanke – zu grundlegenden Veränderungen und neuen Einsichten, die nicht nur die Thematik, sondern die Komposition und Struktur der Recherche selbst betreffen. Proust verändert mit der Erfahrung des Krieges die ursprüngliche Konzeption des Romans und damit auch die Konzeption des in Le Temps retrouvé projizierten künftigen Romans. Hauptfiguren in diesem Prozess der Veränderun- gen sind einerseits der Ich-Erzähler, in seiner Doppelrolle als Betroffener und kritischer Beobachter, und andererseits der Baron de Charlus, der – neben Saint- Loup und Gilberte – zur wichtigsten Figur in dem Drama der durch den Krieg hervorgerufenen, spektakulären Veränderungen wird. Ich werde im Folgenden das Ensemble verschiedener Veränderungen mit dem Begriff der „Metamorpho- sen“ zusammenfassen, sowie mit eng verwandten Begriffen wie „Inversion“, „Sub- version“ und „Perversion“ als figures, die – im Sinne von Roland Barthes – immer zugleich reale und imaginäre, sprachliche und körperliche Vorgänge betreffen. „L’inversion – comme forme – envahit toute la structure de la Recherche“ und Barthes fügt hinzu: „il y a une pandémie de l’inversion, du renversement.“1 In diesem Sinne sind die Ereignisse der ‚Invasion‘, der Einmarsch der deut- schen Truppen bis in die Nähe von Paris, die Inversion von Charlus (bis hin zur Perversion) und die Subversion der gesellschaftlichen Strukturen eng verbunden, wechselseitig aufeinander bezogen. Sie gehören zu einem...

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