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«Les queues de siècle se ressemblent»: Paradoxe Rhetorik als Subversionsstrategie in französischen Romanen des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts

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Anne Effmert

Die Literaturkritik hat immer wieder Vertreter des französischen Gegenwartsromans unter den Schlagworten Fin de Siècle und Dekadenz verortet. Die Autorin macht sich die systematische Aufarbeitung dieser meist oberflächlich gebliebenen Annäherung zur Aufgabe. Anhand einer kontrastiven diskursanalytischen Lektüre ausgewählter Romane von Michel Houellebecq, Maurice G. Dantec, J.-K. Huysmans und Octave Mirbeau zeigt sie, dass die Autoren in ihren Texten nicht nur vergleichbare Motive reproduzieren, sondern darüber hinaus eine charakteristische Subversionsstrategie verfolgen. Diese kann als paradoxe Rhetorik beschrieben werden und hat allen Romanen eine vergleichbar kontroverse Rezeption eingebracht.

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6. Paradoxe Ästhetik: vom style décadent zur Anti-écriture

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Ein Vergleich der Romanästhetik der hier besprochenen Autoren muss auf den ers- ten Blick geradezu widersinnig anmuten, denn den Texten liegen augenscheinlich völlig konträre Literaturkonzeptionen zugrunde. So situiert sich der Dekadenz- roman À rebours im Kontext des Ästhetizismus381, der sich mit seinen selbstrefe- renziellen und hermetischen Tendenzen sowohl vom klassischen Sprachideal als auch von der naturalistischen Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit distanziert. Das dominante naturalistische Romanmodell erscheint mit seinem Anspruch auf eine wissenschaftlich-objektive Beschreibung der gesellschaftlichen Realität im ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend als zu oberflächlich, da es „[…] das [verfehle], was Literatur zu leisten hätte, die Wiedergabe subjektiver Erfahrung in ihrer Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit“.382 Houellebecq und Dantec stehen dagegen im späten 20.  Jahrhundert gerade für die Rückkehr zu einer Konfrontation der Literatur mit der ungeschönten gesellschaftlichen Rea- lität und sind aus diesem Grund immer wieder zu Vertretern einer „Realismus- Renaissance“383 bzw. zu „écrivains néonaturalistes“384 stilisiert worden. Besonders Houellebecqs Texte könnten mit ihrer häufig als ‚platt‘ disqualifizierten stilisti- schen Ausgestaltung auf den ersten Blick nicht weiter entfernt sein vom „nervös- delikaten Stil“385 der Dekadenzliteratur. Die hier besprochenen Literaturproduktionen bewegen sich somit in formaläs- thetischer Hinsicht offenbar in völlig entgegengesetzte Richtungen. Es soll jedoch 381 Im Folgenden soll der Begriff im Anschluss an Annette Simonis nicht als transhistori- sche Stilrichtung, sondern als eine spezifisch literarische Epochenströmung des späten 19. Jahrhunderts verstanden werden, die mit ihrem Formenkalkül, der Verdichtung von Beobachtungsverh...

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