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Im intertextuellen Schlangennest

Adam Mickiewicz und polnisch-russisches (anti-)imperiales Schreiben

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Heinrich Kirschbaum

Die Monographie leistet einen Beitrag zu einer Forschungsrichtung, die man analog zur New Imperial History als Neue Imperiale Literaturgeschichte bezeichnen könnte.
Durch die Verbannung des polnischen Dichters Adam Mickiewicz nach Russland kam es in den 1820er Jahren zu einer in ihrer Intensität einmaligen Begegnung zwischen der polnischen und russischen Romantik. Paradigmatische Geltung haben vor allem die konfliktreichen Konstellationen zwischen Mickiewicz und Puškin. Im Kontext postkolonialer Ansätze zu Ostmitteleuropa untersucht das vorliegende Buch das intertextuelle Spannungsfeld, in dem die beiden Literaturen ihre (anti-)hegemonialen Schreibstrategien entwickelten und dabei kontroverse poetisch-politische Polen- und Russland-Figurationen entwarfen, die bis heute nachwirken.

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2. Im Harem des Imperiums

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2.1. Entführung aus dem Serail oder Salon-Orientalismen eines Provinz-Dandys Im vorigen Kapitel wurden am Beispiel der duma die polnisch-russischen litera- rischen Metonymisierungen besprochen, sei es die Verortungen im Norden via Ossianismus oder die Selbstslavisierung durch An- und Enteignungsstrategien der dumy-Gattung. Anfang der 1820er Jahre tritt jedoch noch ein Diskurs in den Vor- dergrund der Selbstzuschreibungen und Selbstbeschreibungen beider Literaturen: der Orientalismus. Im Folgenden werden drei nicht kanonische Texte aus dem Frühwerk Adam Mickiewicz’ angesprochen, in denen sich die für die Generation der 1820er Jahre zentrale, poetisch-politische, (anti-)hegemoniale Identität erzeu- gende Verschränkung von Nord- und Orient-Diskursen vollzieht. Nicht zuletzt vor der Folie dieser frühen Auseinandersetzung mit dem orientalischen Thema sind die weiter zu besprechenden intertextuellen Relationen zwischen Puškins Bachčisarajskij fontan und Mickiewicz’ Sonety krymskie zu betrachten. Erste Ansätze der orientalistischen Diktion, verbunden mit einer Selbstver- ortung im Norden, lassen sich noch vor der expliziten romantischen Phase, nämlich bereits in Mickiewicz’ erstem publiziertem Gedicht, Zima miejska (Der Stadtwinter, 1818), finden. Mickiewicz’ Wintergedicht beginnt mit einer Absage an die anderen Jahreszeiten, d.h. indirekt auch an die anderen, geopoetisch und geokulturosophisch konnotierten Himmelsrichtungen: Przeszły dżdże wiosny, zbiegło skwarne lato I przykre miastu jesienne potopy, Już bruk ziębiącą obleczony szatą, Od stalnej fryzów nie krzesany stopy. Więzieni słotą w domowej katuszy, Dziś na swobodne gdy wyjrzem powietrze, Londyński pojazd tarkotem nie głuszy Ani nas kręgi zbrojnymi rozetrze. (Mickiewicz 1955, I, 15) Vor...

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