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Im intertextuellen Schlangennest

Adam Mickiewicz und polnisch-russisches (anti-)imperiales Schreiben

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Heinrich Kirschbaum

Die Monographie leistet einen Beitrag zu einer Forschungsrichtung, die man analog zur New Imperial History als Neue Imperiale Literaturgeschichte bezeichnen könnte.
Durch die Verbannung des polnischen Dichters Adam Mickiewicz nach Russland kam es in den 1820er Jahren zu einer in ihrer Intensität einmaligen Begegnung zwischen der polnischen und russischen Romantik. Paradigmatische Geltung haben vor allem die konfliktreichen Konstellationen zwischen Mickiewicz und Puškin. Im Kontext postkolonialer Ansätze zu Ostmitteleuropa untersucht das vorliegende Buch das intertextuelle Spannungsfeld, in dem die beiden Literaturen ihre (anti-)hegemonialen Schreibstrategien entwickelten und dabei kontroverse poetisch-politische Polen- und Russland-Figurationen entwarfen, die bis heute nachwirken.

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4. Fabula rasa und Palimpsest

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4.1. Suvorov, Jungfrau Russland und verschneite Berge der Freiheit Zwar setzen russische „Nationalisierungen“ des Nordens und des Winters bereits Ende des 18. Jahrhunderts ein, es ändern sich jedoch die Tempi und Topoi dieses Diskurses entscheidend nach 1812, als der Frost als Russlands Komplize imagi- niert wird.325 Da, wie oben bereits erwähnt, der Krieg von 1812 als ein historischer Reim zu 1612 konzipiert wird, bekommen die entsprechenden Diskurse auch eine (anti-)polnische Komponente, die durch die Teilnahme Polens am napoleonischen Feldzug an Aktualität gewinnt. So setzt Žukovskij in seinem paradigmatischen Ge- dicht Pevec vo stane russkich voinov, das ihm den Ruhm des „neuen Deržavin“ bescherte, die Ereignisse von 1812 weiter mit den Suvorov’schen Feldzügen ge- gen die Polen (Russisch-polnischer Krieg von 1769–1772, Niederschlagung des Kościuszko-Aufstandes) und mit dem Alpenfeldzug 1799 gegen die Franzosen (und ihre polnischen Legionäre) in Verbindung. Vor einer Schneekulisse erscheint bei Žukovskij das schreckenerregende Ge- spenst Suvorovs, vor dem sowohl der Franzose („галл“) als auch der Pole („сар- мат“) erblassen und zittern (vgl. Žukovskij 1999, 226f.). Nach der namentlichen Aufzählung der Helden und ihrer Heldentaten spricht der „Sänger“ Napoleon an: Hunger, Kälte und die von den Franzosen selbst verödete Gegend erwarten den Gegner auf dem Rückzug aus Russland. Der Winter, der zum Verbündeten Russlands erklärt wird, versperrt Napoleon den Weg. Dem Angreifer steht der unwürdige Tod in der russischen Schneewüste bevor: Веди ж своих царей-рабов С их стаей в область хлада; Пробей тропу среди снегов Во сретение глада… Зима, союзник наш, гряди! Им заперт путь возвратный; Пустыни в пепле позади […] (Žukovskij 1980, I, 138) 325 Die Spuren dieser Vorstellung lassen sich bis...

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