Einfluss des Nationalsozialismus auf die Presse der deutschen Volksgruppen in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien
Zeitungsstrukturen und politische Schwerpunktsetzungen
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- I. Die Anfänge der NS-Presse und ihr Gegenpol im deutschen Siedlungsraum von Rumänien von 1922 bis 1940
- Einleitung
- 1. „Selbsthilfe“. Kampfblatt für das ehrlich arbeitende Volk
- 2. „Klingsor“. Kulturpolitische Zeitschrift
- 3. Erweiterung der nazistischen Propaganda
- 4. Politische Lage der „Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ von 1933 bis 1940 kurz dargestellt
- a) Siebenbürgen
- a.1) „Ostdeutscher Beobachter“, „Tageszeitung“ (TZ) und „Volk im Osten“
- b) Politische Lage der Deutschen im Banat
- c) „Banater Tagblatt“
- d) „Der Stürmer“
- 5. Machtkämpfe und Kompetenzüberschreitungen
- a) „Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt“
- b) „Banater Deutsche Zeitung“
- c) Führerprinzip und autoritäre Macht
- d) Nationalsozialismus und „Judenfrage“
- e) „Süd-Ost“
- f) Antisemitismus
- II. Gleichschaltung der deutschen Presse in Rumänien durch Volksgruppenführer Andreas Schmidt ab September 1940
- Einleitende Worte
- 1. Zentralisierung und Neuaufbau der deutschen Presse
- 2. Die „Südostdeutsche Tageszeitung“ (SdT), Zentralorgan der NS-Volksgruppenführung und „Leitmedium“ der NS-Diktatur in Rumänien
- 3. Walter Mays Weisungen an die Presse
- 4. Der Krieg und der Antisemitismus in der gleichgeschalteten deutschen Presse Rumäniens nach 1940
- a) Der Krieg
- b) Die Herausforderung des Krieges
- c) Aufstockung der Verluste an der Ostfront
- d) Antisemitismus in der deutschen Presse Rumäniens nach 1940
- e) Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung
- f) Höhepunkt der antibolschewistischen und antisemitischen Hetze
- g) Zeitschrift „Volk im Osten“
- h) Der Krieg und die Erfassung der Deutschen in Rumänien
- i) „Der politische Soldat“, Blatt für die Erziehung und Ausbildung der „Einsatzstaffel“ und „Deutschen Mannschaft“
- j) „Der DJ-Führer.“ Organ der Landesjugend der Deutschen Volksgruppe in Rumänien
- k) „NSV-Rundbrief“. Schulungs- und Mitteilungsblatt der NSV-Hauptverwaltung
- l) „Südostdeutsche Landpost.“ Wochenblatt der Deutschen Bauernschaft in Rumänien
- 5. Nordsiebenbürgen
- a) Die NS-Amtsleiter des Gebietes Nordsiebenbürgen im Jahre 1942 oder 1943
- b) „Siebenbürgische Deutsche Zeitung.“ Wochenblatt der deutschen Bewegung im Gebiet Siebenbürgen
- c) Antisemitismus
- d) Waffen-SS Aktion
- III. Pressewesen der Deutschen Volksgruppe in Ungarn von 1933 bis 1944
- Einleitung
- 1. „Deutscher Volksbote“
- 2. „Sonntagsblatt“
- 3. Die Presse des VDU setzt sich durch
- 4. Zur mutmaßlichen Wirkung der nazistisch angehauchten Presse des VDU
- 5. Pressepolitik des VDU nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch
- a) „Die Deutsche Zeitung.“ Organ der deutschen Volksgruppe in Ungarn
- b) „Die Donau.“ Wochenblatt für das katholische Deutschtum
- 6. Krieg und Anwerbung zur Waffen-SS in der VDU-Presse
- IV. Pressewesen der deutschen Volksgruppe im ehemaligen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen von 1922 bis 1944
- Einleitung
- 1. Pressestimmen gegen feindselige Politik der Belgrader Regierung
- a) „Deutsches Volksblatt“, Tageszeitung der Deutschen des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen
- b) Das deutsche Schulwesen
- c) „Deutscher Volksfreund“
- d) „Neue Zeit“, Organ der Banater Deutschen
- e) Das Minderheitenproblem in der deutschen Presse Jugoslawiens
- 2. Interne Auseinandersetzung in der Presse der deutschen Volksgruppe
- a) Politische Auseinandersetzung zwischen der nazistischen Erneuerungsbewegung und dem „Schwäbisch-Deutschen Kulturbund“
- 3. Katholisch – deutscher Widerstand gegen die nazistische Erneuerungsbewegung im katholischen Wochenblatt „Die Donau“
- a) „Die Wespe.“ Humoristisch-satirisches Wochenblatt
- b) Adam Berenz im Spott der „Wespe“
- 4. Die Gleichschaltung der deutschen Presse ab 1941 durch die Volksgruppenführer Sepp Janko im serbischen Banat und Volksgruppenführer Branimir Altgayer in Kroatien
- a) Die deutsche Presse im serbischen Banat
- b) NS-Blätter der Volksgruppenführung
- b.1) „Banater Beobachter“ mit der „Volkswacht“ als Beiblatt
- c) Antisemitismus
- 5. Die „Deutsche Jugend“ (DJ) in der deutschen Presse
- 6. Die Frau in der deutschen Presse im serbischen Banat und in Kroatien
- 7. Der deutsche Bauer
- V. Klaus Popa: Zeitungsstrukturen und politische Schwerpunktsetzungen Die Monatsschriften „Sachsenspiegel“ und „Volk im Osten“ und die „Südostdeutsche Tageszeitung“ der Deutschen Volksgruppe in Rumänien
- 1. Sachsenspiegel
- 2. Volk im Osten
- 3. Südostdeutsche Tageszeitung
- Ausgabe Siebenbürgen
- Personenregister
Die Rolle, die die deutsche Presse nach 1919 im neu entstandenen Staat Rumänien spielte, ist in historischen und politischen Untersuchungen bisher kaum beachtet worden. Nicht nur in geschichtlichen Untersuchungen fehlen jegliche Hinweise über die Bedeutung der Massenmedien. Es ist nachvollziehbar, dass das Wissen, ob und in welcher Weise die deutsche Presse bei der Zerstörung der traditionellen liberal-konservativen Volksführung und der jahrhundertealten Traditionen mitwirkte, mehr auf Vermutungen als auf gesicherten Erkenntnissen beruht. Dies ist auf vielfältige Gründe zurückzuführen. Schon allein der Umstand, dass in den letzten Jahren vor der Machtergreifung Hitlers eine Vielzahl von Zeitungen im deutschen Siedlungsraum von Rumänien erschienen, macht die ausführliche Untersuchung ihrer Wirkung zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe.
Es besteht ein Konsens darüber, dass die Presse eine gesellschaftliche Kontroll- und Leuchtturmfunktion innehat, indem sie Mächtige aus Wirtschaft und Politik beaufsichtigt und Skandale, Korruption, Versagen und Seilschaften nachweist. Soziale Werte und Traditionen, Gemeinschaftssinn und kulturelle Identitäten einer Gesellschaft werden kommuniziert und beeinflusst.1 Nach dem Ersten Weltkrieg besaß die deutsche Presse in Rumänien weitgehende Freiheit, war jedoch an staatliche Bindungen geknüpft. Die liberal-konservativen Tendenzen lebten im „Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt“, der „Kronstädter Zeitung“, der „Bistritzer Deutschen Zeitung“, der „Banater Deutschen Zeitung“ und in der „Temeswarer Zeitung“ sowie in anderen Lokalzeitungen bis 1933 weiter. Nach 1933 gerieten auch sie – mehr oder weniger – in den Sog der nationalsozialistischen Ideologie. ← 1 | 2 →
Nach einer Deutschlandreise 1922, bei der Fritz Fabritius2 die Bekanntschaft Hitlers machte, verbreitete er unter Gleichgesinnten den Völkischen Beobachter, sodass die Ideen des Nationalsozialismus bereits zu Beginn der Zwanzigerjahre im deutschen Siedlungsraum verbreitet wurden. Fritz Fabritius war von Hitler und seiner nazistischen Ideologie so begeistert, dass er sich von nun an dafür einsetzte. Von Beginn an wusste er um die Bedeutung ← 2 | 3 → der Propaganda, die er bereits zu Zeiten nutzte, als seine „Selbsthilfe“3 noch eine unbedeutende Bewegung darstellte.
1. „Selbsthilfe“. Kampfblatt für das ehrlich arbeitende Volk
Bereits im Frühjahr 1922 gab er ein Kampfblatt mit der Überschrift Selbsthilfe, Kampfblatt für das ehrlich arbeitende Volk heraus, das zu beiden Seiten mit dem Hakenkreuz versehen war, und mit dessen Hilfe er die nationalsozialistische Ideologie im deutschen Siedlungsraum Rumäniens verbreitete.

Konsequenter als jede andere politische Gruppierung der Siebenbürger Sachsen in den Zwanziger- und Anfang der Dreißigerjahre, kämpfte das „Selbsthilfe-Kampfblatt“ des Fritz Fabritius um Medienpräsenz, indem es großen Wert auf effektvolle Selbstdarstellung legte. Wie grundlegend die „Selbsthilfe“ sich in ihrem öffentlichen Kommunikationsverhalten von den politischen Gruppierungen der Siebenbürger Sachsen unterschied, zeigt die Energie, mit der Mitglieder und lokale Sympathisanten um publizistischen Einfluss kämpften. Trotzdem war die NS-Presse im deutschen Siedlungsraum ← 3 | 4 → von Rumänien bis 1933 klein und bescheiden, man kann ihre Gefahr danach jedoch nicht unterschätzen.
Da die „Selbsthilfe“ nationalsozialistische Politik propagierte, die der rumänischen Regierung zuwider lief, musste sie die beiden Hakenkreuze auf der ersten Seite entfernen. Der Inhalt des Blattes änderte sich jedoch nicht.

Die ehemaligen Mitglieder der Jugendwehren4, sowie „die Anhänger Fabritius aus den halb landwirtschaftlich eingestellten Kreisen der Vorstädte“ und andere sammelten sich regelmäßig um ihn.5 Bei diesen Zusammenkünften wurde die internationale Lage nach dem Ersten Weltkrieg und die der Deutschen im Allgemeinen besprochen. Heinrich Dolles Buch „Aus Not zu Brot, aus Mißgeschick zu Lebensglück“ regte sie an, die von ihm vorgestellte „Selbsthilfe“ auch in Siebenbürgen ins Leben zu rufen.6 Mit ← 4 | 5 → Hilfe des „Selbsthilfe Kampfblattes“ wurde für ein „artgemäßes deutsches Denken und Handeln, für Anerkennung des Grundsatzes: Gemeinnutz geht vor Eigennutz, für Brechung der Zinsknechtschaft durch gegenseitige Hilfe und für Ansiedlung der ärmsten Volksgenossen“7 geworben. Als die Bausparkasse Fuß fasste, wurden die „Grundsätze“, nach denen die „Selbsthilfe“ gearbeitet hatte, in sieben Punkten zusammengefasst, an denen sich der Aufbau der Deutschen in Rumänien zu orientieren habe. In Punkt sieben hieß es unter anderem:
„1. Gemeinnutz geht vor Eigennutz.
2. Einer für Alle, Alle für Einen!.
3. Jedem das Seine.“8
Die ideologischen Köpfe der Selbsthilfe Fritz Fabritius, Dr. Waldemar Gust9, Dr. Otto Fritz Jickeli10, Dr. Alfred Bonfert11, Pfarrer Alfred Csallner12, Adolf Roth13, Alfred Pomarius14, Pfarrer Wilhelm Staedel15 et cetera, führten im ← 5 | 6 → „Selbsthilfe-Kampfblatt“ das doppelsinnige Schreiben fort, um auch gemäßigte Leser gewinnen zu können. „Er [der Leser] macht mit, wenn er erst einmal den Verdacht geschöpft hat, dass Texte in anderen Zeitungen sich nicht an die Wahrheit halten“. Wie hielt es das „Selbsthilfe-Kampfblatt“ mit der Wahrheit? Bereits in den ersten Nummern fällt die polemische Kritik an der Kirchen- und Volksführung ins Auge. In „Der Beobachter“, eine Rubrik für kleinere Meldungen aus dem deutschen Siedlungsraum, fanden zuweilen auch Meldungen aus einzelnen deutschen Städten und Gemeinden Platz, sofern sie das Ansehen der Kirchen- und Volksvertreter herabsetzen oder der Lächerlichkeit preisgeben konnten. Dr. Waldemar Gusts Artikel „Meinungsfreiheit im Sachsenland“ wies beispielsweise die Kritik, „die Jugendlichen unter dem Vorsitz von Pfarrer Wilhelm Staedel, würden sich in fruchtloser Kritik erschöpfen“, zurück: „Wenn sie auch in ihrem betonten Gerechtigkeitsgefühl den Finger auf gewisse Mängel legen und bei der geringen Erfahrung manchmal in ihrem Auftreten schroff sind, sollte ihre gute Gesinnung nicht unterschätzt werden“.16 Im Leitartikel: „Selbsthilfe, Politik und Parteiwesen“ vertrat Dr. Otto Fritz Jickeli, den Standpunkt, die Selbsthilfe lehne „Politik im ländlichen Sinne ab, sie begnüge sich damit, für ihre Weltanschauung“ einzutreten. Zudem sei es angebracht, „wenn unsere Volksführung sich dazu bekennen würde.“17 „Die Selbsthilfe“ sei „keine politische Partei, sie verlangt im Gegenteil die Unterordnung aller Parteien unter das allgemeine Wohl“, der Selbsthilfe-Bewegung.
Die Selbsthilfe, die zunächst sozialen und wirtschaftlichen Zwecken dienen sollte, hatte jedoch von Beginn an einen nationalerzieherischen ← 6 | 7 → Impetus: die deutsche Volksgemeinschaft zu einem einzigen „Volkskörper“ zusammen zu führen, entwickelte sich aber zu einer ideologisch-politischen Bewegung. Um die Deutschen in Rumänien für ihre Ziele zu gewinnen, wurde nicht nur im „Selbsthilfe-Kampfblatt“, sondern auch außerhalb der „Selbsthilfe“ eine intensive Erziehungsarbeit in nationalsozialistischem Sinne betrieben. Fabritius stand in den Zwanzigerjahren in Kontakt mit Führungspersönlichkeiten der NSDAP, wie Hitler und Ernst Röhm, die einen großen Einfluss auf ihn und seine „Selbsthilfe“ ausübten.
Auch wenn die Selbsthilfe in den ersten Jahren ihres Bestehens keine großen Erfolge erzielen konnte, gelang es ihr immerhin, Aufmerksamkeit zu erregen. Analog zur NSDAP thematisierte Fabritius Mitte der Zwanzigerjahre Rasse und Volkstum in seinem „Selbsthilfe-Kampfblatt“18, beispielsweise mit folgenden Worten:
„Jeder Deutsche, der Anspruch auf Bildung erheben will, muß das im Lehmann-Verlag, München, erschienene Buch ‚Rasse des deutschen Volkes‘ von Dr. Hans Günther gelesen haben.“19
Das „Selbsthilfe-Kampfblatt“ druckte Beiträge aus dem Völkischen Beobachter ab, um vom Erfolg der NSDAP und ihrer Ideologie zu berichten und den Bauern höhere Verkaufspreise und Unterstützung der Armen zu versprechen.20 Bis 1927 gelang es der „Selbsthilfe“ nicht, nennenswerte Erfolge zu verbuchen. Als die Unzufriedenheit der Siebenbürger Sachsen mit den bestehenden Verhältnissen stieg, konnte Fabritius seine „Bausparkasse“ aktivieren. Seine Absicht war, alle „ehrlichen“, durch „Blut und Schicksal“ verbundenen „deutschen Volksgenossen“ zu einem „Volkskörper“ zu erziehen, dem sich jeder Deutsche in Rumänien „bedingungslos“ unterzuordnen habe.21 Unter diesem Slogan begann er mit Hilfe des „Selbsthilfe-Kampfblattes“ seine politischen Ambitionen zu realisieren. Bereits 1929 hatte die „Selbsthilfe“ 1620 Mitglieder, die sich auf 112 Ortschaften verteilten. Bis 1931 wuchs die Mitgliederzahl auf 3.193 und mit ihnen die Geldeinnahmen an.22 Diese Erfolge Fabritius’, die zunächst innersächsische Angelegenheiten ← 8 | 9 → waren, zeigen symptomatisch „dass nationalsozialistische Schriften und Zeitungen in den Buchhandlungen und Zeitungskiosken einen immer breiteren Raum einnahmen“.23
In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts wandte sich das „Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt“, Allgemeine Volkszeitung für das Deutschtum in Rumänien, gegen die Kritik an der Volksführung von Seiten der „Selbsthilfe-Bewegung“. Im Artikel „Volkserneuerung“24 wird der „Selbsthilfe-Bewegung“ unter anderem vorgeworfen:
„Man braucht nur einen oberflächlichen Einblick in das gesellschaftliche (soziologische) Schrifttum zu nehmen, um sofort den darin obwaltenden heillosen Wirrwarr der Auffassungen zu erkennen.“
Fabritius unterstellte der liberal-konservativen Führung der Siebenbürger Sachsen und dem „Liberalismus“ Egoismus und Materialismus; als besonders verachtenswert wurde dies in Reden und in den Artikeln des „Selbsthilfe-Kampfblattes“ im wirkungsvollen Kontrast zu den hehren Zielen der Bewegung inszeniert. Kritik an der Volksführung wurde polemisch in Form extremer Polarisierungen geübt.
Die Basis ihres politischen Kampfes gegen die Volks- und Kirchenführung waren von Beginn an die Weltanschauung Hitlers und Rosenbergs. Besondere Beachtung fand in diesem Zusammenhang die Predigt „Samaritergeist“ des Kronstädter Stadtpfarrers und Bischofsvikars D. Dr. Viktor Glondys vom 6. September 1931 über Luk. 10, 25–37. Sie betont die Unvereinbarkeit der christlichen Auffassung mit dem Nationalsozialismus:
„Das Gebot, das in dem Samaritergleichnis liegt, gilt ebenso für Chinesen und Neger wie für Juden und Abendländer, ebenso zur Zeit Jesu wie heute und zu allen Zeiten. Wir wissen: so soll es sein! Darum erscheint uns zum Beispiel Goethes Wort, wonach der Mensch edel, hilfreich und gut sein soll, weil dies allein ihn von allen Geschöpfen unterscheide, als unmittelbar einleuchtende Wahrheit und Widerhall des Christusgeistes. Und doch hat sich eine Bewegung gegen diesen barmherzigen, hilfsbereiten Samaritergeist zu erheben begonnen, der keine ← 9 | 10 → Schranken der nationalen oder konfessionellen Zugehörigkeit beachtet, sondern einfach hilft, wo Hilfe nottut […].
Auf diese Worte antwortete das „Selbsthilfe-Kampfblatt“:
Wir können es nur als eine Verirrung bezeichnen, wenn z. B. das christliche Gebot der Nächstenliebe, wie es in dem über die Grenzen des eigenen Volkstums und Glaubens sich auswirkenden Samaritergeist vor uns steht, als mit den Belangen des deutschen Volkes unverträglich, den blutgegebenen Stimmen der nordischen Rasse widersprechend abgelehnt und an die Stelle der Nächstenliebe die Berechtigung, ja Pflege des schärfsten Rassenhasses gesetzt wird. Die germanischen Charakterwerte seien, so wird gesagt, ‚das Ewige, wonach sich alles andere einzustellen habe.‘ Die nordische Rasse allein sei Gottes Ebenbild. Ihre Bestimmung zum Herrschen müsse rücksichtslos, auch mit Unterdrückung anderer Völker, die als minderwertig bezeichnet werden, durchgesetzt werden. Nichts dürfe geduldet werden, was diesem Anspruch entgegenstehe, auch nicht die Forderung der christlichen Nächstenliebe. Der tiefe Rassenhaß, der aus dem rassenmäßig bestimmten Blut sich erhebt, sei dem feindlichen Volk gegenüber allein am Platz. Versöhnlichkeit sei Feigheit.“25
Das „Selbsthilfe-Kampfblatt“ warf der sächsischen Volksführung „Halbheit und Lauheit am völkischen Gedanken sowie Unfähigkeit und Egoismus“ vor, was die Volksführung zu einem Gegenartikel veranlasste.26 Fabritius ging so weit, dass er die „Samariter“-Predigt dem Rasseforscher Prof. Dr. Hans F. K. Günther zur Begutachtung nach Jena schickte. Es wurden Glondys Lücken in der Bildung der Rassenlehre, Unbildung, Fahrlässigkeit als Seelsorger und Irreführung seiner Gemeindemitglieder vorgeworfen.27 Die Schriftleitung des „Selbsthilfe-Kampfblattes“ versuchte den Lesern das Samaritergleichnis zu erläutern, um dann in einer dritten abschließenden Stellungnahme28, nachdem sie Dr. Viktor Glondys mit unflätigen Ausdrücken beschimpft hatte, zu der Schlussfolgerung zu kommen:
„Herr Bischofsvikar Dr. Glondys hatte sich veranlasst gesehen, von der Kanzel herab gegen die nationale und soziale Bewegung Deutschlands in einer Weise Stellung zu nehmen, die diese verächtlich machen muss. Den Beweis dafür hat uns die deutschfeindliche rumänische Presse geliefert, die sich der Predigt nur zu gerne bemächtigte, um sie in ihrem Sinne zu verwerten. Für uns ist nun der ← 10 | 11 → Nationalsozialismus die Wiedergeburt des deutschen Volkes; er ist die Volksbewegung, die den Deutschen die Vollendung ihrer Bestimmung als einheitliches Volk bringen wird. […] Dürfen darum wir Deutsche des Auslandes an ihr kritteln und sie zurechtweisen? Wir dürfen es nicht einmal, wenn sie jene Fehler enthielte, die ihr vorgeworfen werden! […] Hiergegen aufzutreten war unsere Pflicht. Denn wir bekennen uns im Geiste selber zu Hitlers großer Idee, die wir gleichsetzen mit der Vollendung der deutschen Volkwerdung. Unsere führenden Kreise scheinen das noch nicht begriffen zu haben. Das kann uns aber natürlich nicht hindern, gegen jeden unter uns, der den Nationalsozialismus öffentlich angreift, vorzugehen. […] So hat das Christentum unendlich viel Unheil und Fluch gebracht, weil es als Fremdkörper kam und daher mit der Seele des deutschen Volkes nicht verwachsen konnte. […] Wir erstreben eine Volkskirche, die nicht nur darin besteht, dass die Glieder der Kirche verfassungsmäßige Rechte und Pflichten haben, sondern vor allem auch darin, daß in ihrem Leben und in ihrer Verkündigung das Volkliche, d. h. das Volk als Blutsgemeinschaft und darum als Träger einer durch das Blut bedingten Gottesauffassung, zum Ausdruck kommt!“
Anfang der dreißiger Jahre war der überwiegende Teil der deutschen Presse in Rumänien liberal-konservativ. Das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt war für die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen der Inbegriff einer liberal-konservativen Zeitungstradition. Von den Verteidigern der liberal-konservativen Richtung wurde es als standfestes Blatt gerühmt, das in der NS-Erneuerungsbewegung jene Kräfte der nationalen Zersetzung am Werk sah.
Wenn man heute die Leitartikel Anfang der Dreißigerjahre und die Antworten auf die harsche Kritik der NS-Erneuerungsbewegung an der Volks- und Kirchenführung nüchtern analysiert, so kann man ein Gemisch von neurasthenischen Ausdrücken, von verirrter Jugendeselei, wolkiger Ideologie und idealistischer Selbstbespiegelung feststellen, was ein verbales Kopfschütteln auslöst.
Gerade weil die liberal-konservative Tagespresse die Zeitungslandschaft dominierte, nahm das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt kurz darauf Stellung zur Predigt von Stadtpfarrer Glondys und formulierte die Frage, warum Fabritius in seinem „Leitaufsatz im Selbsthilfe-Kampfblatt“ den Samaritergeist „so gegensätzlich“ behandelt habe, „warum Volkstum oder Samaritergeist, warum eines oder das andere? Warum?“29 Antwort des Tageblatts: ← 11 | 12 →
„Herr Fabritius braucht zu seiner, auf ein bestimmtes vorgefaßtes Ziel gerichteten Beweisführung, zur Verunglimpfung des Herrn Bischofvikars, unseres Stadtpfarrers D. Dr. Viktor Glondys, diese kleinliche Einstellung. Das Streben nach Samaritergeist und Nächstenliebe wird in Gegensatz zu echtem, rechtem Volkstum zu setzen versucht. Gelingt das, dann ist die völkische Minderwertigkeit des dem Samaritergeist anhängenden Volksgenossen bewiesen. Und um dieser Auseinandersetzung den Charakter einer Sensation zu geben, wird tagelang vorher annonciert: ‚Die Wahrheit über Stadtpfarrer Glondys! Lest die nächste Nummer der Selbsthilfe!‘ Wie diese um 3 Lei in den Trafiken käufliche Wahrheit aussieht, haben wir mit tiefster innerer Beschämung über den dahinterstehenden Geist kleinlichster Verdächtigung und hemmungsloser Anmaßung gesehen.“
Die Reaktion des „Selbsthilfe-Kampfblattes“ ließ nicht lange auf sich warten. In dem Artikel „Die evangelische Kirche und die nationalsozialistische Bewegung“30 warf es der Kirche vor, nicht begriffen zu haben, dass „viele Glieder der evangelischen Kirche heute mit ihrem ganzen Denken und Fühlen in der nationalsozialistischen Bewegung leben“. Darum sei „die evangelische Kirche verpflichtet, um ihres Berufes willen die nationalsozialistische Bewegung in ihrem Wollen zu würdigen“ und aus ihr das große Wollen herauszuhören und dankbar zu begrüßen.“
Auch die kulturpolitische Zeitschrift „Klingsor“31 griff dies Problem auf und verteidigte den Standpunkt des Selbsthilfe-Kampfblattes. In seinem ← 12 | 13 → Artikel „Nationalsozialismus und Christentum“ setzte sich Otto Folberth mit den Stellungnahmen, Erörterungen und Enthüllungen der Predigt „Samaritergeist“ von D. Dr. Viktor Glondys auseinander und äußerte sich wie folgt:
„Käme es auf den Buchstaben des Parteiprogramms der NSDAP an, so hätte es Konflikte zwischen ihr und dem Christentum überhaupt nicht geben dürfen. Denn fort und fort wird uns aus ihrem Hauptquartier versichert: ‚Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konventionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden.‘ […] Wie dem nun sei – heute sieht sich der Nationalsozialismus, wie jede echte Volksbewegung, vor eine Menge Probleme gestellt, die aufzurollen ursprünglich gar nicht in seiner Absicht lag. Das hängt ganz wesentlich damit zusammen, daß er sich eben aus dem Instinkthumus des deutschen Volkes nährt. […] Diese beglückende Erfahrung verdankt das Nachkriegsdeutschland mittelbar dem Nationalsozialismus und niemandem sonst. […] Nun ist wahrhaft erfreulich, wie sich dieser Ausgleich im Nationalsozialismus allmählich und auf natürliche Weise vollzieht.“
Wie sich der „Nationalsozialismus allmählich auf die natürliche Weise“ vollzog, begrüßte Foberth und meinte:
„Wir wissen alle noch, welch scharfe Ablehnung er im Anfang in den geistig hochstehenden Kreisen erfuhr. […] Wir kennen ja diese Ablehnung aus eigenster Erfahrung. Sie hat der siebenbürgischen Bewegung um die ‚Selbsthilfe‘, die überdies noch mit ihrer Nachahmung von Äußerlichkeiten unangenehm auffiel, viel Abbruch getan. Erst als man sich, hier wie dort, davon überzeugt hatte, daß in der rauhen, allzurauhen Schale doch wohl ein guter Kern steckte [sic!], stellte sich der Zulauf auch aus Kreisen, die ihn ablehnten ein und das Verhältnis verschob sich um vieles“.32
Die Berichterstattung der Selbsthilfe hatte die Verfemung kirchlicher Würdenträger wie D. Dr. Viktor Glondys und die Diffamierung der Vertreter der liberal-konservativen Volksführung zum Ziel. Der Aufsatz „Kirche und Volkstum“ von Waldemar Gust dokumentiert, wie die Führung der Selbsthilfe dem Christentum gegenüber eingestellt war.
Die Bewegung forderte ein Vollstreckungsinstrument von Kirche und Volksführung für die Durchführung einer natürlichen Auslese im Sinne der nationalsozialistischen Rassenlehre. Diese Stellungnahme zum Christentum und zur Rassenlehre sind weit mehr als übernommene Terminologien, wie ← 13 | 14 → beispielsweise Miege darstellt.33 Das Durchsetzen des rassistischen Gedankenguts gelang den radikalen Nazis erst 1940 unter Volksgruppenführer Andreas Schmidt.
Das Fortissimo der Propaganda Anfang der Dreißigerjahre zwischen der „Selbsthilfe-Bewegung“ und der Volksführung war die von der „Selbsthilfe“ bezweckte Schaffung eines besonderen Spar- und Darlehenfonds, dem nach dem Willen der „Selbsthilfe“ auch die Fonds der kirchlichen und völkischen Organisationen der Siebenbürger Sachsen zugeführt werden sollten. Dies wurde vom Landeskonsistorium der evangelischen Kirche und der Volksführung abgelehnt.34 Eine prompte Reaktion wurde von Adolf Roth, Mitglied der „Selbsthilfe“, im „Selbsthilfe-Kampfblatt“ veröffentlicht:
„Weder Dr. Glondys mit seiner Anhängerschaft, noch andere Gesellschafts- und Parteigruppen werden sich überwinden können, sich von der Selbsthilfe aufs Korn nehmen zu lassen und ihr dabei Gefolgschaft zu leisten, selbst wenn es sich um große Fragen dreht, die alle in gleichem Maße angehen. Die Schaffung des Nationalfonds aber ist Volkssache, die jedem auf die Seele gebunden ist und die dem Parteiwesen entrückt bleiben muß, wenn sie nicht im Voraus zum Scheitern verdammt sein soll.“35
Die differenzierte Medienexegese in den Zwanziger- und Dreißigerjahren der deutschen Volksgruppe in Rumänien hing maßgeblich vom ← 14 | 15 → Informationsbedarf und wahrgenommenen Informationsdefiziten ab. Grundlage der kritischen Lektüre war in der Regel der zeitgleiche und zeitversetzte Vergleich von Artikeln mit anderen medialen und nichtmedialen Informationen. Dieses Verhalten setzte allerdings weder beim Schreiben noch beim Lesen Opposition voraus, sondern Nachrichtenhunger. Wo Nachrichten fehlten, wurden Ersatzquellen erschlossen. Die Informationssuche gedieh in der Grauzone des „Meckerns und Miesmachens“ und speiste ab 1925 und ganz besonders in den Dreißigerjahren die alltägliche Unzufriedenheit zwischen der NS-Erneuerungsbewegung und ihren Gegnern. Gegen Ende der Zwanziger- und zu Beginn der Dreißigerjahre wurde im „Selbsthilfe-Kampfblatt“, in „Der Stürmer“ und in der Monatsschrift „Klingsor“ über die Fehler der Volksführung und über die Erfolge des Nationalsozialismus in Deutschland und seine wegweisende Ideologie berichtet.36 Darum braucht man sich nicht wundern, wenn der Herausgeber der kulturpolitischen Zeitschrift „Klingsor“, Heinrich Zillich, in seinem Aufsatz „Neue Wende“ wohlwollende Stellung zur Nazi-Aktivität der „Selbsthilfebewegung“ nimmt, und der altbewährten Volksführung „Führeruneinigkeit, Cliquentum und andere Flecken“ vorwirft. Unter anderem schreibt er:
„Es vollzieht sich hier ein Wendeprozeß der immanenten Entscheidungs- und Selbsterhaltungskraft unseres Volkes. Er schlägt jene, die die Volksorgane im alten Sinne noch weiter leiten wollen, mit Zwiespalt und Unsicherheit. Und zugleich damit wächst die Bedeutung derer, die in wenigen Teilkörperschaften, Kreisausschüssen, Verbänden und Gruppen die innere Stärkung des Volkes selbst schon lange versuchten. Bei diesen verdichtet sich heute die Abwehr- und Aufbaukraft unseres Volkes. Auf sie strömt die bestimmende Substanz unserer immanenten Geschichte über. Wann dieser innere Umschwung – der in manchen Kreisen sogar schon offiziell zu werden beginnt – die ganze äußere Organisation durchsetzt, ist nebensächlich. Der Wechsel ist kurz befristet, denn die geistige Ablösung, der Übergang der ideellen Führung hat stattgefunden“.37 ← 15 | 16 →
Zillich behauptet bereits 1931, dass die Volksprogramme der Deutschen in Rumänien erst dann einen Sinn erhalten, wenn der „Geist der Selbsthilfe die Mobilisierung des Volkes eingeleitet“ habe. Dann könnte auch das „Programm des Kirchenaufbaus lebendig“ werden, „ein Kirchenaufbauprogramm, das auf der einen Seite der Vertiefung der religiösen Kräfte dient, dann aber auch die wirtschaftlichen Kirchen- und Schulgrundlagen neu regelt“.38
Daraus ist zu schließen, dass Zillich, Schrittmacher und Vordenker des rumäniendeutschen Faschismus, sich bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten für die Nazi-Ideologie und deren Durchsetzung im deutschen Siedlungsraum von Rumänien entschieden hatte.
Details
- Seiten
- XII, 378
- Erscheinungsjahr
- 2016
- ISBN (Hardcover)
- 9783631673119
- ISBN (PDF)
- 9783653065268
- ISBN (MOBI)
- 9783653960891
- ISBN (ePUB)
- 9783653960907
- DOI
- 10.3726/978-3-653-06526-8
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2016 (März)
- Schlagworte
- Bürgerliche Volksführung Pressekampf Machtergreifung Gleichschaltung
- Erschienen
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. XII, 378 S., 36 s/w Abb.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG