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Evolutionär orientierte Bioethik im Zeitalter der Life-Sciences

Einführung in die nichtmedizinische Bioethik aus hermeneutisch-phänomenologischer Perspektive

Bernhard Irrgang

Der Autor entwirft einerseits eine Bioethik für den nichtmenschlichen Bereich, die die naturwissenschaftliche Zugangsweise der Evolutionsforschung insbesondere ethologischer Art (Verhaltensforschung) mit der molekularbiologischen Rekonstruktion des Lebendigen verbindet. Er konkretisiert andererseits den Gerechtigkeitsgrundsatz einer Gleichbehandlung unter vergleichbaren Umständen. Dies geschieht mithilfe des empirisch modellierbaren Kriteriums anwachsender Komplexität der Möglichkeiten von Lebewesen zu intelligentem Sozialverhalten. Damit setzt er sich von den bisherigen utilitaristischen und anthropomorphen Kriterien wie Schmerzempfindungsfähigkeit, Glück, Lebenswillen, Interessen oder Tierwürde ab.

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7. Schluss: Bioethik als Forschungsethik

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145 7. Schluss: Bioethik als Forschungsethik Grundlagenforschung wird traditionell durch theoretische Neugierde oder durch den zu erwartenden Nutzen legitimiert. Kern des traditionellen wissenschaftlichen Ethos ist das Objektivitäts- und Wertfreiheitspostulat der empirischen Wissenschaften (Max Weber). Methodische und kritische Rationalität erhalten quasi-sittlichen Wert, Objektivität als vorurteilslo- se Betrachtungsweise wird dem Unparteilichkeitsprinzip utilitaristischer Ethiken gleichgesetzt und der Wissenschaft ein moralischer Status zuge- billigt. Die positiven Folgen von Wissen als Herrschaft über die Natur legitimiert Wissenschaft durch die Fortschrittskategorie (technisch und ökonomisch) und die menschliche Bedürfnisbefriedigung. Gerät die Idee wissenschaftlicher Rationalität selbst ins Kreuzfeuer der Kritik, so bedarf es einer Rechtfertigung zweiter Ordnung im Rahmen einer grundsätz- licheren Reflexion der Wissenschaft. Diese unterscheidet Wissenschaft als Handlungssystem (Wissenschaft als Prozess der Wissenserzeugung) und als System des Wissens (Wissenschaft als Resultat). Die herkömmli- che Wissenschaftstheorie beschäftigte sich überwiegend mit dem System des Wissens (Popper) oder fasste das Handlungssystem Wissenschaft als System von instrumentalisierten Operationen (Luhmann) auf. In beiden Zugangsweisen spielt Ethik keine Rolle. Diese traditionelle Wissenschaftsidee trägt den Veränderungen empiri- scher und technologisierter Grundlagenforschung nicht mehr Rechnung. Sie war im Grunde bereits für die neuzeitlich-experimentelle Naturwissen- schaft falsch, die immer schon instrumentelles technisches Handeln impli- zierte. Handlungstheoretische Deutungen des Forschungsprozesses bauen die Brücke zur Forschungsethik. Sie tragen dem innovativen Charakter der Forschung mit ihren Risiken Rechnung und führen in ein Konzept von Forschungsethik als Verantwortungsethik, welches unser Nichtwissen, unsere fehlerhafte Prognostik und die Pluralität der Wertvorstellungen in den forschungsinternen wie öffentlichen...

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