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Tödliche Maskeraden

Julius Streicher und die «Lösung der Judenfrage»

Franco Ruault

Für Adolf Hitler war er der Inbegriff des Nationalsozialismus. Heinrich Himmler kopierte seine Verfolgungspraktiken gegen Juden und andere Deutsche. Und die «Deutsche Volksgemeinschaft» erkannte sich in ihm wie in einem Spiegelbild: Julius Streicher, der berüchtigte Herausgeber der Hetzzeitschrift Der Stürmer war der bedeutendste Schrittmacher der deutschen Judenverfolgung lange vor der Machtergreifung. Er schuf das Feindbild des «jüdischen Rassenschänders», gründete die einflussreichste NS-Hetzzeitschrift und forcierte maßgeblich die «Nürnberger Blutschutzgesetze». Wie ist es dabei zu erklären, dass das Leben und Wirken dieses Intimfreundes von Adolf Hitler bis heute selbst in Fachkreisen fast gänzlich unbekannt ist? Warum sträubt sich die Forschung bis heute gegen die Aufarbeitung des enormen Erfolges dieses «Berufsantisemiten»? Und welcher Art war die von ihm ausgehende Faszination, dass selbst Unternehmerpersönlichkeiten wie Martin Hilti aus dem Fürstentum Liechtenstein in ihren Jugendjahren glühende Verehrer von Julius Streicher waren, diesen in ihrem Kampf gegen «Rassenschande» kopierten und ebenso bedingungslos die Vernichtung der jüdischen Rasse fordern konnten? Nach seiner grundlegenden Studie «Neuschöpfer des deutschen Volkes» – Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande» analysiert der Politikwissenschafter Franco Ruault in seiner neuesten Arbeit ein weiteres tabuisiertes Kapitel der NS-Entstehungs- und Wirkungsgeschichte: das Leben und Wirken von Julius Streicher im Kontext der «Lösung der Judenfrage».
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5. Das Feindbild

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5.Das Feind-Bild

5.1 Die Grundlagen

Gegenüber Leon GOLDENSOHN, dem Gerichtspsychiater in Nürnberg, hatte Streicher gelegentlich bemerkt, «er betrachte sich als wissenschaftlicher und psychologischer Beobachter in der Judenfrage».1 Zeitgenössische Beobachter hatten Streichers Sprache wie auch die Art seiner Persönlichkeit vielfach als «pornografisch» charakterisiert.2 So hatte die Weltpresse in den 1930er und 1940er Jahren seine Hetze gegen «jüdische Rassenschändung» als Ventil für seine mutmaßlich pathologische Persönlichkeit bezeichnet; ein Vorwurf, dem auch Gerichtspsychologen beim Nürnberger Militärgerichtshof gefolgt waren, und der ihm den Übernamen eines «Pornographen» eingetragen hatte.3 Wir halten es jedoch für angebracht, auf die wenig aussagekräftigen, ja gar irreführenden ‹Vaterschaften› seiner Eigentümlichkeit, sofern sie als pornografisch charakterisiert werden, nicht weiter einzugehen. Stattdessen werden wir, nachdem wir die Basis für seinen sexuellen Rassenhass, der in spezifischen Vermischungs- und Tötungsfantasien Ausdruck fand, aufgearbeitet haben, die Struktur seiner Feindbildkonstruktionen vor dem Hintergrund ihrer Beziehungen zum psychologischen und biologischen Diskurs seiner Zeit analysieren. Hiervon kann aufgezeigt werden, aus welcher Position und mit welchen Ansprüchen Streicher zum «Attraktor» für die Massen werden konnte, um diese zu einer «Volksgemeinschaft» umzuformen. Der Weg hierzu führt über eine exakte Positionierung des dabei eingesetzten Diskurses um «jüdische Rassenschändung». Hieraus wird zu klären sein, welcher Art die hierbei ebenso einsetzende wie eingesetzte politische Maskerade ist und worauf sich ihr Verhältnis zur so genannten «Judenfrage» gründet. Dabei scheint zum hierbei eingesetzten Feindbild des...

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