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«Neuschöpfer des deutschen Volkes»

Julius Streicher im Kampf gegen «Rassenschande»

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Franco Ruault

Wie ist das abstrakte Feindbild des «jüdischen Rassenschänders» zustande gekommen? Welche politischen Strategien, welche Mechanismen von Herrschaft und Unterwerfung verbergen sich dahinter? Wie war es möglich, dass die antisemitischen Sexualphantasien von Rassenschändung die deutsche Gesellschaft in nur wenigen Jahren durchdringen und durch das Wirken von Julius Streicher zur «Kampfgemeinschaft» formen konnten? Diese Arbeit versucht erstmals die Textur jenes Verbrechens zu entschlüsseln, auf welcher der Vorwurf von «Rassenschande» beruht, und zugleich die Ordnung der Wunden, die Matrix des nationalsozialistischen Rassendenkens aufzuzeigen. Der «jüdische Rassenschänder», wie ihn Streicher popularisiert hatte, tritt inmitten Europas in einem seiner modernsten Staaten auf: am Umbruch einer Modernisierungsschwelle, an welcher die deutsche Gesellschaft nicht nur durch soziale, politische und religiöse Erosionsbewegungen zu zerbersten drohte, sondern an der auch gesellschaftliche Alteritäten in den Blick genommen wurden. Aus dem Gegensatz dieser Politikvorstellungen soll erstmals die wohl populärste Variante nationalsozialistischer Judenfeindschaft, die obszöne, sadistische Judenhetze gegen so genannte «jüdische Rassenschändung» deutscher Frauen und Mädchen, wie sie maßgeblich durch Streicher betrieben und forciert worden war, inhaltlich analysiert und in einen historisch-politischen Kontext gestellt werden.
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5. Paradigma und Strategie in der „Kampfzeit“

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5.Paradigma und Strategien in der „Kampfzeit“

Das Paradigma von „Rassenschändung“, die darauf aufbauenden Feindbildstrukturen und Bedrohungsszenarien, wurden von Streicher in den Jahren zwischen 1924 und 1927 entwickelt und erfolgreich eingesetzt. Der Zeitraum zwischen dem gescheiterten Putschversuch bis ins Jahr 1927 ist bisher erst in gewissen Aspekten aufgearbeitet worden,1 nicht jedoch die Struktur der Hetze gegen „Rassenschande“, die Streicher in seinem Kampf gegen „jüdische Rassenschändung“ eingesetzt hatte.2 Streichers Agitation gegen „Rassenschande“ gründet sich jedoch auf Bedrohungsszenarien und Argumentationsformen, die er in diesem, für das Verständnis von „Rassenschande“ besonders wichtigen Zeitraum, entwickelt hatte. Selbstverständlich hatte Streicher in den Jahren zuvor eine diffuse Kritik an der „Verschmutzung“ des deutschen Blutes durch die Juden vorgebracht. Nach der Niederschlagung des Putschversuchs lassen sich dabei jedoch markante Veränderungen erkennen.

Die vermeintlichen Bedrohungen des deutschen Volkes durch „Rassenschändung“ wurden in einen Topos transformiert, der aus dem mittelalterlichen Vorwurf des „Gottesmordes“ nun einen „Göttinnenmord“ konstruiert. Während Streicher 1924 noch eine auffällige Parallele zwischen Hitler und Christus zieht – in einem Vortrag hatte er von „meinem wiedergefundenen Jesus“ gesprochen, was Hitler ausgesprochen peinlich gewesen war –, so wird das Geschick Deutschlands zunehmend als Mord an der „Göttin“ inszeniert. Streichers anfängliche Proklamation Hitlers als eines „Wiedergeburtsheros“, der Deutschland wieder zu seiner ursprünglichen Unsterblichkeit verhelfen soll, wich der diffusen Dystopie eines „Göttinnenmordes“. Analog zum Phantasma der geschändeten und geknechteten „Mutter Deutschland“ schien Streicher Hitler in grosser Gefahr und vor Vernichtung bedroht...

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