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Trasjanka und Suržyk – gemischte weißrussisch-russische und ukrainisch-russische Rede

Sprachlicher Inzest in Weißrussland und der Ukraine?

Edited By Gerd Hentschel, Oleksandr Taranenko and Siarhej Zaprudski

Weißrussland und die Ukraine gelten als zweisprachig. Millionen von Menschen in beiden Ländern sprechen aber oft weder Weißrussisch bzw. Ukrainisch noch Russisch in Reinform. Vielmehr praktizieren sie eine gemischte weißrussisch-russische bzw. ukrainisch-russische Rede. Diese Mischungen aus genetisch eng verwandten Sprachen werden in Weißrussland Trasjanka und in der Ukraine Suržyk genannt. Der bekannte ukrainische Schriftsteller Jurij Andruchovyč hat das Phänomen in seiner Heimat als Blutschandekind des Bilingualismus angesprochen, also eine Metapher des Inzests kreiert. Darin klingt die verbreitete negative Bewertung der Sprachmischung an. Ihr ist der Band gewidmet. Er umfasst Beiträge von Autoren aus Weißrussland und der Ukraine sowie aus sieben anderen Ländern.
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Die weißrussisch-russische Mischsprache (Trasjanka) als Forschungsproblem

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Hermann Bieder

Mischsprachen in Mittel- und Osteuropa sind in der Gegenwart ein überaus aktuelles und zugleich ein durchaus traditionelles Thema. Mischsprachen sind nämlich in der Vergangenheit in verschiedenen multiethnischen Staaten entstanden, beispielsweise in der Habsburgermonarchie und im Russischen Reich, wo politisch, sozial und kulturell zwei Sprachen dominierten, nämlich das Deutsche und Russische, mit denen sich die Sprachen der regionalen, häufig slavischen Minderheiten vorwiegend in Städten zu einem spezifischen Idiom vermischten. Die Entstehung solcher Mischsprachen setzt die Existenz verschiedener Formen von Bilinguismus voraus, die in der Regel auch mit Diglossie kombiniert waren.

Phänomene deutsch-slavischer urbaner Sprachmischung, auch Makkaronismus-Stil genannt, sind vom 15.-19. Jh. in verschiedenen slavischen Ländern, und zwar in Böhmen, Krain und Kroatien bezeugt (TROST 1965, 23; STRIEDTER-TEMPS 1963, X; STRIEDTER-TEMPS 1958, 2‐3).

Diese deutsch-slavischen städtischen Mischsprachen, die milieuspezifisch oder regional beschränkt waren, sind wegen der grammatischen Morpheme und der mehr oder minder intakten slavischen grammatischen Struktur ohne weiteres als slavische Sprachsysteme erkennbar, aber ihre Lexik und Phraseologie ist mit deutschen Lehnwörtern und Lehnübersetzungen durchsetzt und ihre Syntax von deutschen Lehnprägungen bestimmt. Im 19. Jh. existierten die slavischen Sprachen Ostmitteleuropas im Rahmen der Habsburgermonarchie in drei Sprachformen: als makkaronistische städtische Variante, in einer rustikalen (von Fremdeinfluss kaum berührten) dialektalen Variante und als puristische Standardsprache (die aber nur geschrieben und nicht gesprochen wurde). Erst ab Ende des 19. Jh. waren in der Habsburgermonarchie die Vertreter der slavischen nationalen Wiedergeburt in...

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