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Vorträge und Aufsätze zur lateinischen Literatur der Antike und des Mittelalters

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Jürgen Blänsdorf

Der Band vereinigt die zwischen 2000 und 2014 entstandenen Untersuchungen zur lateinischen Literatur der Antike und des Mittelalters: Komödie und Epos, Philosophie und Geschichtsschreibung. Weitere Themen sind außerdem die Methoden der Textinterpretation, Metrik, römische Philosophie, Staatstheorie, Geschichte, Religion und Fachschriftsteller. Das Buch wendet sich an Interessenten in Universität und Gymnasien und weitere Leserkreise. Öffentliche Diskussionen über den Wert des Lateins berücksichtigen oft nur die Mühen des Spracherwerbs. Hier stehen Literatur und Geistesgeschichte im Vordergrund.
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Nero im 15. und 16. Buch der Annales des Tacitus

I.

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– Versuch zu einer Theorie politischen Scheiterns –

Im Bereich der Geschichte und ihrer literarischen Darstellung sieht sich der Leser immer wieder dazu herausgefordert, komplexe, ja widersprüchliche menschliche Verhaltensweisen zu erkennen und ihre Folgen zu beurteilen. Wer das Handeln von Menschen in der Geschichte verstehen will, greift zu kurz, wenn er nur nach dem Wirken moralischer Prinzipien (virtus, prudentia, fortitudo, pietas, labor usw.) oder ihrer Gegensätze (dominandi cupido, avaritia, luxuria, libido usw.) sucht. Die Folge wäre, dass sich der Geschichtsdeuter in einer Weise zum Richter aufschwingt, die Arnold GEHLEN in Moral und Hypermoral kritisiert hat. Verweigern wir uns diesem meist recht grob strukturierenden Moralisieren der Geschichte und suchen wir die historische Welt in der Fülle ihrer Erscheinungen zu verstehen, so treten uns widersprüchliche Persönlichkeiten entgegen, in denen sich gute Eigenschaften und Handlungsweisen mit schlechten mischen: die Befähigung und Energie zum Erkennen und Handeln mit der Unfähigkeit oder der Verfolgung egoistischer Ziele und als Folge eine zunehmende Kluft zwischen Wollen, Handeln und Erfolg, zwischen Anspruch, Schein und Sein. Die reinen Helden, mit denen sich der Leser identifizieren, und die reinen Verbrecher, die er verabscheuen soll, sind immer nur das Werk einseitiger und fast immer tendenziöser Darstellung, werden aber vom Leser leichter akzeptiert als gebrochene Charaktere oder Menschen, die bei allen Vorzügen und Leistungen doch in schwieriger Lage Schwächen offenbaren. Dafür drei Beispiele. Bekannt ist Petrarcas Erschütterung angesichts der Verzweiflungsbriefe des verbannten Cicero ( Epistolae familiares 24, 3)...

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