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Kulturelle Evolution und die Rolle von Memen

Ein Mehrebenenmodell

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Karim Baraghith

Das Buch untersucht die Mechanismen der kulturellen Evolution, insbesondere die Rolle von Memen – kulturelle Muster also, die von Generation zu Generation weitergereicht werden. Gesellschaften durchlaufen einen evolutionären Prozess, Prinzipien wie Variation, Selektion und Reproduktion können als abstrakte Eigenschaften dynamischer Systeme verstanden werden. Sie finden sowohl Anwendung bei der Entwicklung von Organismen als auch bei kulturell erworbenen Verhaltensweisen. Dies ist der Erklärungsansatz einer interdisziplinären verallgemeinerten Evolutionstheorie. Was aber evolviert genau innerhalb der kulturellen Evolution? Der Autor versucht Einheiten der kulturellen Entwicklung (Meme) möglichst exakt zu definieren, um spezifische kulturelle Phänomene zu erklären.
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1. Evolution auf mehreren Ebenen

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1.  Evolution auf mehreren Ebenen

1.1 Natur und Kultur

In der westlichen Philosophiegeschichte stand der Begriff der Natur (und deren Entwicklung) fast immer im Gegensatz zu Mensch, Kultur oder Technik. Diese Einstellung ändert sich momentan zugunsten der Stellung des Menschen und seiner Kultur als einem Teil der Natur. Eine Dichotomie ist dabei aufgehoben zu werden. Der Gegensatz zwischen Nomos und Physis („Gesetz, Norm“ und „Natur“) bildete, als repräsentatives Beispiel, den Mittelpunkt der antiken Naturrechtsdiskussion. Aristoteles beschrieb Natur als das, was den Ursprung seiner Bewegung, seiner Entwicklung und Reproduktion in sich selbst trägt, wohingegen Kultur nur durch den Menschen bewegungs- und entwicklungsfähig gemacht werden kann.1 Menschliches Kulturvermögen als Fertigkeit (Techné) sei dabei wesentlich Nachahmung natürlich ablaufender Prozesse oder ein „zu Ende bringen“ dessen, was die Natur nicht vollenden konnte. Es ist ersichtlich, dass die letztgenannte Aussage ein völlig anderes Naturverständnis erfordert, als es heutigen Erkenntnissen entspricht. Es impliziert ein teleologisches Element, eine Finalursache, ein Ziel der Natur bzw. – bezieht man Darwin mit ein – der Evolution. Es ist an mittlerweile vielen Stellen betont worden, dass teleologische Annahmen im Naturgeschehen nicht zulässig sind (vgl. u. a. Dennett 1995: 23ff.). In der organischen Evolution, dem historischen Entwicklungsprozess aller lebenden Organismen, gibt es keine Ziele oder Pläne. Aristoteles „causa finalis“ entpuppte sich als anthropozentrische vorwissenschaftliche Fehldeutung.

Bei Immanuel Kant ist die Dichotomie Natur/Kultur bereits schwächer ausgeprägt, keineswegs aber negiert. Der Mensch ist als kulturschaffendes Wesen ein Endzweck der...

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