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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Die Bühnenausstattung als Herrschaftsarchitektur

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Zurück zu den Klassiker-Inszenierungen:

Abb. 6 Friedrich Hebbel: Die Nibelungen, München, Staatstheater.



Auch in der Inszenierung von Friedrich Hebbels Die Nibelungen106 (Abb. 6) am Staatstheater München in der Regie von Willy Meyer-Fürst ist die beschriebene Nähe zum ideologischen Alltag zu beobachten. Der Kommentar von Blanck und Haufe betont die in der räumlichen Gliederung der Bühne ← 38 | 39 → zum Ausdruck kommende Achse von oben nach unten als Herrschaftsgestus: „Die gut gegliederte Bewegung und der hündische Ausdruck [sic!] der Krieger Etzels bilden einen eindrucksvollen Gegensatz zu der stolzen Ruhe und Unnahbarkeit Kriemhilds“107.

Den Hinweis auf die hier mitinszenierte Rassenideologie will ich im Moment unkommentiert lassen, lediglich darauf aufmerksam machen, dass bereits in Fritz Langs Film Die Nibelungen von 1922/23 die Hunnen noch wesentlich diskriminierender als Untermenschen und Ungeziefer vorgeführt werden. Dort springen sie von den Bäumen wie lästige Zecken und kriechen auf dem Boden umher wie Ratten, Mäuse und Kakerlaken – ein den Nazis willkommenes Bildmuster, das diese gerne weiter verwendet haben.

Die räumliche Gliederung der Bühne in der Hebbel-Inszenierung sowie die Dominanz der „heroisierenden“, schicksalsträchtigen Kulissen lenken vor allem die Aufmerksamkeit auf einen formalen Gestus der Architektur des Dritten Reiches. Die Monumentalbauten108 des Reichsparteitags in Nürnberg, die Gestaltung etwa des Münchener Königsplatzes sowie die für Berlin verwirklichten oder nur geplanten Bauwerke sind dieser Art von Bühnenbild nicht fern. B...

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