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Reichsdramaturgie

Kulissen und Choreographien der Macht im NS-Staat

Gunter Reiß

«Reichsdramaturgie» wird definiert als Chiffre für totalitäre Massensuggestion. Sie bezieht sich sowohl auf die Instrumentalisierung des Theaters durch Goebbels als auch auf die Inszenierungsformen des sich als ästhetisches Spektakel präsentierenden faschistischen Staates.
Rückgriffe auf Denk- und Handlungsmuster der NS-Zeit sowie Ausgrenzung und Verfolgung Andersdenkender prägen weiterhin Teile der deutschen Öffentlichkeit und beginnen, demokratische Übereinkünfte und Grundrechte auszuhebeln. Die Analyse der Theatralik des Faschismus bestätigt die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als einen unverzichtbaren Bestandteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns.
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Totenkult

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Vor allem nächtliche Feiern eigneten sich für solche Versammlungen, für Totenfeiern, bei denen man der für den Führer gefallenen Mitstreiter mit großem Zeremoniell gedachte. Prototyp dieses nationalsozialistischen Totenkults ist der seit 1933 als „jährlicher Staatsakt“ wiederholte „Marsch zur Feldherrnhalle“ in München. „Am Morgen des 9. November [1923] machten sich rund 2000 Bewaffnete vom Bürgerbräukeller aus auf den Weg, die politische und militärische Gewalt zu übernehmen. Der Putschversuch endete in einer blutigen Schießerei an der Feldherrnhalle. NSDAP und SA wurden verboten.“173

Kaum an der Macht, erhoben die Nationalsozialisten die Inszenierung des 9. November zum feierlich-düsteren Anlass, sich mit dem Opfertod zu identifizieren. Der Münchener Königsplatz mit seinen monumentalen Bauten war der geeignete Rahmen für die Demonstration des Machtanspruchs von Partei und Staat sowie für die Aufmärsche des „alljährlich zelebrierten pseudo-religiösen Totenkults“174. Die Forderungen nach einer „Erlebnisgemeinschaft Deutsche Bühne“175 und der gewünschte Aufbruch zum Nationaltheater werden auf dieser Bühne mit diesen Kulissen zum beklemmenden „Theater für das Volk als Gemeinschaft“176. So werden am ← 69 | 70 → „9. November 1935 die ‚Blutzeugen‘ des 1923 gescheiterten Hitler-Putsches in Sarkophagen in die ‚Ehrentempel‘ überführt; der nun alljährlich zelebrierte ‚letzte Appell‘ endete in einem lauten ‚Hier‘ [sic!]177 der Menge als Willensbekundung, in der Nachfolge der ‚Märtyrer der Bewegung‘ bis zum Tod für die NS-Bewegung zu kämpfen.“178

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