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Vom Ich erzählen

Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts

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Edited By Heribert Tommek and Christian Steltz

Narrative des Ich und des Selbst sind für die bürgerliche Kultur konstitutiv. Dieser Band beleuchtet, wie das Ich seit Rimbauds Fanal «Je est un autre» destruiert wurde. Nietzsches «Tod Gottes» entthronte das Ich. Ernst Mach erklärte es für «unrettbar», da er es auf seine einzelnen Elemente zurückführte, während Freud das Ich schließlich nach seinen Funktionen im psychischen Apparat zerlegte. Mit der Ich-Auflösung vollzog sich eine fundamentale metaphysische Krise. Die Beiträge zeigen, wie sich diese Auflösung als Katalysator für eine dynamisierte Modernisierung der Künste erwies. Denn paradoxerweise steht die Destruktion des Ich für eine neue, autonome Subjektkonstitution in der Literatur des 20. Jahrhunderts.
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Heribert Tommek, Christian Steltz - Vom Ich erzählen. Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Einleitung

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Heribert Tommek & Christian Steltz

Vom Ich erzählen. Identitätsnarrative in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Einleitung

„Identität“, „Ich“ und „Individualität“ – das sind Grundkategorien der abendländischen Kulturgeschichte: Im Ursprung ist das Ich ge- und besetzt von Jahwe: „Ich bin, der ich bin. Ich bin der Ich-bin-da“ (Ex 3,14), dann wird das Ich ab der Neuzeit auch für den Menschen zentral: in der Philosophie spätestens seit Descartes’ „Cogito ergo sum“ (1641) und in der Literatur vor allem seit dem bürgerlichen Aufklärungszeitalter und seiner Idee von der (Selbst-)Bildung des Subjekts als intelligible Einheit. Die transzendentale Subjektphilosophie Immanuel Kants erhob das Subjekt zur wirklichkeitskonstituierenden Instanz. Johann Gottlieb Fichte setzte das Ich gar absolut: „Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; und umgekehrt: Das Ich ist, und es setzt sein Seyn, vermöge seines bloßen Seyns“,1 behauptete der Philosoph selbstbewusst.

Die Moderne, die sich literarisch schon um 1800 ankündigt und sich Ende des 19. Jahrhundert durchsetzt, ist dagegen von einem Dissoziationsprozess geprägt. Dieser greift die Identität, die autonome Selbstbegründung des Subjekts, im Innersten an, setzt sie heteronomen Bestimmungen aus und erklärt schließlich das Ich zur „unrettbaren“ Kategorie, wie es Ernst Mach in seinen Schriften ausgeführt und sein Verehrer Hermann Bahr in einem Essay auf die griffige Formel gebracht hat.2 Das Ich erkennt sich in der gespiegelten...

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