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Odysseen des Humanen

Antike, Judentum und Christentum in der deutschsprachigen Literatur- Festschrift für Prof. Dr. Maria Kłańska zum 65. Geburtstag

Edited By Katarzyna Jastal, Pawel Zarychta and Anna Dabrowska

Literatur war und ist ein Ort menschlicher Identitäts- und Wertefindung, an dem die Kontingenzen individueller und historischer Erfahrung in universale Kontinuitäten eingeschrieben werden. Sie ist auch ein Ort, an dem antike, jüdische und christliche Traditionsbestände durch ihre Fortsetzung und Neusemantisierung wieder aufleben und nicht selten zu Grundmustern individueller Sinnstiftung werden. Von dieser Grundbeobachtung ausgehend, begeben sich die Autorinnen und Autoren dieses Bandes auf die Suche nach solchen Kontinuitäten und Neusemantisierungen der antiken, jüdischen und christlichen Narrative in der älteren bis jüngsten deutschsprachigen Literatur. Sie rekurrieren auf die Forschungsinteressen von Prof. Dr. Maria Kłańska, der diese Publikation zum 65. Geburtstag gewidmet ist.
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„… wie eine von alten Meistern gemalte Figur”. Zur sakralen Malerei im Roman Die große Liebe von Hanns-Josef Ortheil

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Katarzyna GrzywkaUniwersytet Warszawski

„… wie eine von alten Meistern gemalte Figur”.1 Zur sakralen Malerei im Roman Die große Liebe von Hanns-Josef Ortheil

I

Es ist am 5. März 1457 in Venedig passiert. Viel lässt sich von diesem Tag nicht sagen, bis auf die Tatsache, dass gerade an diesem Tage ein venezianischer Maler namens Carlo Crivelli (geb. ca. 1430–1435, gest. ca. 1495) zu sechs Monaten Haft und 200 Lire Bußgeld verurteilt wurde, weil er „eine Frau namens Tarsia, also die Ehefrau des Seemannes Francesco Cortese”2, für eine gewisse Zeitlang in seiner Wohnung versteckte, um hier allem Anschein nach mit ihr als Mann und Frau zu leben. Eine Angelegenheit, für die man in Venedig weder mit Verständnis noch mit Akzeptanz rechnen konnte. Franz Drey wird sie als „Entgleisung“ des „jugendlichen Temperaments“ des Malers abstempeln und „die einzige Tatsache“ nennen, „die wir von seinen venezianischen Jahren wissen“.3 Warum hat Crivelli eine verheiratete Frau entführt und sich nicht auf die Liebeskünste der berüchtigten venezianischen Kurtisanen oder der „gewöhnlichen Prostituierten“4 verlassen? Pietro Zampetti spricht in diesem Kontext von einer gefühlsbetonten Beziehung5, schließt also die Liebe nicht aus. Wie dem auch sei, die Geschichte endete mit keinem sprichwörtlichen Happy End, denn der angehende Künstler wurde nicht nur denunziert und verurteilt, sondern sie ist vermutlich auch der Hauptgrund dafür, dass er die Lagunenstadt zu guter Letzt verlie...

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