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Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

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Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.
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5. Adoleszenz und Magersucht in der deutschsprachigen Literatur um 2000

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Einleitung

Im Folgenden werden den literarischen Darstellungen der Jahrhundertwende, die merklich vom Hysteriediskurs der Zeit geprägt sind, ausgewählte Texte der Jahrtausendwende gegenübergestellt, die sich ebenfalls durch das Aufgreifen gesellschaftlicher Krankheitsdiskurse und die Verknüpfung der Adoleszenz- mit einer Krankheitsphase auszeichnen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass sich einige gesellschaftliche Aspekte in der Zwischenzeit völlig gewandelt haben. Die jugendlichen Protagonisten der Texte um 2000 müssen nicht mehr das Recht, einen individuellen Lebensentwurf gestalten zu dürfen, einfordern; die Adoleszenz ist als Moratorium bzw. Phase des freien Experimentierens allgemein anerkannt. Doch wird sich zeigen, dass ihr Konfliktpotential keineswegs ausgeräumt wurde. Beispielsweise ergeben sich gerade aufgrund der unüberschaubaren Vielfalt an möglichen Lebensentwürfen und Rollenangeboten Krisen, die mitunter in eine psychische Krankheit münden.463

Das Augenmerk soll jedoch nicht auf beliebige literarische Krankheitsdarstellungen gerichtet werden, sondern vornehmlich auf die Magersucht, die mit Beginn der 1980er Jahre vermehrt zum Thema jugendliterarischer Texte wurde. Die Anorexia Nervosa464 der Hysterie gegenüberzustellen, erscheint geradezu folgerichtig, weisen doch beide Gesellschafts- und Modekrankheiten auffällige Gemeinsamkeiten auf. Überdies ist es in beiden Fällen strittig, ob es sich um Krankheiten im eigentlichen Sinne handelt. So beschreibt Georges Didi-Huberman mit Blick auf Charcot die Hysterie als eine erfundene Krankheit, da sie weder einen spezifischen Sitz, noch einen gleichbleibenden Symptomkomplex ← 167 | 168 → vorweisen könne;465 und auch hinsichtlich der Magersucht wurde bereits durch Hilde Bruch die Frage aufgeworfen, ob diese die Kriterien für...

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