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Von der Hysterie zur Magersucht

Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende

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Iris Schäfer

Die Adoleszenz geht nicht selten mit psychischen Krankheiten einher; mitunter erscheint sie selbst als eine Krankheit, die überwunden werden muss. Die Nähe von Adoleszenz und psychischer Krankheit ist ein prominentes Thema von Jugenderzählungen und Romanen der Zeit um 1900 und um 2000. Die berücksichtigten deutschsprachigen Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen beider Zeitabschnitte ähneln sich auf erstaunliche Weise. Neigten um die Jahrhundertwende adoleszente Figuren vermehrt zur Hysterie, so leiden sie um die Jahrtausendwende vielfach unter Magersucht. Beide Leiden erscheinen als Strategien, den während der Adoleszenz sich einstellenden psychischen Konflikten zu begegnen, diese zu verarbeiten und durch körperliche Signale nach außen hin sichtbar zu machen. Sowohl die Hysterie als auch die Magersucht kommunizieren über den Körper.
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Einleitung

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Im Bereich der Jugendliteratur lässt sich seit einigen Jahren eine thematische Fokussierung auf psychische und physische Krankheiten beobachten. Aufgrund dieser Entwicklung wird am Beispiel psychischer Krankheiten der Frage nachgegangen, in welchem Maße die in der aktuellen Jugendliteratur verhandelten Krankheiten mit der Adoleszenz der Protagonisten verwoben sind und ob sie eventuell eine Wiederholung einschlägiger literarischer Phänomene der Jahrhundertwende darstellen. Eine These besteht darin, dass das Schicksal solcher adoleszenter und gleichzeitig psychisch kranker literarischer Gestalten der Jahrhundertwende, die sich in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben haben, wie beispielsweise Effi Briest und Törleß aus dem Bereich der erzählenden Literatur, oder aber Anna O. und Dora aus dem Bereich der Psychoanalyse, in gegenwärtigen literarischen Darstellungen aufgegriffen wird. Um diese These zu belegen, wurden aus den Zeiträumen zwischen 1880 und 1914 sowie 1980 und 2014 deutschsprachige Texte ausgewählt,1 in welchen die Phase der Adoleszenz nicht nur als Krise, sondern auch als Krankheitsphase dargestellt wird bzw. die Adoleszenz durch eine psychische Krankheit begleitet wird. Auf diese Weise wird beabsichtigt, die in ihnen greifbare Auffassung von Adoleszenz und ihre Verwobenheit mit einer zeittypischen psychischen Krankheit, der Hysterie2 um 1900 und der Magersucht um 2000, freizulegen. Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf der Inhaltsebene zu verdeutlichen, wird der Fokus vornehmlich auf die als pathologisch beschriebenen Adoleszenzphasen gerichtet. Die hiermit einhergehende strikte Fokussierung auf die Inhaltsebene entspricht keineswegs den Konventionen einer herkömmlichen Literaturanalyse, weshalb sie auch keine erschöpfende Interpretation zu sein ← 9 | 10 → beansprucht. Es...

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