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Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk

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Karen Brüning

Im Mittelpunkt des Buches steht die Analyse der Wechselwirkung zwischen Robert Musils Frühwerk und der Gestaltpsychologie. Der österreichische Schriftsteller gilt als Wanderer zwischen den Welten der Wissenschaft und der Literatur. Er emanzipiert sich von der wissenschaftlichen Psychologie und setzt ihr eine auf psychologischen Erkenntnissen basierende Poetologie entgegen, in der besonders die Erkenntnisse der Gestalttheoretiker literarisch verarbeitet werden. In diesem Prozess, dessen Endpunkt der «Mann ohne Eigenschaften» darstellt, kommt dem Frühwerk eine besondere Bedeutung zu. Karen Brüning zeigt auf, wie Musil hier erstmals literarische Zugänge zu einem eigentlich psychologischen Erkenntnisinteresse erarbeitet: der Definition der Seele.
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3. ‚Die Verwirrungen des Zöglings Törleß‘ – Zwischen Wissenschaft und Dichtung

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Musils literarische Karriere beginnt 1906 mit der Veröffentlichung seines Erstlingswerks ‚Die Verwirrungen des Zöglings Törleß‘. Nach seinem Ingenieurstudium an der Technischen Hochschule Brünn schreibt sich Musil 1903 für ein Psychologiestudium in Berlin ein. Bekannt ist, dass er sich zu dieser Zeit intensiv mit den Ideen Ernst Machs auseinandersetzt; im Mai 1902 liest er dessen ‚Populärwissenschaftliche Vorlesungen‘, zwischen 1902 und 1903 – also genau zu der Zeit, in der er von den reinen Naturwissenschaften zur Psychologie wechselt – fertigt Musil die ersten Niederschriften zum ‚Törleß‘ an.228 Die im Machschen Werk angestrebte Schnittmenge zwischen Naturwissenschaften und Philosophie könnte als Katalysator für Musils Emanzipation von dem eigentlich vorgezeichneten Weg als Ingenieur zu werten sein. So schreibt Oliver Pfohlmann: „Entscheidend für Musils Wechsel zur Psychologie war vermutlich seine Lektüre der Werke Ernst Machs.“229 Sicher ist, dass die Kompetenzen, die er in seiner bisherigen akademischen Laufbahn erworben hatte, ihn nicht ausfüllen. Musil zufolge, der in Retrospektive berichtet, wie er den Roman schrieb, ist der ‚Törleß‘ ein Produkt seiner Unzufriedenheit, die ihn nach seinem Studium der Ingenieurswissenschaften umtreibt.230 Er berichtet:

Als ich ein Jahr später selbst nach dem Stoff griff, geschah es buchstäblich aus Langeweile. Ich war 22 Jahre alt, trotz meiner Jugend schon Ingenieur und fühlte mich in meinem Beruf unzufrieden. […] Jeden Abend um halb neun Uhr besuchte mich eine Freundin, aus dem Büro kam ich aber schon um sechs Uhr nach Hause, Stuttgart, wo...

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