Die Querverweise im Pentateuch
Überlieferungsgeschichtliche Untersuchung der expliziten Querverbindungen innerhalb des vorpriesterlichen Pentateuchs
Zusammenfassung
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Copyright
- Autorenangaben
- Über das Buch
- Zitierfähigkeit des eBooks
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Geleitwort von Rainer Albertz
- Einleitung: Genese und Fragestellung der Arbeit
- Erster Teil: Kategorien zur Erklärung von Verweisen
- A. Erster Aspekt: Das Verhältnis des Verweises zu seiner Bezugsstelle
- I. Übereinstimmung von Verweis und Bezugsstelle
- II. Abweichen des Verweises von der Bezugsstelle
- 1.) Das überlieferungsgeschichtlich bedingte Abweichen
- a) Zusammenstellung verschiedener Überlieferungseinheiten
- b) Abweichung in sukzessiven Schichten
- 2.) Das stilistisch und sachlich zu erklärende Abweichen
- a) Abweichung als Mittel des Erzählstils
- aa) Das Stilmittel der Variation
- bb) Stilistisch und sachlich begründete Abweichung
- cc) Abweichung zum Zweck der Konzentration und Interpretation
- b) Abweichung als Mittel zur Profilierung des Erzählten
- III. Der Verweis ohne Bezugsstelle
- 1.) Das überlieferungsgeschichtlich bedingte Fehlen einer Bezugsstelle
- a) Zusammenstellung verschiedener Überlieferungseinheiten
- b) Die Rückprojektion eines Motivs bei sukzessiven Schichten
- c) Verweise auf nur mündlich umlaufende Überlieferungen?
- 2.) Das Fehlen einer Bezugsstelle aus stilistischen und sachlichen Gründen
- a) Der Verweis ohne Bezugsstelle als Mittel des Erzählstils
- aa) Das Fehlen einer Bezugsstelle aus stilistischen Gründen (Nachholung)
- bb) Das Fehlen einer Bezugsstelle aus sowohl stilistischen als auch sachlichen Gründen
- b) Das Fehlen einer Bezugsstelle als Folge des Erzählten selbst (Erfindung, Lüge o.ä.)
- IV. Kriterien zur Zuordnung einzelner Verweise zu den jeweiligen Kategorien
- B. Zweiter Aspekt: Die redaktionelle Funktion von Verweisen
- I. Der Verweis von einer Szene auf eine andere Szene
- 1.) Der Verweis als Ausdruck der Zusammengehörigkeit zweier Szenen zu einer einzigen Einheit
- 2.) Der Verweis als redaktionelle Maßnahme zur Verbindung zweier Einheiten
- II. Der Verweis in der Szene eines Szenenkomplexes auf den Komplex als Ganzen oder mehrere Szenen
- 1.) Der Szenenkomplex als ursprüngliche überlieferungsgeschichtliche Einheit
- 2.) Der Szenenkomplex als Erzählungsgruppe
- III. Der leitmotivische Verweis
- 1.) Der leitmotivische Verweis in einer ursprünglichen überlieferungsgeschichtlichen Einheit
- 2.) Der leitmotivische Verweis als redaktionelle Maßnahme zur Herstellung einer größeren Einheit
- IV. Der pauschale Verweis
- V. Kriterien
- C. Dritter Aspekt: Die Stellung eines Verweises in seinem Kontext
- I. Der Verweis als konstitutiver Bestandteil einer Einheit
- 1.) Der Verweis in der gegenüber der Bezugsstelle überlieferungsgeschichtlich sekundären Einheit
- 2.) Der pauschale Verweis als konstitutiver Bestandteil einer Einheit
- II. Der Verweis als sekundäres Element in einer Einheit
- III. Der Verweis als entbehrliches, aber nicht notwendigerweise sekundäres Element in einer Einheit
- IV. Der Verweis außerhalb einer Einheit
- V. Kriterien
- D. Das Verhältnis der drei Aspekte zueinander
- Zweiter Teil: Die einzelnen Verweise im vorpriesterschriftlichen Pentateuch
- A. Die Urgeschichte
- I. Gen
- 1.) v. 1.12.19.23
- 2.) Verweise auf 2,16f
- II. 4,24
- III. Gen 5–9
- 1.) 5,29
- 2.) 6,5–8
- 3.) 9,18
- IV. Gen 10
- 1.) 10,1
- 2.) 10,25
- V. Die Urgeschichte als Ganze
- B. Die Abrahamsgeschichte
- I. 12,1–8
- II. Gen 13,3f
- III. Gen 13; 18f
- 1.) Gen
- a) 13,14–17
- b) Die Vorausweisungen auf Gen
- aa) 13,10
- bb) 13,13
- 2.) Gen 18
- a) 18,9–15
- b) 18,16–33
- aa) 18,16.20–22a.33b
- bb) 18,17f.22b–33a
- cc) 18,19
- 3.) 19,1–28
- a) 19,9
- b) 19,27f
- 4.) 19,30–38
- 5.) Gen 13; 18f. als Erzählungsgruppe
- IV. Gen
- 1.) 15,4f.7.18–21
- 2.) 15,7
- 3.) 15,13–16
- V. Gen 16
- VI. Gen 20–22
- 1.) Gen 20
- 2.) 21,1–7
- a) 21,1b
- b) 21,1a
- 3.) 21,8–21
- a) 21,8
- b) 21,9
- c) 21,13
- 4.) 21,22–34
- 5.) 22,15–18
- 6.) Gen 20–22 als Erzählgruppe
- VII. Gen
- 1.) 24,5.7
- 2.) 24,15.24.47
- 3.) 24,35f
- 4.) 24,67
- VIII. Die Abrahamsgeschichten als Ganzheit
- Exkurs: Zum Dublettenargument der Quellentheorie
- C. Die Isaaksüberlieferung
- I. 26,1–11
- 1.) 26,1
- 2.) 26,2–5
- II. 26,12–25
- 1.) 26,15.18
- 2.) 26,24.25a
- III. 26,26–33
- IV. Die Isaaksüberlieferung als Ganze
- D. Die Jakobsüberlieferung
- I. Gen 27,36
- II. Gen 28,10–22
- 1.) 28,13–16
- 2.) 28,20–22
- III. 29,31 – 30,24
- IV. Gen 30,25–43
- 1.) 30,25f
- 2.) 30,27.29f
- V. Gen 31
- 1.) 31,1f
- 2.) 31,3–16
- 3.) 31,38–42
- 4.) Der Gott der Väter (31,5.29.42.53)
- 5.) 31,43
- 6.) Zusammenfassung der Ergebnisse zu Gen 31
- VI. Gen 32,4–14a
- 1.) 32,4–9
- 2.) 32,10–13
- VII. 32,14b–22
- VIII. Gen 33
- 1.) 33,8–11
- Exkurs: Zum „Dubletten“-Argument in Gen 32,4–22
- 2.) 33,5.11
- 3.) 33,10
- IX. Gen 32,23–33
- X. Gen 34
- XI. Gen 35
- XII. Die Jakobsüberlieferung als Ganze
- E. Die Josefsgeschichte
- I. Gen 37,3.10
- II. Verweise auf Gen 37
- 1.) Gen 42,21f
- 2.) Gen 39,1
- 3.) Gen 40,15a
- 4.) Gen 45,4f
- 5.) Gen 37,36
- III. Gen 39–41
- 1.) Gen 40,3
- 2.) Gen 40,15b; 41,14
- IV. Gen 42–44
- 1.) 43,3–7
- 2.) Das Motiv vom Geld in den Säcken der Brüder
- 3.) Gen 44,18–34
- V. Gen 46,1–5a
- VI. 45,27; 46,5b
- VII. Gen 48
- 1.) 48,7
- 2.) 48,8f
- 3.) 48,15f
- 4.) 48,21f
- VIII. Gen 49
- IX. Gen 50,1–21
- 1.) 50,5f
- 2.) 50,15–17
- X. Gen 50,24f
- XI. Die Josefsgeschichte als Ganze
- F. Die Überlieferungen von Ägyptenaufenthalt und Exodus
- I. Ex 1,1–14
- 1.) 1,6.8
- 2.) 1,9f.
- II. 1,15 – 2,25
- III. Ex 3f
- 1.) Der Gott der Väter
- 2.) 3,7–11
- 3.) 3,12
- 4.) 3,16–22
- 5.) 4,1–17
- 6.) 4,19.20a
- 7.) 4,21–23
- 8.) 4,27–31
- 9.) Zur überlieferungsgeschichtlichen Stellung von Ex 3f
- IV. Ex 5,1 – 6,1191
- 1.) 5,22f
- 2.) 6,1
- 3.) Das Verhältnis von Ex 5 zu Ex 3f.*192
- 4.) 5,3
- V. Ex 7,14 – 10,29
- 1.) 7,14–16
- 2.) 7,15b
- VI. Ex 11,1 – 13,16
- 1.) 11,1196
- 2.) 12,31f
- 3.) 12,35
- 4.) 12,24–27a; 13,1–16
- VII. Die Überlieferung von Ägyptenaufenthalt und Exodus als Ganze
- G. Die Wüstenüberlieferung
- I. Ex 13,17 – 14,31
- 1.) 13,17–22;14,5
- 2.) 13,19
- 3.) 14,11f
- 4.) Ex 13,17 – 14,31 als erstes Glied der Wüstenüberlieferung
- II. Ex 15,1–21
- III. Ex 15,22–27
- IV. Ex 16
- 1.) 16,32
- 2.) 16,35b
- V. Ex 17,1–7
- 1.) 17,3
- 2.) 17,5
- VI. Ex 18
- 1.) 18,2.3a.5f
- 2.) 18,3b.4
- 3.) 18,1.8–11
- VII. Num 10,29–36
- VIII. Num 11
- 1.) 11,5.18.20
- 2.) 11,6b–9
- 3.) 11,4
- 4.) 11,12
- IX. Num 12
- 1.) Num 12,1
- 2.) 12,2
- X. Num 13f
- 1.) 14,4
- 2.) 14,11b–23a
- XI. Num 16
- XII. Num 20,14–21
- XIII. Num 21,4–9
- XIV. Die Wüstenüberlieferung als Ganze
- H. Die Sinaiperikope
- I. Ex 19,3b–8(9)240
- II. Ex 20,1–17
- 1.) 20,2
- 2.) 20,11
- 3.) 20,12
- 4.) Die Stellung des Dekalogs in der Sinaiperikope
- III. Das Bundesbuch
- 1.) 20,22
- 2.) 24,3
- 3.) Die Stellung des Bundesbuchs in der Sinaiperikope
- 4.) 22,20; 23,9.15
- 5.) 23,20–33
- IV. Ex 32
- 1.) 32,7–14
- 2.) Ex 32 ohne v. 7–14
- 3.) 32,34
- V. Ex 33
- VI. Ex 34
- 1.) 34,1.4258
- 2.) D-Bearbeitung in Ex 34
- a) 34,9264
- b) 34,18
- c) 34,24
- VII. Die Sinaiperikope als Ganze
- I. Die Fragmente der Landnahmeüberlieferung
- I. Num 21,33–35
- II. Num 22–24
- 1.) Verweise innerhalb von Num 22–24
- a) 22,22–35
- b) 22,36–40
- c) 22,41 – 23,12
- d) 23,13–26
- e) 23,27 – 24,13
- 2.) Verweise über Num 22–24 hinaus
- a) 22,2277
- b) 22,5.11
- c) 23,22; 24,8
- III. Num 32
- IV. Zusammenfassung zur Landnahmeüberlieferung
- J. Verweise im Blick auf die Gesamtkomposition des Pentateuchs
- I. Die Väterverheißung
- 1.) Väterverheißung und Gesamtaufriß des Pentateuchs
- 2.) Der Ausgleich zwischen der ursprünglichen Form der Väterverheißung und der Gesamtkomposition des Pentateuchs
- a) Gen 15,13–16
- b) Gen 46,1–5a
- c) Gen 15,13–16; 46,1–5a und die übrigen Erwähnungen der Väterverheißung
- 3.) Die zwei Schichten der Väterverheißung
- II. Der „Gott der Väter“
- III. Gen 48,21 und Num 20,14–16
- 1.) Gen 48,21
- 2.) Num 20,14–16
- IV. Die „D-Bearbeitung“
- Dritter Teil: Zusammenfassung und Auswertung
- A. Erzählungsgruppen
- B. Die Verknüpfung von Einzelerzählungen und Erzählungsgruppen
- C. Durchlaufende Quellen?
- I. Erzählungsgruppen oder durchlaufende Quellen?
- II. Dubletten und Doppelsträngigkeit
- 1.) Dubletten
- 2.) Doppelsträngigkeit
- III. Abweichungen zwischen Verweis und Bezugsstelle und Verweise ohne Bezugsstelle
- 1.) Verweise ohne Bezugsstelle
- 2.) Abweichungen von Verweis und Bezugsstelle
- IV. Die Gesamtredaktion des Pentateuchs
- 1.) Überblicke über den gesamten Pentateuch
- 2.) Leitmotivische Verweise
- D. Die Gesamtredaktion des Pentateuchs
- Ausblick
- Literaturverzeichnis
| 61 →
[–41–]
Zweiter Teil: Die einzelnen Verweise im vorpriesterschriftlichen Pentateuch
Die nun beginnende Untersuchung der Verweise im Pentateuch muß, wenn sie methodisch zu verantwortende weiterführende Ergebnisse zu den in der Einleitung formulierten Fragen63 erbringen soll, allein von den Verweisen selbst ausgehen und überlieferungsgeschichtliche Aussagen als Folge aus deren Untersuchung darbieten, nicht bereits als deren Voraussetzung.64 Nun lassen sich überlieferungsgeschichtliche Aussagen nur bei Verweisen machen, die sich auf eine überlieferungsgeschichtlich unterscheidbare Größe beziehen. Andererseits darf gerade nicht davon ausgegangen werden, daß ein Verweis und seine Bezugsstelle überlieferungsgeschichtlich unterscheidbaren Größen angehören, wenn nicht der Zirkelschluß schon im Ansatz enthalten sein soll. Um einen sicheren Ansatzpunkt zu gewinnen, ist die oben getroffene Unterscheidung zwischen „Szene“ und „Überlieferungseinheit“ aufzunehmen.65 Es muß gefordert werden, daß immer vom Verweis aus einer Szene auf eine andere Szene auszugehen ist. Erst dann kann gefragt werden, ob der Verweis erkennen läßt, in welchem überlieferungsgeschichtlichen Verhältnis die beiden Szenen zueinander stehen, ob sie also von vorneherein [–42–] Bestandteile einer einzigen Einheit sind, ob sie in verschiedenen aufeinanderfolgenden Schichten entstanden sind, oder ob sie ursprünglich eigenständigen Überlieferungsgrößen angehörten. ← 61 | 62 →
Dieses methodische Prinzip wirft nun aber für die praktische Durchführung ein Problem auf. Wird der Begriff der Szene zu eng gefaßt, dann müßten faktisch nahezu alle Verweise untersucht werden, auch solche, nach deren Untersuchung mit Sicherheit gesagt werden könnte, daß sie innerhalb einer einzigen Überlieferungseinheit verbleiben. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte von der listigen Beschaffung des Segens durch Jakob (Gen 27). Sie ist in Szenen gegliedert.66 Die erste Szene (v. 1–4) schildert das Gespräch zwischen Isaak und Esau, die zweite das Gespräch zwischen Rebekka und Jakob (v. 5ff.). Diese zweite Szene enthält nun in v. 6f. einen Rückverweis auf die erste Szene. Dennoch kann mit Sicherheit gesagt werden, daß die beiden Szenen nicht durch den Verweis redaktionell verbunden werden, sondern nur als Bestandteil der Einheit von Gen 27 möglich sind.
Die Arbeit müßte ausufern, würden alle Verweise der Art von Gen 27,6f. mit untersucht. Wie ist es nun möglich, eine solche Ausuferung zu vermeiden und zugleich das methodische Prinzip aufrechtzuerhalten, daß von Szenen auszugehen sei? Die Frage läßt sich auf der Ebene der abstrakten Theorie nicht beantworten, da sie nicht abstrakt-theoretisch, sondern praktisch-arbeitstechnisch bedingt ist. Es muß einfach darauf hingewiesen werden, daß eine Arbeit im Umfeld der Überlieferungsgeschichte des Pentateuch nicht [–43–] ab ovo beginnt, sondern auf einer umfangreichen Geschichte der Forschung beruht. Diese hat sowohl gezeigt, daß der Pentateuch als ganzer keine in einem Zug frei geschaffene Überlieferungseinheit ist. Sie hat aber auch gezeigt, daß nicht jede Szene einer Erzählung als eigene Einheit aufgefaßt werden kann. Wo die Gliederung einer komplexen Erzählung in Szenen das Werk eines frei schaffenden Verfassers ist, und wo sie das Ergebnis der redaktionellen Verbindung einzelner Einheiten zu einer komplexen Erzählung ist, läßt sich nur im Einzelnen entscheiden. Aus arbeitstechnischen Gründen kann nun – unbeschadet des Grundprinzips, daß überlieferungsgeschichtliche Aussagen die Folge und nicht die Voraussetzung der Untersuchung der Verweise sein müssen – formuliert werden, daß Verweise von einer Szene auf eine andere dann nicht untersucht werden, wenn von vorneherein, d.h. aufgrund des gegenwärtigen Stands der Forschung, ← 62 | 63 → nicht zu erwarten ist, daß die beiden Szenen überlieferungsgeschichtlich unterscheidbaren Größen angehören. Dieses arbeitstechnisch nötige und methodisch fragwürdige „von vorneherein“ kann allenfalls dadurch etwas entproblematisiert werden, daß die Kategorie „Stoff“ mit berücksichtigt wird, die allerdings selbst nicht von letzter Eindeutigkeit ist.67 Verweise auf einen bestimmten Stoff müssen auf jeden Fall untersucht werden, auch wenn es naheliegen sollte, daß dieser in seiner ursprünglichen Überlieferungsform nicht mehr faßbar ist und der Verweis auf ihn also auch nicht im Sinne dieser Arbeit als redaktionelle Maßnahme zu werten ist.
Da die Analyse der Pentateuchüberlieferung von den Verweisen ausgeht, werden solche Szenen, die selbst keine Verweise enthalten und auf die auch [–44–] nicht anderswo hingewiesen wird, stillschweigend übergangen (z.B. Gen 14). Szenen, auf die nur hingewiesen wird, ohne daß sie selbst einen Verweis enthalten, werden zu der Stelle behandelt, die auf sie Bezug nimmt.
Aus praktischen Gründen werden die Pentateuchüberlieferungen zunächst nach thematischen Komplexen getrennt behandelt. Ob diese thematischen Komplexe mit Überlieferungseinheiten identisch sind, kann erst nach der Untersuchung der Querverweise gesagt werden.68
[–45–]
Die Geschichte vom Sündenfall des ersten Menschenpaares verweist mehrfach auf den Schöpfungsbericht von Gen 2 zurück. Gleich zu Anfang heißt es von der Schlange, daß sie listiger als alle Tiere des Feldes war, „die Jahwe Elohim gemacht hatte“ (3,1, vgl. 2,19). Dann spricht der Mann von der Frau, „die du mir beigesellt hast“ (3,12, vgl. 2,22). Und schließlich wird zweimal betont, daß der Mann Staub ist und vom Ackerboden genommen wurde (3,19.23, vgl. 2,7). Die Verweise sind syntaktisch entbehrlich; in ← 63 | 64 → drei Fällen handelt es sich um unselbständige Relativsätze69 (3,1.12.23), in einem Fall um einen mit יכ angeschlossenen Satz (v. 19). Auch für das Verständnis des Ablaufs der Geschichte von Gen 3 sind die Rückverweise auf Gen 2 nicht notwendig. Der Verweis in 3,1 verwendet zur Bezeichnung des Schöpfungsvorgangs das blasse השע, während an der Bezugsstelle (2,19) wie fast durchgängig in Gen 2 das plastische רצי steht.70 Formal enthält der Verweis in 3,23 eine Struktur, die bisweilen redaktionelle Verwendung findet, und zwar die Konstruktion: Ortsbegriff + Relativsatz mit Rückbezug auf den Ortsbegriff durch ein Ortsadverb (םש usw.)71 Im konkreten Fall:
| 3,23b | םשמ חקל רשא המדאה־תא דבעל |
Zur redaktionellen Verwendung dieser Struktur vergleiche Gen 13,3f.; 19,27f.; 31,13; 40,3!72 [–46–]
Nun muß aber die angeführte Struktur des Rückverweises (3,23) keineswegs immer redaktionelle Funktion haben.73 Die Vokabel (3.1) השע wird auch in Kap. 2, u.zw. in v. 18, verwendet. Und schließlich spricht positiv nichts dafür, daß die Verweise aufgrund ihrer Stellung im Kontext sekundär sind. Die untersuchten Querverweise in Gen 3 deuten also zwar die Möglichkeit an, daß u.a. mit ihrer Hilfe zwei ursprünglich selbständige Überlieferungen (Gen 2 und Gen 3) redaktionell verbunden wurden.74 Sie reichen aber als Beweis für diese Auffassung wegen der Ambivalenz der Indizien nicht aus.
Das Gebot Jahwe Elohims, von allen Bäumen des Gartens zu essen außer vom Baum der Erkenntnis, und die damit verbundene Todesdrohung (2,16f.) werden in Gen 3 häufig aufgegriffen (v. 1–5.11.17). Die Rückverweise ← 64 | 65 → auf 2,16f. sind konstitutiv für Gen 3. Dieses Phänomen kann in doppelter Weise interpretiert werden. 1.) Es ist möglich, daß 2,16f., worauf sich die Verweise in Gen 3 beziehen, ursprünglich selbst ein Teil der Überlieferung vom Sündenfall war und erst aufgrund der Zusammenarbeit von Gen 3 und Gen 2 von seinem ursprünglichen Platz abgerückt wurde.75 2.) Es ist aber auch denkbar, daß die Stoffe in Gen 2f. nie in dieser Art getrennt, sondern – wenn auch in mehreren Stufen – nur in wechselseitiger Beziehung überliefert wurden. [–47–]
Auf die Frage, ob hinter Gen 2f. zwei ursprünglich selbständige Überlieferungseinheiten zu sehen sind, die redaktionell verbunden wurden, oder ob die Stoffe dieser beiden Kapitel in Beziehung aufeinander ausgeformt wurden, ist weder von den Verweisen in 3,1.12.19.23 noch von den Verweisen auf 2,16f. her eine Antwort zu erhalten.76
4,24 weist auf den Stoff von Kain und Abel (v. 1–16) zurück: „Denn wird Kain siebenmal gerächt, so Lamech siebenundsiebzigmal“. Der Vers bildet zusammen mit v. 23 das Lamechlied. Er ist inhaltlich und sprachlich nicht von v. 15 zu trennen. Das ist entweder darauf zurückzuführen, daß beide Verse von Anfang an als Teil einer einzigen Überlieferungseinheit geschaffen ← 65 | 66 → wurden, oder darauf, daß v. 24 überlieferungsgeschichtlich v. 15 voraussetzt.77 [–48–] In letzterem Fall könnte v. 24 redaktionelle Funktion haben, so daß der Vers das Lied von v. 23 entweder allein78 oder in Verbindung mit v. 17–22 mit dem Kain-Abel-Thema von v. 1–16 verbände. Der Verweis selbst gibt keinerlei Auskunft darüber, ob er redaktionelle Funktion hat oder nicht.
Die Stoffe in Gen 6–9 handeln im wesentlichen alle von der Gestalt Noahs. Sie wird in 5,29 zuerst eingeführt, einem Vers der sich als vorpriesterschriftlich von dem ansonsten P zugehörigen Kap. 5 abhebt. In den Worten: „Dieser wird uns trösten über unserer Arbeit und über der Mühsal unserer Hände, über dem Ackerboden, den Jahwe verflucht hat“ ist wohl ein Hinweis auf den Stoff von 9,20–27 zu sehen, der in 9,20 mit der Mitteilung beginnt, daß Noah als erster Wein pflanzt.79 Zugleich spielt 5,29 nicht nur mit dem Stichwort ןובצע (die Vokabel erscheint im ganzen Alten Testament nur an unseren Stellen Gen 3,16f.; 5,29) auf Gen 3,16f. an, sondern bezieht sich mit der Rede von dem „Ackerboden, den Jahwe verflucht hat“ auch ausdrücklich auf 3,17 zurück.80 ← 66 | 67 →
[–49–] Die Stellung der den Voraus- und den Rückverweis tragenden Worte in dem Vers ist unterschiedlich. Konstitutiv ist ונמחני הז als Etymologie von חנ, also der Verweis auf 9,20ff. Zu ונמחני הז gehört ונשעממ notwendig dazu. Was dann folgt, also der Rückbezug auf Gen 3, ist nicht mehr notwendig (ונידי ןובצעמו). Ja, 5,29bβ.γ ist sogar suspekt, da רשא המדאה ןמ הוהי הררא nicht einmal mehr durch „und“ angefügt ist. Diese beiden Beobachtungen legen die folgende Überlegung nahe. Es ist unwahrscheinlich, daß 5,29 als Ganzer in redaktioneller Absicht formuliert wurde. Dann wären doch wohl nicht der Vorausverweis als konstitutives und der Rückverweis als entbehrliches Element des Verses geschaffen worden. Das bedeutet, daß 5,29 wegen der für den Vers konstitutiven Bezugnahme auf 9,20ff. mit dem Stoff von Noah dem Weinbauern ursprünglich zusammengehört, während die Bezugnahme auf die Sündenfallgeschichte demgegenüber sekundär ist. Wie die ursprüngliche Verbindung von 5,29 mit 9,20–27 aussieht, ob sie sich also auf diese beiden Größen beschränkt oder im Rahmen des gesamten Noah–Stoffes von Gen 6–9 besteht, kann von 5,29 aus nicht gesagt werden.
Im Hinblick auf das problematische Verhältnis von 5,29 zu 4,25f. würde diese Sicht allerdings bereits eine Entscheidung bedeuten. Man hat häufig 5,29 mit 4,25f. zusammengestellt und in diesen Versen das Fragment einer ursprünglich selbständigen Sethitenliste finden wollen, die bis auf 4,25f.; 5,29 der Redaktion mit P zum Opfer gefallen sein [–50–] soll.81 Um die Liste in ihrer Selbständigkeit zu rekonstruieren, muß man freilich all das aus 4,25f. streichen, was die Verse jetzt mit ihrem Kontext verbindet. Dazu aber gibt der Text selber gar keinen Anlaß.82 Ferner zeigen die Verse einen Sprachgebrauch, nämlich die Verwendung von „Adam“ und „Elohim“ als Eigennamen, der so sonst nur bei P erscheint.83 Man wird also in 4,25f. wahrscheinlich doch das Produkt eines Redaktors sehen ← 67 | 68 → müssen, der 4,1–24 mit der Liste von Gen 5 P verbinden möchte.84 Dann kann 5,29 nicht im Zusammenhang mit 4,25f. gesehen werden. Dies trifft sich mit der Vermutung einer ursprünglichen Beziehung von 5,29 auf 9,20ff., die impliziert, daß 5,29 nicht gleichzeitig Bestandteil einer mit 4,25f. beginnenden selbständigen genealogischen Liste ist.
Der Bericht von der Sintflut (Gen 6–8) wird durch einen „Prolog“ (6,5–8) eingeleitet, der Jahwes Beschluß zur Vernichtung der Menschheit mitteilt. Mehrfach wird dabei auf die Erschaffung des Menschen und der übrigen Lebewesen durch Jahwe hingewiesen: „Und es reute Jahwe, daß er den Menschen gemacht hatte auf Erden“ (v. 6), „ich will den Menschen, den ich geschaffen habe, vertilgen … Denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe“ (v. 7). Diese Verweise sind innerhalb von 6,5–8 unentbehrlich. Sie weichen in zwei Punkten leicht von dem Schöpfungs- [–51–] Bericht in Gen 2 ab.1.) Dieser spricht zwar in Übereinstimmung mit 6,7 von (2,20) המהב und (2,19) םימשה ףוע, nicht aber von (6,7) שמר, stattdessen von (2,19) הדשה תיח לכ (vgl. 3,1), welches in 6,5–8 nicht verwendet wird.85 2.) Von den Bezeichnungen für den Schöpfungsvorgang in 6,6f., השע und ארב, erscheint ארב in Gen 2 überhaupt nicht und השע nur in 2,18 und im möglicherweise redaktionell auf Gen 2 zurückverweisenden Vers 3,1.86
Dieser Befund läßt zwei Erklärungen zu. 1.) In Gen 6,5–8 liegen gar keine echten Rückverweise vor, sondern pauschale Verweise auf die Überlieferung von Jahwe dem Schöpfer. 2.) Gen 6,5–8 wurde geschaffen, um die Sintflutüberlieferung (Gen 6–8) redaktionell mit der Schöpfungsüberlieferung (Gen 2) zu verbinden. Dafür spricht die Tatsache, daß sich 6,5–8 als reflektiv von ihrem unmittelbaren Kontext in v. 1–4 und in der eigentlichen Sintflutgeschichte abheben. Das Abweichen des Verweises von seiner ← 68 | 69 → Bezugsstelle, das hauptsächlich in der Verwendung der Verben השע und ארב statt des konkreten רצי auffällt, wäre dann dadurch bedingt, daß der Verweis überlieferungsgeschichtlich jünger als seine Bezugsstelle ist. Der Verfasser von 6,5–8 wählt die allgemeineren (השע) und theologisch belasteteren (ארב) Verben wohl deshalb, weil es ihm nicht einfach um äußere Verknüpfung, sondern um eine Interpretation der gesamten Menschheitsgeschichte von der Schöpfung bis zur Sintflut geht. Zur Verwendung einer allgemeineren [–52–] (und damit auch blasseren) Ausdrucksweise mit zugleich interpretierender Absicht in einem redaktionellen Passus ist Ex 20,22 zu vergleichen.87
Wenn die vorpriesterschriftliche Erzählung von der Sintflut (Gen 6–8) durch einen redaktionellen und sich von seinem Kontext abhebenden Abschnitt ausdrücklich mit den umgebenden Erzählungen verknüpft ist, dann liegt die Vermutung nahe, daß in Gen 6–8 eine ursprünglich selbständige Überlieferungseinheit zu sehen ist.88 ← 69 | 70 →
Details
- Seiten
- 325
- Erscheinungsjahr
- 2015
- ISBN (Hardcover)
- 9783631665589
- ISBN (PDF)
- 9783653059083
- ISBN (MOBI)
- 9783653962994
- ISBN (ePUB)
- 9783653963007
- DOI
- 10.3726/978-3-653-05908-3
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2015 (September)
- Schlagworte
- Jahwist Elohist Literarische Quellen Überlieferungsgeschichte Endredaktion Deuteronomismus
- Erschienen
- Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 325 S.
- Produktsicherheit
- Peter Lang Group AG