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Prostranstvo

Intimer und öffentlicher Raum, Kosmos und Chaos in der russischen Literatur

Erich Poyntner

Das Buch befasst sich mit dem Thema «Raum in der Literatur» im russischen Sprachraum. Dabei stellt der Autor klar, dass Raumvorstellungen kulturell determiniert sind. Sie prägen die Struktur künstlerischer Texte wesentlich und geraten dabei nicht selten in Konflikt mit empirischen Raumkonstruktionen. Bei der Rezeption ist dieser Konflikt ebenso wichtig wie der zwischen unterschiedlichen kulturellen Raumkonzepten. Die vorliegende Auseinandersetzung mit dem Phänomen beginnt beim altrussischen Igorlied und endet bei Viktor Pelevin und Sergej Luk´janenko.
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3. Exkurs

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3.1 Einzelne Befunde an Texten aus der Vergangenheit

Die Semiosphäre mittelalterlicher Texte weist ausgeprägte Gegensätze des Eigenen dem Fremden gegenüber auf. Das mhd. Nibelungenlied konstruiert im ersten Teil eine Welt, die primär von der Welt der Niederschriftszeit geprägt und an den Hof vom Worms projiziert wird. Alles andere ist das Fremde, dazu gehört auch Siegfried. Worms mit seinen Bewohnern ist christlich, ritterlich-höfisch, fortschrittlich, das „Normale“. Angegriffen wird es von der Welt des Siegfried (heidnisch, vorritterlich, rückwärtsgewandt) und von den Sachsen (rückständig). Ähnlich ist der Gegensatz zwischen Brünhild (fremd, heidnisch, archaisch, gegen die gängige Rolle der Frau konstruiert) und Kriemhild (vertraut, christlich, modern, die Rolle der Frau erfüllend). Siegfried bezahlt mit dem Leben, weil er es nicht schafft, sich in die moderne Gesellschaft zu integrieren, was sein Alter Ego Hagen kann (auch er hat offenbar eine heidnisch-vorhöfische Vergangenheit, die er erst am Ende des zweiten Teils wieder hervorholt). Der zweite Teil des Nibelungenlieds erzählt die Reise aus dem schützenden Worms in die Fremde und an Etzels Hof, der die Wildheit des Fremden nur mühsam durch moderne mittelalterliche Formen zudeckt. Alsbald bricht die fremde Anti-Welt über die Burgunder herein, auch in Gestalt der Kriemhild, die die Züge Brünhilds angenommen hat. Der Diskurs ist über weite Strecken realistisch, wird aber immer wieder durch die Darstellung „vorstellbarer, aber unwahrscheinlicher Welten“ (Drachen, Zwerge, Flussnixen) unterbrochen.

In Wolfram von...

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