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Wissen, Medium und Geschlecht

Frauenzimmer-Studien zu Lexikographie, Lehrdichtung und Zeitschrift

Series:

Nikola Roßbach

Das Buch will dem Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Die Autorin unternimmt eine neue Betrachtung der Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexika, Lehrbücher, Zeitschriften – unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten. Im Einzelnen geht es um:
• das weibliche «Versehen» im lexikographischen Diskurs (von Hübner bis Krünitz)
• textinterne Leserinnenkonzepte in der Frauenzimmer-Lexikographie (Corvinus)
• weibliche Gelehrsamkeit und Kulturtransfer (Fontenelle)
• Geschlechter-Räume in der Lehrdichtung (Zäunemann)
• mediale Präsenz und Produktion weiblicher Autorschaft im Medium der Gelehrtenzeitschrift (Zäunemann und die Hamburgischen Berichte)
• Bildungskonzepte und Mediokrität in spätaufklärerischen Frauenzeitschriften (La Roches Pomona, Frauenzimmerbibliothek).
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I. Wissen – Medium – Geschlecht. Eine kurze Einführung

I.Wissen – Medium – Geschlecht. Eine kurze Einführung

Wissen ist immer an kulturelle, soziale und sachliche Kontexte gebunden, an Zeit und Raum. Es ist dynamisch, diachron wie synchron veränderbar und daher immer nur vorläufig wahr. Es ist etwas Gemachtes, ein unter bestimmten Voraussetzungen in bestimmten Kontexten entstandenes Konstrukt – und diese Feststellung bleibt auch dann gültig, wenn man unter Wissen (weiterhin) ein gerechtfertigtes oder verlässliches Meinen versteht, das auf Prämissen beruht, begründbar und überprüfbar ist.

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts erfand das Wissen neu. Das beanspruchte sie zumindest für sich. Dass die Aufklärung vor allem sich selbst erfunden hat, also eine Art Diskursgeburt ist, hat die Forschung inzwischen erkannt. Zwar ist es auch weiterhin nicht falsch, sie allgemein als „Umwälzungs- und Reformprozeß (auch als Säkularisation, Rationalisierung, Modernisierung, bürgerliche Emanzipation usw. beschrieben)“ zu charakterisieren, der sich „politisch-gesellschaftlich als Selbstbestimmung […], wissenschaftlich und philosophisch als Befreiung von ‚Vorurteilen‘ und unbefragt verbindlichen Traditionen (zugunsten von Empirie, Deduktion und Selbstbegründung), theologisch als Ablösung des Offenbarungsglaubens durch vernunftmäßig begründbare Überzeugung“ (Zelle 1997, Bd. 1, S. 160) auswirkt. Wichtig ist es aber auch zu erkennen, dass das homogene Bild einer rationalen, kritischen, skeptizistischen, toleranten, heterodoxen, emanzipierten und emanzipierenden Aufklärung vor allem Ergebnis einer selbststilisierenden, stereotypisierenden Rede über das 18. Jahrhundert ist. Die Pluralität der Aufklärung(en) wahrzunehmen ist eine Aufgabe, der sich die Aufklärungsforschung in den letzten Jahren intensiv gewidmet hat (Meyer 2010, S. 20 u. a.).

Dieser Diskurs der Aufklärung über sich selbst behauptet eine Distanzierung vom barocken Gelehrtentum und dessen ebenso trocken-theoretischem wie exklusivem Wissen. Es sollen nicht mehr nur wenige eingeweihte Gelehrte tradierte Wissensschätze aus dicken Folianten heben. Stattdessen soll ein vielschichtiges und verstärkt empirisch-pragmatisches Wissen in popularisierter Form an Angehörige verschiedener Schichten, verschiedenen Geschlechts und Alters weitergegeben werden.

Um das zu erreichen, wurden diverse, zum Teil neu entstehende Medien eingesetzt. Die sich immer stärker ausdifferenzierende Medienlandschaft lässt sich als geradezu konstitutiv für die Wissenspolitiken des 18. Jahrhunderts beschreiben. Medien, Formen und auch Inhalte des Wissens verändern sich; zugleich bedingen und prägen die medialen Formen die Inhalte des Wissens ← 9 | 10 → selbst, sie transportieren nicht einfach nur ein zuvor vorhandenes Objekt durch einen neutralen Informationskanal weiter:

Medien treten dazwischen. Zwischen die Kommunizierenden, und zwischen sie und die Welt. Wie alle Mittler sind die Medien freundlich-verbindliche Diener und unüberwindliche Trennung/Barriere. Sphäre der Moderation, der Verständigung und des Ausgleichs, machtvoll/unumgängliche Zwischeninstanz, Ort der Verfälschung, Umleitung, des Mithörens und der Zensur. (Winkler 2008, S. 39)

Sind Medien also immer konstitutiv für die (Wissens-)Kultur einer Zeit? Besonders nahe liegt die Annahme einer medialen Konstituierung historischer Ereignisse bei Phänomenen wie Gutenbergs Erfindung der Drucktechnik mit beweglichen Lettern, die für die Durchsetzungskraft der Reformation entscheidende Bedeutung hatte. Pauschale Aussagen sind allerdings genau zu prüfen. Faulstichs These beispielsweise, ohne Medienteilhabe habe man nicht zum Bürgertum des 18. Jahrhunderts gehört, erscheint wohl doch zu pointiert: „Zum Bürger wurde, wer medienkulturell integriert war, d. h. wer an den Medien Zeitschrift, Buch, Zeitung, Brief in irgendeiner Form produktiv, distributiv oder rezeptiv beteiligt war.“ (Faulstich 2006, S. 19)

Angemessener als diese nicht eigentlich nachgewiesene und daher auch umstrittene Behauptung ist es, ein vernetztes Bedingungs- und Funktionsgefüge anzusetzen. Nicht nur hat das Medium ‚den Bürger‘ gemacht, sondern auch ‚der Bürger‘ das Medium: Erst in bestimmten soziokulturellen sowie technologisch-industriellen Konstellationen konnten sich die medial bedingten Kommunikations- und Lektüremodelle (Tagespresse, Briefverkehr etc.) des bürgerlichen Zeitalters ausdifferenzieren. Wenn also Medien konstitutive Faktoren von Kultur sind, wenn die zu einer Zeit dominierenden Wissensmedien nicht nur die Kommunikationsverhältnisse, sondern auch Weltbild und Wahrnehmungsmuster prägen, dann kann eine mediendifferenzierende Perspektive auf die Wissenskultur(en) des 18. Jahrhunderts aufschlussreich sein.

Zielgruppe der beschriebenen aufgeklärten Wissensmissionierung, die sich in schöner Literatur ebenso wie in Lehrbüchern und Lexika, in Zeitungen, Zeitschriften und Kalendern vollziehen konnte, waren bekanntlich das Volk, die Kinder – und die Frauen. Letzteres bedeutet, dass Wissen, Wissensvermittlung und Wissensliteratur als gendermarkiert erscheinen. Das soll natürlich nicht im Umkehrschluss heißen, dass vor dem 18. Jahrhundert, also vor der zuweilen als Feminisierung der Kultur beschriebenen ‚Entdeckung‘ der Frau als Textrezipientin oder gar -produzentin, die Wissensgeschichte geschlechtsneutral gewesen wäre.

Wichtig ist beim aufklärerischen Einsatz für weibliche Bildung und Gelehrsamkeit in verschiedensten Medien und Textgenres die geschlechtsspezifische Verteilung der Subjektpositionen. Weibliche Akteurinnen stellen in diesem ← 10 | 11 → Feld Ausnahmen dar. Es waren Männer, die sich Frauenuniversitäten ausdachten, um sie desto deutlicher im Bereich des Utopischen zu verorten, wie Gottscheds Vision von einer Frauenrepublik inklusive weiblicher hoher Schule in den Vernünftigen Tadlerinnen exemplarisch zeigt (dazu Bovenschen 1979, S. 101–107; Wiede-Behrendt 1987, S. 95 f.). Es waren Männer, die die Mehrheit in Damengesellschaften stellten und dort ihre Ehefrauen belehrten und kontrollierten (Brandes 1992, 1994), die Exempelsammlungen, Leselisten und Schriften zur weiblichen Bildung verfassten. Die Moralische Wochenschriften herausgaben und, zum Teil unter weiblichem Pseudonym, ein Publikum belehrten, welches sie als weiblich imaginierten – allerdings waren offenbar nur 10 % der Lesenden der Moralischen Wochenschriften Frauen (Wiede-Behrendt 1987, S. 117). Und schließlich war es auch ein Mann, Siegmund Gottlieb Corvinus, der als erster vielfältiges Wissen in lexikographischer Form für eine weibliche Leserschaft publizierte.

Frauenzimmer-Studien: Die folgenden Untersuchungen wollen dem intrikaten Zusammenhang von Wissen, Medium und Geschlecht genauer auf die Spur kommen. Es geht um typische Wissensmedien des 18. Jahrhunderts – Lexikon, Lehrdichtung, Zeitschrift –, die unter geschlechterhistorischen Gesichtspunkten neu zu betrachten sind.

In das Buch sind mehrere Aufsätze in stark überarbeiteter und erweiterter Form eingegangen, die zuvor in anderen Kontexten erschienen sind ( IX., Roßbach 1–6). Erste, unveröffentlichte Überlegungen zum weiblichen Versehen wurden am 10.10.2013 auf der Marburger Tagung „Imaginationen des Ungeborenen. Kulturelle Konzepte pränataler Prägung von der Frühen Neuzeit zur Moderne“ (Burkhard Dohm, Urte Helduser) präsentiert. Einige Passagen zur Damenphilosophie ( IV.) basieren auf der von mir 2007 erstellten Originalfassung des Wikipedia-Artikels ‚Damenphilosophie‘; ggf. noch vorhandene Formulierungs- und Inhaltsübereinstimmungen sind daher keine Plagiate. ← 11 | 12 → ← 12 | 13 →