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Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit

Theoretische Perspektiven und empirische Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit

Series:

Paul Rameder

Paul Rameder widmet sich der Frage, in welcher Form und in welchen Bereichen die Freiwilligenarbeit einen Beitrag zur Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheiten leistet. Durch die Aura der Freiwilligkeit und Uneigennützigkeit entziehen sich die sozial nachteiligen Effekte der Freiwilligenarbeit der öffentlichen Wahrnehmung und expliziten Kritik. Die multivariaten Analysen von Mikrozensusdaten aus Österreich zeigen, dass der Zugang zur Freiwilligenarbeit in hohem Maße durch die Ressourcenausstattung der Individuen geprägt ist. Auch die Funktionsverteilung innerhalb der Freiwilligenarbeit reproduziert die ungleichen sozialen Machtverhältnisse. So tragen die Mechanismen der sozialen Schließung und Hierarchisierung auch in den Feldern der Freiwilligenarbeit zu einer Verfestigung gesellschaftlicher Ungleichheiten bei.
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Einleitung

← 18 | 19 → Einleitung

„Ein unerkanntes Gesetz ist wie Natur, ist Schicksal […]; ein erkanntes Gesetz erscheint als Möglichkeit von Freiheit“ (Bourdieu 2004: 44).

Die vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, der Frage nach den Beiträgen der Freiwilligenarbeit bei der Entstehung und der Reproduktion sozialer Ungleichheit nachzugehen. Diese kritische Perspektive will begründet werden. Die Freiwilligenarbeit stellt ohne Zweifel einen wichtigen gesellschaftlichen Bereich dar, ohne jener zahlreiche Leistungen und Errungenschaften, sei es im Sozialbereich, in der Katastrophenhilfe, im Rettungswesen, im Sport, im Naturschutz etc., in der aktuellen Form nicht verfügbar und finanzierbar wären. Zunehmend richten sich die Anforderungen jedoch nicht nur an die durch die Freiwilligenarbeit bereitgestellten Leistungen, sondern betreffen auch die Freiwilligenarbeit selbst. Die Freiwilligenarbeit soll zusätzlich, d.h. als ein ihr immanentes Nebenprodukt, eine sozial integrative Wirkung auf Migrantinnen und Migranten, auf Arbeitslose und auf Pensionistinnen und Pensionisten entfalten. Sie soll ein Feld für den Erwerb sozialer und fachlicher Kompetenzen darstellen, sie soll die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit fördern, sie soll demokratische Grundwerte vermitteln und generell das Vertrauen in die Gesellschaft erhalten und stärken, und das, idealerweise ohne dabei bezahlte Arbeitsplätze zu gefährden bzw. zu ersetzen. Die Fülle an Anforderungen und angenommenen Wirkungen wird nur selten vor dem Hintergrund der sozialen Nebenwirkungen der Freiwilligenarbeit diskutiert. Dabei ist der Zugang zu den Freiwilligenorganisationen seit je in hohem Ausmaß sozial selektiv und die interne Aufgaben- und Funktionsverteilung spiegelt vielfach die ungleichen Machtverhältnisse der Gesellschaft wieder. Bislang haben jedoch die empirischen Befunde zu den sozialen Determinanten der Freiwilligenarbeit weder Eingang in den politischen Diskurs gefunden, noch wurde der Freiwilligensektor von der Ungleichheitsforschung als relevantes Feld der Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit aufgegriffen. Die vorliegende Arbeit hat sich somit zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zwischen politischem Diskurs, empirischer Evidenzen und gesellschaftstheoretischer Betrachtung zu leisten. Dazu wird in einem ersten Schritt aus einer theoretischen Perspektive der Zusammenhang von Freiwilligenarbeit mit der Reproduktion sozialer Ungleichheit erörtert. In einem zweiten ← 19 | 20 → Schritt wird die aktuelle Forschung zu den Determinanten und den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit aufgearbeitet. Anschließend werden in einem dritten Schritt empirische Daten zur Freiwilligenarbeit in Österreich analysiert.

Der Arbeit liegt dabei folgendes persönliches Forschungsparadigma zugrunde: Strukturbedingte Grenzen individueller Handlungsmöglichkeiten sollen mittels wissenschaftlicher Methoden aufgedeckt und bewusst gemacht werden, mit dem Ziel, diese zumindest potenziell gestalt- und veränderbar zu machen.

Es sei vorweg darauf hingewiesen, dass in der vorliegenden Arbeit die Begriffe, Freiwilligenarbeit, Ehrenamt und Freiwilliges Engagement synonym verwendet werden. Keiner der Begriffe deckt m.E. die Bedeutung des Phänomens freiwilliger, unbezahlter Tätigkeiten in gemeinnützigen Organisationen umfassend ab, sondern betont jeweils nur einen spezifischen Aspekt. Freiwilliges Engagement betont die individuelle, persönliche Dimension, den Input. Freiwilligenarbeit streicht die Tätigkeit selbst und deren Rahmenbedingungen hervor und grenzt sich so von Erwerbsarbeit, Familienarbeit und Zwangsarbeit ab. Ehrenamt wiederum stellt die symbolische Dimension der Anerkennung und des Prestiges ins Zentrum.

Problemstellung

Formelle Freiwilligenarbeit1, verstanden als freiwilliges und unbezahltes Engagement in gemeinnützigen Organisationen und Vereinen, ist in den letzten Jahren wiederholt hoch im Kurs, wenn es um Lösungsansätze gesellschaftspolitischer Problemlagen geht (vgl. Badelt/More-Hollerweger 2007; More-Hollerweger et al. 2009b). Der Freiwilligenarbeit wird vor allem Potential bei der Reintegration von Arbeitslosen (kritisch dazu Strauß 2009) und bei der Integration von Migrantinnen und Migranten in die (Aufnahme-)Gesellschaft zugesprochen (kritisch dazu Reinprecht 2009). Die negativen Effekte der zunehmenden gesellschaftlichen Überalterung (kritisch dazu Meyer et al. 2009) sollen durch Freiwilliges Engagement abgefedert werden und die ländliche Abwanderung und der Verlust an gesellschaftlichem Zusammenhalt gebremst werden. Darüber hinaus wird Freiwilliges Engagement auch als Mittel zur Demokratieförderung und als Ort lebenslangen Lernens konstruiert (vgl. European Volunteer Centre 2006; United Nations 2002). Gesamt betrachtet steht dahinter die Hoffnung, dass die Freiwilligenarbeit die zunehmend defizitärere wohlfahrtsstaatliche Daseinsversorgung sowie die generelle Ressourcenknappheit im Nonprofit Sektor zum Teil ← 20 | 21 → kompensieren kann (vgl. Braun 2001a). Vor dem Hintergrund des empirischen Forschungstandes sind die von öffentlicher und politischer Seite geäußerten Erwartungen jedoch kritisch zu hinterfragen (vgl. Priller 2010, 2011). Die Kritik der vorliegenden Arbeit betrifft somit vor allem die verkürzte und verkürzende Perspektive auf (1) die integrativen und inklusiven Potentiale der Freiwilligenarbeit, (2) die dafür verantwortlich gemachten Wirkmechanismen, (3) die daraus abgeleiteten Effekte der Freiwilligenarbeit sowie (4) auf die Rolle der Freiwilligenarbeit bei der Reproduktion sozialer Ungleichheiten.

(1)Überschätzung des integrativen Potentials der Freiwilligenarbeit

Die Freiwilligenarbeit wird von österreichischen Politikern gerne als Mittel zur Integration von Migrantinnen und Migranten konstruiert.

„Österreich ist ein Land der Freiwilligkeit. Ehrenamt und Freiwilligkeit stärkt den sozialen Frieden und ist ein wesentlicher Grundpfeiler unseres Sozialsystems. Gerade für die Integration ist Freiwilligkeit ein wichtiger Faktor. Denn, wenn man sich engagiert in Vereinen und wenn man sich einer Gruppe zugehörig fühlt, dann funktioniert Integration. Daher ist es mir ein besonderes Anliegen, dass Migranten zur Freiwilligkeit motiviert werden“ („Mut zur Initiative“: der Staatssekretär Kurz über Ehrenamt und Eigeninitiative – Österreichisches Staatssekretariat für Integration)2.

Die empirischen Befunde zeigen jedoch, dass nicht alleine die ethnische Herkunft entscheidet für den Zugang zur Freiwilligenarbeit ist, sondern der Bildungsgrad, das verfügbare Einkommen und die Vermögensausstattung, der Erwerbstatus, der Familienstand, die Anzahl der Kinder u.v.m. (vgl. Gensicke/Geiss 2010; Rameder/More-Hollerweger 2009: 55ff; Stadelmann-Steffen et al. 2010; Statistik Austria 2007). Die Politik richtet damit den Blick eindimensional auf das soziale Merkmal der ethnischen Herkunft anstatt soziale und ökonomische Bedingungen zu schaffen, die Freiwilligenarbeit als Ausdruck einer freiwilligen, selbstgewählten und mit Sinn belegten Tätigkeit, ermöglichen. Denn bildungsferne Schichten, Erwerbslose, Personen über 65 Jahre, sowie die Bevölkerung in Großstädten weisen ähnlich niedrige Beteiligungsquoten auf wie Migrantinnen und Migranten.

Unter dem Slogan „Integration durch Leistung“ wird Freiwilligenarbeit nun zusätzlich auch als Indikator für gelungene Integration konstruiert und definiert3. ← 21 | 22 → Mitte 2013 erfolgte die entsprechende Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes von 19854. Fremde haben nun die Möglichkeit, ihre nachhaltige persönliche Integration nebst entsprechenden Sprachkenntnissen auch durch „a) ein mindestens dreijähriges freiwilliges, ehrenamtliches Engagement in einer gemeinnützigen Organisation, die den Vorgaben des § 35 Bundesabgabenordnung (BAO), BGBl. Nr. 195/1961, entspricht, oder […] c) die Bekleidung einer Funktion in einem Interessenverband oder einer Interessenvertretung für mindestens drei Jahre hindurch“5, zu begründen und nachzuweisen.

„Darunter fallen klassisch Feuerwehr, Rotes Kreuz oder Samariter. Darüber hinaus sind laut Auskunft des Kurz-Büros Vereine umfasst, die die Integration in die österreichische Gesellschaft fördern und ‚keine Segregationselemente‘ aufweisen. Ein Blasmusikverein wäre folglich eine Option, ein türkischer Kulturverein eher nicht“ (Zwei Wege zur Einbürgerung im Expressverfahren, Die Presse, 5. Februar 2013).

Mit den Änderungen im Staatsbürgerschaftsgesetz wird Leitungsgerechtigkeit angestrebt, ohne jedoch im Vorfeld für Verteilungsgleichheit zu sorgen.

„Integration ist ein langfristiger und umfassender Prozess: Ziel ist es ‚Integration durch Leistung‘ möglich zu machen, das heißt, Menschen sollen nicht nach ihrer Herkunft, Sprache, Religion oder Kultur beurteilt werden, sondern danach, was sie in Österreich beitragen wollen. Dazu ist es wichtig, Leistung zu ermöglich, einzufordern und anzuerkennen, um eine umfassende Teilhabe an der Gesellschaft allen Bürgerinnen und Bürgern zu ermöglichen“ (Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres)6.

Somit wird auch in diesem Fall das individuelle „Wollen“ vor das strukturelle „Können“ gestellt. Es wird zwar auch darauf hingewiesen, dass Leistung ermöglicht werden muss, was dafür nötig ist, wird jedoch nicht erwähnt. Ohne weiterer Maßnahmen ist zu erwarten, dass der Versuch den Einfluss von Herkunft, Sprache, Religion und Kultur durch Leistungsgerechtigkeit zu eliminieren dazu führt, dass Ungleichheit nur vordergründig reduziert wird, jedoch in Form ungleicher Beteiligungs- und Zugangschancen zur Freiwilligenarbeit weiterhin bestehen bleibt. Diesbezügliche empirische Befunde fehlen bis dato. Es ist bisher nicht öffentlich gemacht worden in wie vielen Fällen die gesetzliche Neuerung ← 22 | 23 → bisher zur vorzeitigen Erlangungen der Staatsbürgerschaft geführt hat und welche Personengruppen davon konkret profitiert haben.

(2)Romantisierung der Wirkmechanismen

Neben den integrativen Potentialen selbst sind auch die Annahmen zu den Wirkmechanismen, d.h. zur Art und Weise wie die Freiwilligenarbeit konkret zur Integration beiträgt, eher fragwürdiger Natur: „Vereine sind der Ort, an dem Zusammenhalt gelebt wird und wo Integration ganz von alleine passiert“7. Dieser Form der sozial-romantischen Heuristik stehen zahlreiche Forschungsarbeiten der Sozialkapitalforschung8 zu den desintegrativen, unsozialen und negativen Effekten des Engagements in freiwilligen Vereinigungen entgegen (vgl. dazu u.a. Roth 2004; van Deth 2010). Beruhigend ist dabei lediglich, dass an diesen „Integrations-Automatismus“ in der Praxis selbst Funktionäre aus dem sonst so „integrationspotenten“ Sportbereich (kritisch dazu Nichols/Ralston 2011; Seippel 2005) nicht glauben: „Es liegt nicht nur bei den Migranten, dass sie auf uns zukommen, sondern wir müssen auch unseren Vereinen klarmachen, dass sie die Türen öffnen sollen“9. Es gilt daher in Zukunft soziale Integration durch Freiwilligenarbeit weder als Automatismus noch als unbeeinflussbare Blackbox dem Zufall zu überlassen. Von Seiten der Politik wie von den Freiwilligenorganisationen ist eine zielgerichtete Gestaltung der Rahmenbedingungen gefordert.

(3)Heuristiken bezüglich der Effekte der Freiwilligenarbeit

Von der arbeitsmarktpolitischen Konkurrenzdebatte hinsichtlich der Substitutionseffekte zwischen unbezahlten und bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgesehen (vgl. Haider/Schneider 2009), überwiegt in der politischen wie öffentlichen Diskussion die Betonung der positiven Auswirkungen der Freiwilligenarbeit. Dabei fußen die Erwartungen der Politik an den die Freiwilligenarbeit dokumentierenden Freiwilligenpass vorwiegend auf monokausalen Heuristiken und weniger auf evidenzbasierter Empirie. Auf der Webseite des ← 23 | 24 → österreichischen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (BMASK) wird „der Österreichischer Nachweis über Freiwilligenarbeit“ wie folgt beworben:

„Freiwilliges Engagement ist das Sozialkapital unserer Gesellschaft. Wesentlich ist jedoch, dass freiwilliges Engagement niemals hauptberufliche, bezahlte Erwerbsarbeit ersetzen kann und darf. Sie stellt eine zusätzliche Bereicherung für die soziale Qualität in unserem Land dar. Freiwilliges Engagement ist auch ein vielfach ungehobener Schatz für beruflichen Erfolg. Denn viele Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in der Freiwilligenarbeit trainiert werden – sei es im Sozialbereich, in der Katastrophenhilfe oder im Umweltschutz – spielen in unserer Berufswelt eine wachsende Rolle“ (BMASK10).

In welcher Form und in welchem Ausmaß in der Freiwilligenarbeit Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen erworben werden und wie diese sich auf den beruflichen Erfolg auswirken, ist bislang kausalanalytisch nur in Ansätzen erforscht (siehe Kapitel (I).3.). Die vorhandenen Ergebnisse deuten jedenfalls darauf hin, dass vor allem bereits in den sozialen, kulturellen wie ökonomischen Dimensionen privilegierte Personen von der Freiwilligenarbeit profitieren. Es kann daher bei den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit von einem sogenannten Matthäus-Effekt11 (vgl. Merton 2010; Rigney 2010) gesprochen werden.

„Denn ehrenamtliche Arbeit setzt in gewissem Umfang Human- und Sozialkapital sowie Reputation voraus. Durch die Ausübung eines Ehrenamtes werden diese Ressourcen aber weiter vergrößert, während Personen, die sich nicht ehrenamtlich betätigen, zum einen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von vornherein über weniger Ressourcen verfügen und zum anderen diese Unterschiede durch ihr „Nicht-Engagement“ noch vergrößert werden“ (Erlinghagen 2003: 754).

Erlinghagen (2003) geht davon aus, „dass von gemeinnützigem Engagement tendenziell auch das Risiko einer zunehmenden sozialen Spaltung ausgeht“ (754) (vgl. auch Brömme/Strasser 2001). Darüber hinaus können auf individueller Ebene mit Freiwilligem Engagement auch direkte negative Effekte wie z.B. ← 24 | 25 → Burnout (vgl. Moreno-Jime’nez/Hidalgo Villodres 2010) verbunden sein. Auch hier stellt sich die Frage, ob alle sozialen Schichten in gleichem Ausmaß von den negativen Effekten betroffen sind und dadurch mögliche Wechselwirkungen zwischen Freiwilligenarbeit und gesamtgesellschaftlicher Ungleichheit bestehen.

(4)Rolle der Freiwilligenarbeit bei der Reproduktion sozialer Ungleichheiten

In den überwiegenden Fällen wird in der öffentlichen Diskussion und der medialen Berichterstattung implizit der Zusammenhang zwischen Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit in eine Richtung und auf zwei Wirkweisen postuliert: Freiwilligenarbeit bzw. Freiwilligenorganisationen reduzieren soziale Ungleichheit. Erstens, indem das Engagement für die freiwillig Tätigen selbst sozial integrierend und kompetenzerweiternd wirkt, und zweitens, überwiegend Menschen aus sozial benachteiligten Gruppen die Empfänger der unentgeltlich erbrachten, sozialen bzw. karitativen Leistungen sind. Die positiven Potentiale und Effekte von Freiwilligem Engagement scheinen dabei meist ohne empirische Belege als sakrosankt, wohingegen dessen soziale Bedingtheit und mögliche soziale Nebenwirkungen nur selten in den Blick genommen werden (vgl. Munsch 2010). Wie ein offizielles Dokument des Rats der Europäischen Union zum Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit (2011) belegt, wurde die Geschlechterungleichheit in der Freiwilligenarbeit erkannt, die Ungleichheitsthematik im Gesamten bislang nicht zum Thema der Politik12 gemacht.

„Das ‚Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit‘ zur Förderung der aktiven Bürgerschaft könnte [Hervorh. PR] auch dazu beitragen, geschlechterbezogene Ungleichheiten im Freiwilligensektor anzugehen, beispielsweise in Bezug auf die Sektoren und Bereiche, in denen Männer und Frauen tätig sind, oder in Bezug auf Repräsentation in ehrenamtlichen Führungspositionen“ (Der Rat der Europäischen Union 2010: L17/44).

In der Freiwilligenforschung gibt es jedoch bereits über die Genderthematik hinausreichende empirische Belege für die Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Freiwilligenarbeit. Die ungleiche Vermögensverteilung führt dazu, dass Menschen, die sich kein Wohneigentum leisten können eine geringere soziale Verwurzelung am Wohnort (stake in society) aufweisen und infolge auch seltener ← 25 | 26 → Freiwilligenarbeit leisten (vgl. Rotolo et al. 2010). Betreffend der intergenerationalen Reproduktion sozialer Ungleichheit zeigen aktuelle Ergebnisse, dass Aufgrund des inflationären Wertes höherer Bildungstitel zunehmend Freiwilliges Engagement eine kompensatorische Funktion bei der intergenerationalen Weitergabe von beruflichem Status übernimmt (vgl. van Houten et al. 2013). Freiwilligenarbeit bzw. Ehrenamt gewinnt damit scheinbar (wieder) an Bedeutung als Mittel zur Distinktion und Form der Weitergabe von sozialem und symbolischem Kapital (vgl. auch Ehrhardt 2011).

Zusammenfassend lässt sich daher festhalten, dass der Kompetenzerwerb in der Freiwilligenarbeit ins Zentrum gerückt, die sozialen Zugangsbarrieren hingegen ausgeblendet werden. Gerade jedoch die Verbindung des ungleichen Zugangs mit den positiven Effekten der Freiwilligenarbeit verweist auf deren ungleichheitsgenerierende und reproduzierende Wirkung. Auch Van Ingen (2009) sieht Freiwillige Vereinigungen weniger als egalitäre Organisationen, sondern vielmehr als Orte, an denen soziale Ungleichheit reproduziert wird. „Conversely, privileged citizens – who do not need the benefits of associational involvement in the first place – show the highest membership rates and occupy the most important positions within associations“ (ebd.:144). Die Verantwortung für die verzerrte und einseitige Wahrnehmung der Potentiale, Mechanismen und Effekte der Freiwilligenarbeit gänzlich an die Politik abzugeben wäre einer kritischen Sozialforschung unwürdig. Es wird daher in einem nächsten Schritt der Blick auf mögliche Ursachen und Hintergründe geworfen.

Hintergrund

Als mögliche Hintergründe für die vernachlässigte Perspektive auf die Zusammenhänge von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit lassen sich folgende vier Ursachen beschreiben: (1) der Fokus auf ökonomische Dimensionen sozialer Ungleichheit; (2) die oftmals vernachlässigte Heterogenität des Phänomens der Freiwilligenarbeit; (3) die Vernachlässigung der internen hierarchischen Strukturierung; sowie (4) die oftmals fehlende gesellschaftstheoretische Einbettung der empirischen Forschungsergebnisse.

(1)Fokus auf ökonomische Dimensionen

Der mediale wie gesellschaftspolitische Diskurs über gesellschaftliche Ungleichheit bezieht sich vorwiegend auf die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen (vgl. Pikkety 2014; Stiglitz 2012). Der Fokus auf die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensungleichheit (z.B. Gini-Koeffizient) ist nicht zuletzt durch die Folgen der Finanzkrise nachvollziehbar. Die Ungleichheiten in ← 26 | 27 → den sozialen, kulturellen und symbolischen Dimensionen sind dadurch jedoch aus dem Blick geraten. So ist zu beobachten, dass trotz des in den letzten Jahren in der Politik und Forschung deutlich gestiegenen Interesses an der Freiwilligenarbeit diese bislang nur vereinzelt im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit untersucht worden ist.

(2)Vernachlässigte Heterogenität

Freiwilligenarbeit findet in funktional-differenzierten Gesellschaften nicht im kontext- und regelfreien Raum statt, sondern ist in unterschiedliche gesellschaftliche Felder (Sport, Politik, Sport, Bildung, Religion, Soziales, Gesundheit, etc.) eingebettet, die wiederum jeweils durch eigene Zugangs- und Strukturierungsregelungen gekennzeichnet sind (vgl. Bourdieu 1982, 1992b). Der medial wie öffentlich geführte Diskurs über die Freiwilligenarbeit beschränkt sich jedoch vielfach auf die sozialen Engagementformen wie z.B. jene im Rahmen der Sozialen Dienste (z.B. Caritas, Volkshilfe, etc.) der Rettungs- und Katastrophenhilfe (z.B. Rotes Kreuz, Samariterbund, etc.) sowie des Aktivismus für Menschenrechte (z.B. Amnestie International, etc.) und Umweltthemen (z.B. Greenpeace, Vier Pfoten, etc.). Damit geraten jene Bereiche, Felder und Organisationen der Freiwilligenarbeit aus dem Blick, die z.B. explizit oder implizit überwiegend den Eigeninteressen und eigenen Bedürfnisse der Freiwilligen bzw. dem erweiterten u.a. ebenfalls sozial selektierten Mitgliederkreises (z.B. exklusive Clubs) dienen. Im groben lassen sich dabei binnenorientierte und außenorientierte Vereine und Organisationen unterscheiden (vgl. Braun 2007). Erstere erstellen Leistungen primär für ihre Mitglieder, wie dies in Sportvereinen, Autofahrerclubs, etc. der Fall ist. Zweitere erstellen Leistungen überwiegend für Personen bzw. Ziele außerhalb der Organisation, wie dies üblicherweise auf die meisten karitativen und sozialen Organisationen sowie auf Menschenrechtsorganisationen und Umweltschutzorganisationen zutrifft. So werden unter Freiwilligenarbeit eben nicht „nur“ wohltätige und karitative Tätigkeiten verstanden, sondern der Definition folgend, alle unbezahlten, freiwilligen Tätigkeiten in Vereinen aller Art, vom Sport, über die Kultur, den Natur- und Tierschutz, politischer Aktivitäten, Interessensvertretungen, sowie zwar legale, jedoch antisozialen und demokratiegefährdende Gruppierungen (vgl. More-Hollerweger et al. 2009b). Aktuelle Studien belegen, dass auch die Tätigkeiten in bzw. die Ziele von Freiwilligenorganisationen selbst mit „unsozialen Effekten“ verbunden sein können, und diese nicht automatisch auf die Bekämpfung und Reduktion sozialer Ungleichheit ausgelegt sind. Diese reichen von negativen und demokratiegefährdenden Aspekten, wie dies zum Beispiel bei rechtsradikalen, populistischen oder ← 27 | 28 → autoritären Vereinigungen der Fall ist (vgl. Roth 2004; Ruzza 2009). Darüber hinaus hat sich in Studien ebenfalls bestätigt, dass sich Vereinsmitgliedschaften und Freiwilligenarbeit auch negativ auf die allgemeine Toleranz gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen auswirken können und nicht automatisch gesellschaftliche Solidarität fördern (vgl. Iglic 2010; van Deth 2010).

Gesamtbetrachtet werden differenziertere Analysen zu den bereichsspezifischen Zugangsvoraussetzungen (Ressourcen bzw. Kapitalien) meist zugunsten verkürzender Gesamtaussagen (vgl. Braun 2003b, 2007; Vogt 2005) vernachlässigt. Braun (2003b) kritisiert diesbezüglich die im Diskurs und in empirischen Analysen oftmals fehlende Differenzierung zwischen der Vielzahl an freiwilligen Vereinigungen. Für ihn haben, aufgrund deren normativer Besetzung, gängige Aussagen zu Mitgliedschaftsquoten, gesellschaftlicher Integration und Gemeinwohlorientierung „eher metaphysischen als empirischen Charakter“ (101). So finden sich die Forschungslücken vor allem hinsichtlich der feldspezifischen Mechanismen und (Macht-) Strukturen, die zu sozial ungleichem Zugang zur Freiwilligenarbeit führen. Dabei variiert die Anzahl und Qualität der empirischen Arbeiten zwischen den einzelnen Engagementfeldern stark. Eine vergleichsweise lange Tradition hat die Forschung zum Freiwilligen Engagement in den Feldern der Politik (vgl. Verba et al. 1995; Weber 1921/1980), des Sports (vgl. Baur/Braun 2003; Baur et al. 2003; Braun 2003c; Nagel 2003b, c; Radtke 2007), der Sozialen Arbeit (vgl. Heimgartner 2004), der Kirche und der Religion (vgl. Bourdieu 1998: 186ff; Schell 2009) sowie Berufsverbänden (vgl. Nesbit/Gazley 2012).

(3)Vernachlässigung der internen Strukturierung

Der Freiwilligensektor besteht aus unterschiedlichen, historisch geprägten Feldern und Engagementformen. So sind z.B. ehrenamtliche Führungspositionen in der Verwaltung von Städten in ihrer Entwicklung und sozialen Bedingtheit von der Freiwilligenarbeit in Vereinen, im Sinne von freiwilligen, selbstorganisierten Zusammenschlüssen zu trennen (vgl. Ehrhardt 2011: 59). Infolge dessen stellt sich die Frage nach dem sozial ungleichen Zugang zu den unterschiedlichen Funktionsbereichen und hierarchischen Positionen in der Freiwilligenarbeit und danach, ob im Freiwilligen Engagement nicht dadurch auch „klassische Rollen- und Verhaltensmuster eher noch verstärkt“ werden (Zimmer 2009: 84). Eine differenzierte Erfassung sowie vergleichende Analyse des sozial ungleichen Zugangs nach Positionen und Status der freiwilligen Tätigkeiten hat bislang nur in vergleichsweise geringem Ausmaß, und interessanterweise im Gegensatz zur aggregierten Analyse des allgemeinen Zugangs, meist nur für einzelne Bereiche ← 28 | 29 → der Freiwilligenarbeit stattgefunden (Nagel 2003a; Radtke 2007; Schell 2009). Bis auf wenige Ausnahmen13, ist dies u.a. auch der empirischen Forschungstradition, d.h. konkret der forschungsökonomischen Integration von Erhebungsinstrumenten in bestehende Erhebungen14, und damit einer nur in wenige Dimensionen differenzierten Erfassung der Freiwilligenarbeit, geschuldet. Die interne Strukturierung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit ist im Kontext der Reproduktion sozialer Ungleichheit bislang eher stiefmütterlich betrachtet worden. Ehrhardt (2011) meint dazu in Bezug auf die Besetzung von Führungs- bzw. Elitepositionen im Ehrenamt,

„[d]ie >Kritik am Ehrenamt< beschränkt sich ausschließlich auf die Frage, ob hiermit auch anspruchsvolle Führungsaufgaben adäquat bewältigt werden können; der Selektionsmechanismus dagegen wird meist nicht wahrgenommen oder zumindest nicht öffentlich thematisiert“ (Ehrhardt 2011: 61f).

(4)Fehlende gesellschaftstheoretische Einbettung und Integration der Forschungsergebnisse

Aus einer gesellschaftskritischen sowie theoretischen Perspektive wurde bislang die Frage, ob und in welcher Form aus dem sozial ungleichen Zugang (Heitzmann et al. 2009; Institute for Volunteering Research 2004) nicht nur Heterogenität, sondern tatsächlich auch soziale Ungleichheit im engeren Sinne resultiert, d.h. mit dem Zugang auch Vor- und Nachteile in anderen Lebensbereichen verbunden sind (Solga et al. 2009), nicht explizit und umfassend beantwortet. Bisher ist es in den meisten empirischen wie theoretischen Arbeiten bei einem Hinweis auf eine mögliche ungleichheitsreproduzierende bzw. eine sozial spaltende Wirkung der Freiwilligenarbeit geblieben (z.B. Erlinghagen 2003). Ein Beispiel dafür stellt der bislang umfassendste Literaturüberblick zur vorwiegend nordamerikanisch fundierten empirischen Freiwilligenforschung von Musick/Wilson (2008) dar. Betreffend des ungleichen Zugangs zur Freiwilligenarbeit schreiben sie, „there is no evidence to suggest any change in the class bias of volunteering or in the relative exclusion of racial and ethnic minority groups from voluntary work“ (Musick/Wilson 2008: 533). Trotz dieser Conclusio sucht man im Index ihres 663 Seiten umfassenden Werkes, „Volunteers – A Social Profil“, vergeblich nach Begriffen wie „social inequality“ oder „social exclusion“ (ebd.). Ein möglicher ← 29 | 30 → Erklärungsversuch lautet folgendermaßen: Das in Abbildung 1 dargestellte Prozessmodell dient vielen Forschungsarbeiten als strukturierende Hintergrundfolie (vgl. Musick/Wilson 2008; Snyder/Omoto 2008; Wilson 2012). Der Nachteil des „Volunteer Process Model“ liegt m.E. darin, dass die Zusammenhänge zwischen den Prozessphasen (Antecedents – Experiences – Consequences) sowie den Analyseebenen (Individual – Interpersonal/Social Group – Agency/Organization – Societal/Cultural Context) tendenziell ausgeblendet werden. Die für eine (gesellschafts-)kritische Betrachtung bedeutsamen Wechselwirkungen sind möglicherweise dadurch vielfach unbeachtet geblieben.

Abbildung 1: Schematische Darstellung des Volunteer Process Model

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Quelle: Snyder/Omoto (2008: 7).

Generell werden die Kausalitäten und Wechselwirkungen, wie sie bei der Reproduktion sozialer Ungleichheiten von Interesse sind, mit gängigen psychologischen und handlungsorientierten Prozessmodellen nur ungenügend oder gar nicht abgebildet. Die nötige Integration der unterschiedlichen Forschungsstränge zu den Determinanten sowie zu den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit ist bislang ausgeblieben (vgl. Hustinx et al. 2010a; Snyder/Omoto 2008; Wilson 2012). Fragen zu den Zusammenhängen zwischen den sozio-ökonomischen Determinanten des Zugangs und den positiven wie negativen Effekten der Freiwilligenarbeit sind somit bisher vielfach unbeantwortet geblieben. Gesamt gesehen fehlt es den existierenden empirischen Ergebnissen zum sozial ungleichen Zugang oftmals an deren gesellschaftstheoretischer Einbettung. In Folge hat die Forschung in diesem Bereich bislang nur wenig zur weiteren Theorieintegration ← 30 | 31 → bzw. Theoriebildung im Rahmen der Ungleichheitsforschung beitragen bzw. angeregt.

Zusammengefasst legt der öffentliche wie politische Diskurs zur Freiwilligenarbeit den Schluss nahe, dass der freie Zugang aller Gesellschaftsmitglieder zur Freiwilligenarbeit vorausgesetzt und Freiwilliges Engagement als multifunktionales Mittel zur sozialen Integration von Migranten und Migrantinnen, zur Reintegration von Arbeitslosen und anderen marginalisierten Gruppen sowie letztlich zur Demokratieförderung und als Maßnahme zum lebenslangen Lernen gesehen bzw. konstruiert wird. Vor diesem Hintergrund der weiterhin niedrigen Engagementquoten sozialstrukturell benachteiligter Bevölkerungsgruppen erscheinen die Ansprüche an die Freiwilligenarbeit mehr als überzogen. Will man Freiwilligenarbeit daher ernsthaft den wachsenden sozialen Ungleichheiten (vgl. Alber/Lenarz 2007; Goebel et al. 2007; Pikkety 2014; Solga et al. 2009; Stiglitz 2012; Therborn 2006) und gesellschaftlichen Herausforderungen, wie z.B. steigender Arbeitslosigkeit, Migration, Überalterung und Budgetknappheit entgegenstellen, sollte diese zuerst selbst umfassend auf deren eigene, implizite wie explizite Beiträge zur (Re)Produktion sozialer Ungleichheit untersucht werden. Dabei ist der ungleiche Zugang nicht nur gesellschaftspolitisch von Bedeutung, sondern gewinnt auch zunehmend für das Management von Nonprofit Organisationen an Relevanz. Dies betrifft die Koordination von Freiwilligen, die Rekrutierung, die Definition und Verteilung von Aufgaben und Positionen, Fragen der Diversität sowie Fragen der internen wie externen Governance, des Social Impact Assessments und der Corporate Social Responsibility im Allgemeinen.

Die identifizierten Forschungslücken betreffen somit einerseits den ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit selbst, d.h. zu den Feldern und Positionen, als auch die theoriefundierte Verbindung der Forschungsergebnisse zum ungleichen Zugang und den damit verbundenen individuellen, institutionellen bzw. organisationalen wie gesamtgesellschaftlichen Konsequenzen. Daraus abgeleitet lautet die Forschungsfrage:

In welcher Form und in welchen Bereichen leistet die Freiwilligenarbeit einen Beitrag zur Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit?

Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist in vier zentrale Kapitel gegliedert. Die ersten zwei Kapitel widmen sich den unterschiedlichen theoretischen Ansätze und Perspektiven (Kapitel I) sowie dem Stand der Forschung zu den Determinanten und Auswirkungen der Freiwilligenarbeit (Kapitel II). Daran anschließend folgt die eigene empirische Analyse und die Interpretation der Ergebnisse (Kapitel III). Abschließend ← 31 | 32 → werden im letzten Kapitel die Schlussfolgerungen und daraus abgeleitete Empfehlungen für die weitere Forschung, die Politik und die Managementpraxis formuliert (Kapitel IV).

Ungleichheitstheoretische Ansätze sowie die Verortung der Freiwilligenarbeit innerhalb dieser Ansätze stehen im Fokus des ersten Kapitels. Dazu folgt im ersten Unterkapitel ein kurzer Abriss zu den Definitionen, Formen wie Dimensionen sozialer Ungleichheit. Anschließend werden im zweiten und dritten Unterkapitel zwei aktuelle theoretische Perspektiven der Ungleichheitsforschung vorgestellt und der Versuch unternommen, die Freiwilligenarbeit in diesen Modellen kausal mit der Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit in Beziehung zu setzen. Im vierten Unterkapitel liefert Pierre Bourdieus Theorie der Praxis Erklärungsansätze dafür, warum ein Bereich wie die Freiwilligenarbeit, trotz des Fehlens direkter ökonomischer Profite für die Akteure, den sozialen Kämpfen um symbolische wie soziale Profite unterliegt. Sie liefert darüber hinaus den theoretischen Rahmen die unterschiedlichen feldspezifischen Bedingungen der Freiwilligenarbeit in den Blick zu nehmen. Dazu werden in einem ersten Schritt die zentralen Theoreme Bourdieus vorgestellt und anschließend anekdotische Bezüge Bourdieus zur Freiwilligenarbeit diskutiert. Im fünften Unterkapitel werden die erarbeiteten theoretischen Perspektiven in einem Modell der (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit in der Freiwilligenarbeit zusammengeführt.

Im zweiten Kapitel wird in einem ersten Schritt das Thema der sozialen Ungleichheit innerhalb der zentralen Forschungsstränge der Freiwilligenforschung verortet. In einem zweiten Schritt folgt die Darstellung der empirischen Befunde zu den Determinanten der Freiwilligenarbeit, konkret zu den askriptiven und erworbenen sozialen Merkmalen. Die empirischen Erkenntnisse zu den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit, d.h. zu den Effekten, die die Freiwilligen selbst betreffen, werden dann im dritten Unterkapitel zum Stand der Forschung diskutiert.

Das dritte Kapitel widmet sich schließlich der Analyse von Sekundärdaten zur Freiwilligenarbeit in Österreich. Einer kurzen Erläuterung zu den formulierten Fragestellungen folgt eine Darstellung zur Erhebungsmethodik und zur Verortung des verwendeten Sekundärdatensatzes im Kontext der Engagementforschung. Daran anschließend werden die angewandten statistischen Analyseverfahren beschrieben. Die empirischen Ergebnisse werden in vier Unterkapiteln dargestellt und interpretiert. Einer bivariaten vergleichenden Analyse zur Sozialstruktur in Österreich und der Freiwilligenarbeit folgt die multivariate Analyse zum Einfluss der zentralen sozialen Merkmale auf den Zugang zur Freiwilligenarbeit wie deren Einfluss auf die interne hierarchische Strukturierung. Die Analysen werden anhand von vier ausgewählter Felder weiter differenziert und ← 32 | 33 → vertieft. Abschließend wird diskutiert, welche Erkenntnisse die empirischen Ergebnissen zur Erklärung des Beitrags der Freiwilligenarbeit zur Reproduktion sozialer Ungleichheit liefern und wo die Grenzen der vorliegenden Analysen sind.

Im vierten und letzten Kapitel werden die Schlussfolgerungen der Arbeit vor dem Hintergrund ihrer Relevanz für die Praxis, d.h. für politische Entscheidungsträger und für die Freiwilligenorganisationen diskutiert sowie der damit verbundene zukünftige Forschungsbedarf erörtert. ← 33 | 34 →

1in Abgrenzung zu informellen Formen der Freiwilligenarbeit wie z.B. Nachbarschaftshilfe (vgl. Badelt/More-Hollerweger 2007; More-Hollerweger et al. 2009b).

2http://www.integration.at/news/news.aspx?nwo=35 – abgerufen am 7.1.2014. Das 2011 gegründete Staatssekretariat für Integration wurde im Zuge der Regierungsbildung im Herbst 2013 in das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres integriert.

3Staatssekretariat für Integration.

4Bundesgesetzblatt vom 30. Juli 2013 (BGBl. I Nr. 136/2013).

5Staatsbürgerschaftsgesetz 1985, Fassung vom 28.01.2014 (http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10005579) – abgerufen am 28.5.2014.

6http://www.bmeia.gv.at/aussenministerium/integration/?nwo=35 – abgerufen am 28.5.2014.

7geäußert von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz im Rahmen einer Pressekonferenz zum Projekt „Vereine machen auf, Migranten machen mit. Jetzt du! Dein Land braucht dich (Kurz will Migranten zur Freiwilligenarbeit motivieren, DerStandard, 11. Juni 2012).

8Vergleiche dazu die Sozialkapital Forschung zu „brigding and bonding social capital“ (Coffé/Geys 2007).

9Generalsekretär der Sportunion Österreich, Rainer Rösslhuber (DerStandard, 11. Juni 2012).

10http://www.bmask.gv.at/site/Soziales/Freiwilliges_Engagement/Freiwilliges_Engagement_in_Oesterreich/Oesterreichischer_Nachweis_ueber_Freiwilligenarbeit – abgerufen am 28.5.2014.

11Der Begriff „Matthäus-Effekt“ geht auf das Gleichnis von den anvertrauten Talenten im Matthäusevangelium zurück: „Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Mt 25,29). Im wissenschaftlichen Kontext hat Robert D. Merton (2010) den Begriff im Rahmen seiner Analyse der Zitierhäufigkeit von wissenschaftlichen Publikationen geprägt und für die Bezeichnung, der von ihm empirisch beobachteten positiven Rückkopplungseffekte (Erfolg führt zu Erfolg) verwendet.

12Weitere Dokumente zu den politischen Erwartungen an das freiwillige Engagement finden sich auf nationalstaatlicher (BMASK 2009; Deutschen Bundestag. Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ 2002), europäischer (Der Rat der Europäischen Union 2010; European Volunteer Centre 2006) und internationaler Ebene (United Nations 2009).

13Deutschland: Freiwilligensurvey; Schweiz: Freiwilligenmonitor; Niederlande: Giving in the Netherlands Panel Survey (GINPS).

14Z.B. European Value Survey (EVS), Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE), Sozio-ökonomische Panel (SOEP).