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Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit

Theoretische Perspektiven und empirische Analysen zur sozialen Schließung und Hierarchisierung in der Freiwilligenarbeit

Series:

Paul Rameder

Paul Rameder widmet sich der Frage, in welcher Form und in welchen Bereichen die Freiwilligenarbeit einen Beitrag zur Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheiten leistet. Durch die Aura der Freiwilligkeit und Uneigennützigkeit entziehen sich die sozial nachteiligen Effekte der Freiwilligenarbeit der öffentlichen Wahrnehmung und expliziten Kritik. Die multivariaten Analysen von Mikrozensusdaten aus Österreich zeigen, dass der Zugang zur Freiwilligenarbeit in hohem Maße durch die Ressourcenausstattung der Individuen geprägt ist. Auch die Funktionsverteilung innerhalb der Freiwilligenarbeit reproduziert die ungleichen sozialen Machtverhältnisse. So tragen die Mechanismen der sozialen Schließung und Hierarchisierung auch in den Feldern der Freiwilligenarbeit zu einer Verfestigung gesellschaftlicher Ungleichheiten bei.
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(I) Theoretische Perspektiven auf soziale Ungleichheit und Freiwilligenarbeit

← 34 | 35 → (I)Theoretische Perspektiven auf soziale Ungleichheit und Freiwilligenarbeit

„Die soziale Welt vergibt das seltenste Gut überhaupt: Anerkennung, Ansehen, das heißt ganz einfach Daseinsberechtigung […] Weniges ist so ungleich und wohl nichts grausamer verteilt als das symbolische Kapital, das heißt die soziale Bedeutung und die Lebensberechtigung“ (Bourdieu 2001b: 309f).

Die Rolle der Freiwilligenarbeit bei der Entstehung und der Reproduktion sozialer Ungleichheit ist bislang kaum erforscht worden und infolge bislang auch nicht Ziel sozialpolitischer Interventionen geworden. Dies ist kaum verwunderlich, denn im öffentlichen wie medialen Diskurs wird primär die Einkommensungleichheit (z.B. Gini-Koeffizient) bzw. die Ungleichverteilung von Vermögen thematisiert (vgl. Pikkety 2014; Stiglitz 2012). Ökonomisches Kapital stellt jedoch nur eine von mehreren Dimensionen sozialer Ungleichheit dar (vgl. Hradil; Kreckel 2004; Solga et al. 2009). Neben dem Bildungsgrad und den mit Einkommen oftmals parallel laufenden Dimensionen wie Macht und Prestige sind, zumindest in den westlich orientierten Ländern, neue Dimensionen wie Freizeit,- Wohn- und Arbeitsbedingungen ungleichheitsrelevant geworden (vgl. Hradil 2005: 485). Je nach theoretischem Blickwinkel werden unterschiedliche Gesellschaftssysteme für die Ungleichheiten verantwortlich gemacht. Ganz vorn stehen meist das Bildungssystem, das Wirtschaftssystem sowie der Rechtsstaat, der für die Umverteilung von Vermögen zuständig ist (vgl. Rehberg 2011). Die Zivilgesellschaft und der Dritte Sektor15 werden zwar aus der Ungleichheitsdiskussion nicht explizit ausgeklammert, die Vielzahl an Freiwilligen Vereinigungen — alleine in Österreich gibt es derzeit über 116.000 Vereine — finden in der Ungleichheitsforschung jedoch keine oder nur eine randständige Beachtung. Vor dem Hintergrund differenztheoretischer (vgl. Schwinn 2007) als auch feldtheoretischer Überlegungen (vgl. Bourdieu 1982, 1992a) sind jedoch alle ← 35 | 36 → Institutionen und Organisationen mit ihren differenzierenden und strukturierenden Prozessen und Hierarchien soziale Kampfplätze und damit potentielle Ort der Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Diewald/Faist 2011). Die nachfolgenden Kapitel widmen sich aus einer theoretischen Perspektive der Frage, wie Freiwilligenarbeit (als Tätigkeit, als Position, als Feld, etc.) konzeptionell in die bestehenden Erklärungsmodelle bzw. -ansätze der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit anschlussfähig gemacht und integriert werden kann.

(I) 1.Soziale Ungleichheit – Definitionen, Formen und Dimensionen

Fragen zur Ausprägung und den Ursachen sozialer Ungleichheit zählen von Beginn an (vgl. Marx/Engels 1977 (1848); Weber 1921/1980) zu den zentralen Themen der Soziologie (vgl. Berger 2004; Budowski/Nollert 2010; Hradil 2005; Hradil 2008; Kreckel 2004; Solga et al. 2009). Entsprechend zahlreich sind die Arbeiten und Ansätze, die sich mit Fragen der ungleichen Ressourcenverteilung in Gesellschaften beschäftigen. Die Annahme gottgewollter und damit natürlicher gesellschaftlicher Unterschiede ist ausgehend von Jean-Jaques Rousseau heute nicht mehr haltbar (vgl. Berger 2004). Es gilt heute aus einer wissenschaftlichen Perspektive als unbestritten, „dass soziale Ungleichheit gesellschaftlich produziert und damit auch gesellschaftlich gestalt- bzw. veränderbar“ ist (Solga et al. 2009: 11). Das Adjektiv sozial bezieht sich dabei auf den Entstehungsprozess der Ungleichheit, d.h. Soziale Ungleichheiten bezeichnen Ungleichheiten, die durch menschliche Interaktion und durch menschliches Handeln hergestellt und reproduziert werden. Trotz intensiver Auseinandersetzung, in theoretischer wie empirischer Form, gibt es bis dato keine „Grand Theory“ bzw. nicht die Grundlagentheorie zur Erklärung sozialer Ungleichheit (vgl. Berger 2004; Diewald/Faist 2011: 93; Rehberg 2011: 17). Überwiegend Einigkeit herrscht in der Ungleichheitsforschung hinsichtlich der zentralen Definitionsmerkmale sozialer Ungleichheit sowie betreffend ihrer vielfältigen Erscheinungsformen, wie in den Dimensionen Einkommen, Macht, Prestige aber auch Gesundheit, der Lebenserwartungen sowie der gesellschaftlichen Teilhabe.

(I) 1.1.Definitionen sozialer Ungleichheit

Gemein ist den meisten Definitionen, dass unter sozialer Ungleichheit, der an soziale Merkmale gebundene, systematisch und dauerhaft ungleiche Zugang zu mit ungleichen Lebenschancen verbundenen sozialen Positionen verstanden wird (vgl. ← 36 | 37 → Hradil 2009:286; Kreckel 2004: 17; Solga et al. 2009: 15). Die folgenden drei Definitionen sozialer Ungleichheit geben dazu einen Einblick: Solga et al. (2009) sprechen

„immer dann von sozialer Ungleichheit, wenn Menschen (immer verstanden als Zugehöriger sozialer Kategorien) einen ungleichen Zugang zu sozialen Positionen haben und diese sozialen Positionen systematisch mit vorteilhaften oder nachteiligen Handlungs- und Lebensbedingungen verbunden sind. […] Es handelt sich also um überindividuelle Ungleichheiten in der Verteilung von Handlungsressourcen sozialer Gruppen, die durch das Verhalten und Denken des Einzelnen nicht kurzfristig beeinflusst werden können. […] Diese Definition von sozialer Ungleichheit enthält keine Vorentscheidung darüber, wie gerecht oder ungerecht, und damit, wie legitim soziale Ungleichheit ist. Dies ist eine normative Frage, deren Antwort bei den einzelnen Forscherinnen und Forschern liegt“ (15).

Für Kreckel (2004) liegen

„Soziale Ungleichheit im weiteren Sinne […] überall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/oder zu sozialen Positionen, die mit ungleichen Macht und/oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden […] Anders ausgedrückt, bei den objektiven Ungleichheiten, die der Soziologe ermittelt, handelt es sich um Handlungsbedingungen, die Handlungsspielräume eröffnen oder auch begrenzen (17ff).

Ähnliches formuliert Hradil (1987) im Rahmen seines Lagen und Milieu Konzepts:

„Unter sozialer Ungleichheit sind gesellschaftlich hervorgebrachte und relativ dauerhafte Handlungsbedingungen zu verstehen, die bestimmten Gesellschaftsmitgliedern die Befriedigung allgemein akzeptierter Lebensziele besser als anderen erlauben […] Sowohl die angesprochenen Lebensziele wie auch die Handlungsbedingungen sind Produkte menschlichen Handelns und nicht etwa anonyme Verursachungsprozesse“ (Hradil 2009:286).

Im Zentrum der Ungleichheitsforschung steht somit der ungleiche Zugang zu sozialen Positionen und/oder sozialen Gütern, jedoch nur insofern, als mit dem ungleichen Zugang zu diesen Positionen bzw. Gütern auch Vor- bzw. Nachteile in anderen (Lebens-)Bereichen verbunden sind. Verschiedenartigkeiten, Heterogenitäten und Prozesse sozialer Differenzierung sind zwar die Ausgangspunkte für soziale Ungleichheit jedoch nur dann relevant, wenn sie mit sozial strukturierten, relativen dauerhaften Vor- oder Nachteilen für Angehörige bestimmter Merkmalsgruppen verbunden sind (vgl. Kreckel 2004; Solga et al. 2009).

← 37 | 38 → „In Abgrenzung zu sozialer Ungleichheit bezeichnen wir als soziale Differenzierung gesellschaftlich verankerte (also gleichfalls überindividuelle) Unterschiede, die nicht (notwendigerweise) mit Vor- und Nachteilen und somit mit Asymmetrien in den Handlungsbedingungen verbunden sind“ (Solga et al. 2009: 15).

(I) 1.2.Formen sozialer Ungleichheit

Je nach Ansatz werden in der Literatur unterschiedliche Formen sozialer Ungleichheit unterschieden. Eine geläufige Unterscheidung ist jene in Chancenungleichheit und Ergebnis- bzw. Verteilungsungleichheit (vgl. Solga et al. 2009: 21). Als Chancenungleichheit werden von Solga et al. (2009) nur die auf zugeschriebene Merkmale, d.h. Geschlecht, Alter, Ethnie beruhenden, „ungleiche[n] Chancen von sozialen Gruppen beim Zugang zu sozialen Positionen oder Handlungsressourcen (zum Beispiel zu Bildungs-, Arbeitsmarkt- oder Einkommenspositionen)“ verstanden (21). Demgegenüber bezeichnen Ergebnis- bzw. Verteilungsungleichheit die „Vor- und Nachteile, die sich durch den Besitz wertvoller Güter oder durch den Zugang zu erstrebenswerten Positionen ergeben (zum Beispiel ungleiche Einkommen, Arbeitsbedingungen, Lebensstandards, etc.)“ (ebd.: 21f.).

Kreckel (2004) unterscheidet zwei Aggregatszustände strukturierter sozialer Ungleichheit. Der erste Aggregatszustand umfasst den ungleichen Zugang „zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten soziale Gütern“ und wird von Kreckel als sozial strukturierte Verteilungsungleichheit bezeichnet. Als zweiten Aggregatszustands nennt Kreckel die sozial strukturierte Beziehungsungleichheit und meint damit die Ausstattung von sozialen „(erworbenen oder zugeschriebenen) Positionen mit ungleichen Handlungs- und/oder Interaktionsbefugnissen oder –möglichkeiten“ (Kreckel 2004: 19f).

„Sowohl ungleich verteilte Güter als auch asymmetrische Beziehungen werden als strategische Ressourcen aufgefaßt. […]. Sind diese Ressourcen ungleich verteilt, so haben wir mit »objektiven« Ungleichheiten zu tun. D.h., wer privilegierten Zugang zu diesen Ressourcen erlangt, gewinnt damit für die Verwirklichung seiner speziellen Wünsche, Bedürfnisse, Lebensentwürfe usw. günstigere objektive Bedingungen als derjenige, der von diesen Ressourcen ausgeschlossen bleibt“ (vgl. Kreckel 2004: 20).

In diesem Kontext weisen Diewald/Faist (2011) unter Bezug auf Amartya Sen (1999) darauf hin, dass es zu bedenken gilt, „dass Beteiligungschancen nicht für alle Gesellschaftsmitglieder die gleiche Bedeutung haben müssen“ und damit konsequent von Verwirklichungschancen zu unterscheiden sind (98).

← 38 | 39 → (I) 1.3.Dimensionen sozialer Ungleichheit

Hradil erklärt pointiert, was mit Dimensionen sozialer Ungleichheit gemeint ist:

„Die Vielfalt vorhandener sozialer Ungleichheiten wird in der Regel in Dimensionen gebündelt. In modernen Gesellschaften gelten der formale Bildungsgrad, die mehr oder minder sichere Erwerbstätigkeit, die berufliche Stellung, das Einkommen bzw. Vermögen und das berufliche Prestige als wichtigste Dimensionen sozialer Ungleichheit. […] Innerhalb jeder dieser Dimensionen lassen sich höhere oder niedrigere Stellungen unterscheiden. Sie werden als Bildungs-, Erwerbs-, Berufs-, Einkommens- bzw. Prestige-Status bezeichnet“ (Hradil 2013: 154).

Die Erscheinungsformen und damit die Dimensionen sozialer Ungleichheit sind nicht absolut zu denken sondern verschieben und verändern sich mit dem fortlaufenden gesellschaftlichen Wandel.

„So war formale Bildung noch im ausgehenden Mittelalter für die Mehrzahl der Menschen eher unwichtig. Heute spricht viel dafür, dass der erreichte Bildungsgrad für die Menschen die wichtigste Dimension sozialer Ungleichheit darstellt (Hradil 2013: 154).

Eine etwas abstraktere und offenere Klassifikation vertritt Kreckel (2004) im Rahmen seiner „politischen Soziologie der sozialen Ungleichheit“. Er unterscheidet vier Dimensionen strukturierter sozialer Ungleichheit (siehe Abbildung 2) und bezeichnet diese aus Akteursperspektive auch als strategische Ressourcen: Materieller Reichtum (1) und symbolisches Wissen (2) als distributive Ungleichheiten, sowie hierarchische Organisation (3), und selektive Assoziation (4) als relationale Ungleichheiten (vgl. Kreckel 2004: 75ff). Dabei wird deutlich, dass Kreckel die vier Dimensionen sozialer Ungleichheit den gleichen vier Sphären zuordnet, in denen auch Bourdieu (1983) seine vier grundlegenden Kapitalarten, das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das symbolische Kapital verortet.

Abbildung 2: Dimensionen strukturierter sozialer Ungleichheit

img

Quelle: in Anlehnung an Kreckel (2004: 94).

← 39 | 40 → 1. Von der Dimension des materiellen Reichtums spricht Kreckel (2004) immer dann, wenn

„der Zugang zu (primär) materiellen Produkten und Bedingungen vergangener und/oder gegenwärtiger menschlicher Arbeit in asymmetrischer Weise reguliert ist und dadurch ungleiche Handlungsbedingungen und Lebenschancen entstehen“ (78).

Empirisch stellt sich damit die Frage, „welche knappen materiellen Güter in einer Gesellschaft in der Weise zugangsreguliert sind, daß sie sich als ungleichheitskonstituierende Handlungsbedingungen auswirken“ (ebd.). Mit knappen materiellen Gütern, sind in markt- und geldwirtschaftlich orientierten Gesellschaften primär Güter gemeint, „die von privater Seite käuflich erworben werden können“ (ebd.).

2. Neben dem materiellen Reichtum zählt die Dimension des (symbolischen) Wissens zum Bereich der distributiven Ungleichheit. Darunter fasst Kreckel (2004) „das kulturelle Erbe einer Gesellschaft, ihre Sprache, Sitten, Techniken, Gebräuche usw.“ als Gemeingüter zusammen und betont, dass auch „symbolische Güter zugangsreguliert und ungleich verteilt“ sein können, jedoch deren Knappheit, im Gegensatz zu materiellen Gütern, schwerer vorstellbar sei (79). Als Beispiele für systematische Verknappung nennt Kreckel u.a. die Monopolisierung religiöser wie juristischer Einsichten, den eingeschränkten Zugang zu Bildungsinstitutionen wie den damit verbundenen Qualifikationen und Zeugnissen, oder aber auch die Benachteiligung von sprachlichen Minoritäten (z.B. Dialekt versus Hochsprache) (vgl. ebd.).

„Es geht dabei um die ungleich verteilte Fähigkeit, die ››geistigen Objektivationen‹‹ bzw. das verfügbare kulturelle Erbe entschlüsseln, anwenden, für sich zu beanspruchen bzw. vorteilhaft nutzen zu können“ (Kreckel 2004: 79)

3. In den Bereich der relationalen Ungleichheit fällt die Dimension der hierarchischen Organisation.

„Sie kann Mittel zum Zweck, sie kann aber auch Selbstzweck sein. So mag eine Führungsposition in Politik oder Wirtschaft z.B. persönliche Eitelkeiten und Machtgelüste befriedigen, und sie kann auch Möglichkeiten zur Durchsetzung sinnvoller Ideen oder zur Leistung brauchbarer Arbeit bieten“ (Kreckel 2004: 81f).

Kreckel (2004) streicht dabei heraus, dass die Lebenschancen wie die tatsächliche Lebensführung von den Positionen innerhalb von (hierarchischen) Organisationen mitbestimmt werden (vgl. 81f).

„Gleichgültig, in welcher Hierarchie man eine Position innehat – sei es nun in einem Betrieb, einer Schule, einem Verein – je höher die Stellung, desto größer sind (ceteris ← 40 | 41 → paribus) die Möglichkeiten, über andere Menschen und deren Handeln verfügen zu können. Höhere Position verleiht größere Handlungsautonomie und beeinflußt damit auch Lebenschancen“ (Kreckel 2004: 82).

Damit ist Kreckel einer der wenigen im Feld der Ungleichheitsforschung, der die Positionsbesetzung in Vereinen und damit innerhalb der formellen Freiwilligenarbeit explizit benennt. In der empirischen Forschungspraxis findet dies jedoch bislang kaum eine Entsprechung.

4. Die vierte Dimension strukturierter sozialer Ungleichheiten wird als jene der selektiven Assoziation definiert. Diese beruht für Kreckel (2004) „auf symmetrische Beziehungen zwischen Gleichen, einander als gleichartig und/oder gleichwertig Anerkennenden“ (83). Eine Intensivierung dieser exklusiv gestalteten Beziehungen kann „zu einer Verstärkung und Verfestigung des allgemeinen Zustandes der Ungleichheit beitragen“ (83). Selektive Assoziationen umfassen nach Kreckel (2004) „Familien- und Verwandtschaftsverbindungen oder landsmannschaftliche Loyalitäten […] Freundschaften, studentische Verbindungen, berufsständische Gemeinschaften, politische Loyalitäten, gemeinsame Verkehrskreise“ (84). Letztlich sind damit alle Verbindungen, Verpflichtungen und erworbenen Gemeinsamkeiten gemeint, die im Sinne Bourdieus (1983) Sozialkapitalfunktion erfüllen und damit „als Startbasis für den Zugang zu anderen Ressourcen und damit zur Monopolisierung von privilegierten Lebenschancen“ nutzbar sind (84). Kreckel (2004) merkt dazu weiter an:

„Soziale Ungleichheit aufgrund von selektiver Assoziation läßt sich, im Gegensatz zu den in den drei anderen Dimensionen, in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr ohne weiteres offen legitimieren. Soziale Vorteile und Vorurteile aufgrund von Familienbindungen oder Freundschaften und Bekanntschaften, ebenso wie von Rasse und Geschlecht verstoßen gegen die offiziell proklamierten und auch verfassungsmäßig verankerten Grundwerte der Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit“ (Kreckel 2004: 85).

Kreckel (2004) wie auch ← 41 | 42 → Bourdieu (1977) vertreten die These, dass soziale Ungleichheit bzw. die herrschende Ordnung von den beteiligten und betroffenen Akteuren selbst meist nicht als solche wahrgenommen und hinterfragt wird.

„Soziale Ungleichheit ist eine von Menschen gemachte und damit von Menschen veränderbare Grundtatsache heutigen gesellschaftlichen Lebens. Von den Beteiligten und Betroffenen wird sie allerdings häufig als unabänderliches Schicksal hingenommen. Dennoch besteht die Hoffnung, daß mit der genaueren Einsicht in die Entstehungs- und Wirkungsweise sozialer Ungleichheitsverhältnisse auch deren vermeintlichen Selbstverständlichkeit und Unantastbarkeit ins Wanken gebracht werden kann“ (Kreckel 2004: 13).

Bourdieu (1977, 1998) bezeichnet dieses Phänomen innerhalb seiner Theorie als Doxa. „Doxa, das ist der Glaube, der sich als solcher nicht kennt“ (Fuchs-Heinritz/König 2005:201). „Jede herrschende Ordnung weist die Tendenz auf – allerdings auf unterschiedlicher Stufe und mit je anderen Mitteln –, ihren spezifischen Willkürcharakter zu naturalisieren“ (Bourdieu 1977: 324). Gerade im Kontext der Freiwilligenarbeit spielt dieser Aspekt eine besondere Rolle. Der Begriff der Freiwilligenarbeit, der zwar noch nicht vollständig jedoch in vielen Bereichen den Begriff des Ehrenamts abgelöst hat, trägt zusätzlich zur Verschleierung sozial bedingter, strukturierter, dauerhafter Benachteiligungen bei. Durch das Attribut der Freiwilligkeit scheint sich dieser Bereich aktuell mehr oder weniger erfolgreich einer umfassenderen Sozialkritik entzogen zu haben.

Um sich der Fragestellung nach dem Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Freiwilligenarbeit auf theoretischer wie empirischer Ebene weiter nähern zu können, haben sich für meine Arbeit zwei theoretische Perspektiven bzw. Ansätze als hilfreich herausgestellt. Erstens die Unterscheidung von vier Strukturebenen sozialer Ungleichheit, wie sie Solga et al. (2009) vorschlagen, sowie der Forschungsansatz von Diewald/Faist (2009), der den Prozess von Heterogenitäten hin zu sozialen Ungleichheiten nachzuzeichnen versucht. Aus der ersten Perspektive stellt sich die Frage, ob und wenn ja, auf welchen der Strukturebenen sozialer Ungleichheit die Freiwilligenarbeit verortet werden, und welche Schlüsse dadurch über das mögliche Zusammenwirken von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit getroffen werden können. Die zweite Perspektive lenkt den Blick auf die Freiwilligenarbeit als Kontext der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit. In einem nächsten Schritt werden die beiden Ansätze erklärt und daran anschließend mit der Freiwilligenarbeit in Verbindung gebracht.

(I) 2.Theoretische Perspektiven zu den Struktur- und Kontextebenen sozialer Ungleichheit

(I) 2.1.Strukturebenen sozialer Ungleichheit

Solga et al. (2009) unterscheiden in ihrem Prozessmodell (siehe Abbildung 3) vier Strukturebenen sozialer Ungleichheit (vgl. Hradil 2008: 213ff; Solga et al. 2009: 16ff). Zentral dabei ist, dass es sich um eine Frage der kausalanalytischen Interpunktion handelt (vgl. Solga et al. 2009), ob eine Ressource bzw. eine Kapitalform Ausgangspunkt oder Endpunkt sozialer Ungleichheit darstellt. Auf der Inputseite stehen die sogenannten (1) Determinanten sozialer Ungleichheit, die durch (2) näher zu bestimmende Mechanismen auf der Outputseite zu sozialer ← 42 | 43 → Ungleichheit in unterschiedlichen (3) Dimensionen führen, die ihrerseits wieder mit bestimmten (4) Auswirkungen verbunden sind. Damit haben Solga et al. (2009) ein theoretisches Modell vorgestellt, das die Notwenigkeit unterstreicht, bei der Erforschung sozialer Ungleichheit mit kausalanalytischen Interpunktionen zu arbeiten.

Abbildung 3: Strukturebenen sozialer Ungleichheit

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Quelle: Solga et al. (2009: 17).

Die Determinanten sozialer Ungleichheit bezeichnen „soziale Merkmale von Personen (wie zum Beispiel das Geschlecht, das Bildungsniveau, die soziale Herkunft), die Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen definieren“ (Solga et al. 2009: 16). Die Zugehörigkeit zu diesen sozialen Gruppen ist „wiederum Grundlage für Vor- und Nachteile in bestimmten Handlungs- und Lebensbedingungen“ (ebd.). Dabei muss zwischen zugeschriebenen Merkmalen (Geschlecht, Alter, soziale und regionale Herkunft) und erworbenen Merkmalen (Beruf, Bildungsgrad, Familienstand) unterschieden werden (vgl. ebd.). Zentral ist, dass diese Determinanten soziale Positionen kennzeichnen, „die an sich keine Besser- oder Schlechterstellung darstellen, aber diese mit hoher Wahrscheinlichkeit nach sich ziehen“ (Hradil 2005: 34f). So sind z.B. mit einem bestimmten Beruf, Geschlecht oder Körpergewicht grundlegend keine sozialen Vor- und Nachteile verbunden. Erst die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, die Bewertung sowie soziales Handeln selbst führen zu einer sozial vermittelten Statuszuweisung eines Berufs, zu einer Schlechterstellung von Frauen oder aber einer negativen Bewertung und strukturellen Diskriminierung von Übergewichtigen, d.h. dazu, dass aus Verschiedenartigkeit soziale Ungleichheit resultiert (vgl. Solga et al. 2009: 16).

Unter den Dimensionen sozialer Ungleichheit verstehen Solga et al. (2009) die wichtigsten Arten von Vor- und Nachteilen (vgl. ebd.: 18). Als Basisdimensionen sozialer Ungleichheit gelten „materieller Wohlstand“, „Macht“ und „Prestige“ (Hradil 2005: 31). Die drei Basisdimensionen wurden schließlich im Zuge postindustrieller gesellschaftlicher Veränderungen um die Dimension der „Bildung“ ← 43 | 44 → erweitert. Laut Hradil sind jedoch auch diese vier Dimensionen in modernen Gesellschaften nicht mehr ausreichend. Neben Zielvorstellungen wie Gesundheit treten zunehmend auch Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten in den Blick und „lassen es notwendig erscheinen, auch auf soziale Ungleichheiten innerhalb der Dimensionen Arbeits-, Wohn-, Umwelt- und Freizeitbedingungen einzugehen“ (ebd.: 31).

Von besonderem Interesse sind die Ursachen, d.h. die konkreten sozialen Mechanismen und Prozesse, die dazu führen, dass aus Unterschieden (z.B. Geschlecht) soziale Ungleichheit (Diskriminierung beim Zugang zu Führungspositionen) werden. Denn …

„Ursachen sozialer Ungleichheit sind die sozialen Prozesse oder sozialen Mechanismen, durch die die Zugehörigkeit zu bestimmten Sozialkategorien in einer Art und Weise sozial relevant wird, dass diese zu Vor- und Nachteilen in anderen Lebensbereichen (Dimensionen) führt“ (Solga et al. 2009: 19).

Solga et al. (2009) nehmen selbst keine eigene Klassifikation der bekannten Mechanismen sozialer Ungleichheit vor, sondern fordern vielmehr von einer zeitgemäßen empirischen Forschung ein, konkrete Mechanismen zu spezifizieren und zu benennen.

Die „Auswirkungen sozialer Ungleichheit stellen schließlich die Konsequenzen der sozial strukturierten Vor- und Nachteile dar“ (Solga et al. 2009: 20). Schlussendlich weisen Solga et al. (2009) darauf hin, dass es von der kausallogischen sowie theoretischen Perspektive des Forschers bzw. der Forscherin abhängt, ob es sich bei einem Phänomen um eine Dimension oder eine Auswirkung sozialer Ungleichheit handelt (ebd.).

Nachfolgend sollen zwei konkrete Bespiele das Prozessmodell der Strukturebenen sozialer Ungleichheit illustrieren: Beispiel (1): Das Geschlecht (Determinante) führt u.a. über den Mechanismus der sogenannten Statistischen Diskriminierung16 (Ursache) dazu, dass Frauen seltener in Führungspositionen (Dimension) zu finden sind und dadurch geringere Einkommen (Auswirkung) beziehen. Beispiel (2): Die Höhe des Bildungsgrads (Determinante) führt über ← 44 | 45 → die „Kopplung des Zugangs zu Arbeitsplätzen an Bildungsabschlüsse“ (Ursache) zu ungleichen Einkommen (Dimension), die wiederum zu ungleichen Armuts- und Gesundheitsrisiken (Auswirkungen) führen. Der Nutzen dieses Modells liegt darin, dass es einfordert, genau zu definieren „zwischen welchen Determinanten und Dimensionen ein Zusammenhang besteht“ und, dass der konkrete Mechanismus bezeichnet und erklärt werden muss, „durch den soziale Ungleichheit hergestellt wird“ (ebd.: 20f). Die Aufnahme der Auswirkungen in das Prozessmodell hat im Rahmen der vorliegenden Forschungsarbeit anfänglich eher für Verwirrung als für Klarheit gesorgt. Schlussendlich hat die Auseinandersetzung damit bewirkt, den Stand der Forschung zu den Auswirkungen der Freiwilligenarbeit im Allgemeinen, und davon abgeleitet möglichen Auswirkungen eines ungleichen Zugangs zur Freiwilligenarbeit im Besonderen genauer in den Blick zu nehmen. Somit ist das Prozessmodell wie es Solga et al. (2009) vertreten geeignet, die mögliche Rolle und Bedeutung vom ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit theoretisch zu erörtern, ein Strukturierungsschema für den Stand der Forschung bereitzustellen sowie bestehende Forschungslücken offen zu legen. D.h. konkret der Frage nach zu gehen, ob der empirisch belegte ungleiche Zugang zur Freiwilligenarbeit lediglich eine Form sozialer Differenzierung darstellt und Ausdruck von Verschiedenartigkeit ist, oder aber damit auch soziale Ungleichheit verbunden sein kann.

(I) 2.2.Kontextebenen sozialer Ungleichheit

Für Diewald/Faist (2011) ist ebenfalls die Frage zentral, wie aus Heterogenitäten soziale Ungleichheiten werden und welche Mechanismen dafür verantwortlich sind. Damit unterscheidet sich ihr Ansatz nicht grundlegend von jenem der vier Strukturebenen, jedoch stellen sie nicht wie Solga et al. (2009) ein Strukturierungsschema für Theorien sozialer Ungleichheit bereit, sondern wollen damit selbst ein neues Forschungsprogramm17 der Ungleichheitsanalyse fundieren (vgl. SFB 882).

„Im spezifischen Feld der Ungleichheitsforschung propagieren wir diesbezüglich, konsequent Heterogenitäten als Ausgangspunkt und Ungleichheiten als Endpunkt der Mechanismen zu benennen, also nicht zu konfundieren und nebeneinanderzustellen. ← 45 | 46 → Dabei gilt es, Heterogenitätsmerkmale und Ungleichheiten jeweils im Plural zu konzipieren, um der Multidimensionalität und den möglichen Interdependenzen angemessen Rechnung tragen zu können“ (Diewald/Faist 2011: 94).

Abbildung 4 stellt diesen theoretischen Ansatz dar. Diewald/Faist (2011) fassen unter Heterogenitäten alles zusammen, „was die Unterschiedlichkeit und Vielfalt von Individuen ausmacht“ (95). Sie unterscheiden unter Rückgriff auf bestehende Einteilungen vier Gruppen von Merkmalen. Diese umfassen jegliche Form von (1) askriptiven Merkmalen, darüber hinaus jedoch (2) kulturelle Lebensstile, Einstellungen, Vorlieben etc., (3) Kompetenzen, Qualifikationen und Eigenschaften sowie (4) Tätigkeiten im Rahmen gesellschaftlicher Arbeitsteilung wie in der Erwerbsarbeit, der Hausarbeit und der Kinderbetreuung. Damit haben sie im Vergleich zu Solga et al. (2009) bzw. zu Hradil (2005) ein breiteres Verständnis von ungleichheitsrelevanten Merkmalen. Sie argumentieren diesbezüglich folgendermaßen: „Angesichts der Zunahme von Heterogenitäten steigen die Anforderungen an eine angemessene theoretische und empirischen Erfassung derjenigen Merkmale, die zum Ausgangspunkt von Ungleichheiten werden können“ (ebd.: 97). Dabei betonen sie, dass die Unterscheidung nach Heterogenitätsmerkmalen erst durch „klassifikatorische Kämpfe und Verhandlungen verschiedener Akteure“ in sozialen Feldern erzeugt wird18.

Analog zu Solga et al. (2009) betonen sie die Bedeutung sozialer Mechanismen bei der Erklärung sozialer Ungleichheiten. Mit ihrem Erklärungsprogramm wollen sich Diewald/Faist (2011) von Ansätzen abgrenzen, die folgende Merkmale aufweisen:

• „die Verpflichtung auf eine alles erklärende, rein philosophierende Grand Theory;

• die streng deduktive Erklärung über allgemeingültige Gesetze im engen Sinn, die die konkreten Wirkungsketten zwischen Ursache und Folge als „black box“ behandeln und deshalb wenig zu ihrem Verständnis beitragen;

← 46 | 47 → Abbildung 4: Von Heterogenitäten zu Ungleichheiten

img

Quelle: Diewald/Faist (2011: 104).

← 47 | 48 → • ein Empirismus, der Gesetzmäßigkeiten trotz häufiger Probleme von Scheinkorrelationen, Endogenität und konfundierenden Variablen primär aus Korrelationen zwischen Variablen ableiten bzw. bestätigen will“ (Diewald/Faist 2011: 99).

Sie beziehen sich dabei auf die Arbeiten und Überlegungen zum Erklärungspotential von sozialen Mechanismen19 von Machamer et al. (2000), Elster (2007), Gross (2009) sowie Reskin (2003). Mangels einheitlicher Definition schließen sie sich folgender Grundidee sozialer Mechanismen an:

• „Die Identifizierung von Mechanismen ist nicht an eine bestimmte Theorie oder bestimmte methodische Herangehensweise gebunden.

• Mechanismen beziehen sich auf generative Prozesse, die unter bestimmten Ausgangsbedingungen bestimmte Ergebnisse hervorbringen. […] Insofern Mechanismen unter den gleichen Bedingungen zuverlässig die gleichen Ergebnisse hervorbringen, sind sie regelhaft. Der Grad ihrer Verallgemeinerbarkeit oder gar universalen Geltung über über diese Regelhaftigkeit unter bestimmten Kontextbedingungen hinaus ist hingegen offen (z.B. Elster 2007). Dies unterscheidet sie von Gesetzmäßigkeiten im engeren Sinn“ (Diewald/Faist 2011: 100).

Die Identifizierung von konkreten Mechanismen soll dazu beitragen, (soziale) Gesetzmäßigkeiten nicht rein empiristisch von nur auf Scheinkorrelationen beruhenden Zusammenhängen zwischen Variablen abzuleiten. Im Speziellen geht es Diewald/Faist (2011) bei der Anwendung eines sozialmechanismischen Ansatzes darum,

„1. empirisch konkrete, direkt beobachtbare, kontextspezifische und damit für die politische Beeinflussung relevante soziale Mechanismen der Genese und Wirkung sozialer Ungleichheiten zu identifizieren (konkret-substanzielle Mechanismen) und

2. längerfristig auf dieser Basis über Vergleiche und Abstrahierungen zu einer über verschiedene Gesellschaftsbereiche hinweg verallgemeinerungsfähigen ‚generative social grammar of inequality‘ (Therborn 2006, S. 1) zu kommen“ (Diewald/Faist 2011: 101).

Diewald/Faist (2011) benennen vier abstrakter Hauptmechanismen (siehe Abbildung 4): Prozesse der a) Exklusion/Inklusion (soziale Schließung) und b) Chancenhortung (soziale Schließung), c) Hierarchisierung sowie d) Ausbeutung bzw. asymmetrische Dependenz. Sie beziehen sich dabei auf die wenigen Arbeiten zu diesem Thema, u.a. auf die Klassiker von

← 48 | 49 → • Max Weber und Karl Marx zu sozialer Schließung und Ausbeutung,

• Charles Tilly (1998) zu Ausbeutung und Chancenhortung und

• Therborn (2006) zu den Mechanismen von Distantiation, Exclusion, Hierarchization, Exploitation20.

Wie in Abbildung 4 dargestellt, stellen sie diesen vier Hauptmechanismen noch eine fünfte Gruppe von Mechanismen voran, und zwar „solche der Wahrnehmung und Bewertung von Heterogenitäten. Diese Mechanismen betreffen noch nicht direkt die Genese sozialer Ungleichheiten im eigentlichen Sinne, sind aber diesen vorangeschaltet“ (Diewald/Faist 2011: 105). Mechanismen der Exklusion bzw. Inklusion regeln den Zugang zu Netzwerken, Organisationen oder ganzen Gesellschaften. Bei Mechanismen der Chancenhortung geht es „dann um die Behandlung innerhalb dieser sozialen Bereiche“. Ausbeutung meint die „Vorteilnahme im Rahmen von Kooperationen“. Hierarchisierung bezeichnet die „Existenz von unterschiedlichen mit Rechten, Pflichten und Ressourcen ausgestatteten Positionen in formalen Organisationen [… sowie …] informellen Rollensystemen und kulturellen Rangordnungen“ (Diewald/Faist 2011: 104f). Die Mechanismen führen in der Folge dazu, dass es zu einer Ungleichverteilung der klassischen Ressourcen wie Macht, Prestige und Geld kommt, aber auch zu ungleichen „Beteiligungschancen in unterschiedlichen Lebensbereichen“ (Diewald/Faist 2011: 98). Dabei verorten Diewald/Faist (2011) die sozialen Mechanismen auf drei unterschiedlichen Kontextebenen, (1) auf Ebene der Familie und Netzwerke, (2) auf Ebene der Organisationen und (3) auf Ebene gesellschaftlicher Institutionen:

„Diese Unterscheidung folgt der Logik, das es die Zuordnung von Personen mit bestimmten Merkmalen (Heterogenitäten) zu konkreten Positionen und Mitgliedschaften in informellen und institutionellen Ordnungen ist, die insgesamt der Ausprägung von sozialen Ungleichheiten zugrunde liegt“ (Diewald/Faist 2011: 105).

Eine weitere Annahme hinter dieser Unterscheidung ist auch, dass auf diesen drei Kontextebenen soziale Ungleichheiten nach unterschiedlichen Regeln wie ← 49 | 50 → auch in unterschiedlichen Dimensionen hergestellt werden (vgl. ebd.). In diesem Zusammenhang stellt die Erwerbsarbeit jedoch weiterhin den zentralen Ausgangspunkt für soziale Ungleichheiten dar (vgl. Kreckel 2004) d.h. „Positionen in hierarchisch strukturierten Positionssystemen der Erwerbsarbeit definieren wesentlich den Zugang zu den klassischen Ungleichheiten hinsichtlich Macht, Autonomie, Prestige und Einkommen“ (Diewald/Faist 2011: 98).

Für eine umfassendere Betrachtung ist es ← 50 | 51 → Diewald/Faist (2011) zufolge unabdingbar, dass auch andere Lebensbereiche, die mit für das Wohlbefinden relevanten Bedürfnissen im Zusammenhang stehen, in die Analyse sozialer Ungleichheiten mitaufgenommen werden (ebd.). Als Beispiele nennen sie,

„die Integration in soziale Beziehungen, die soziale und politische Partizipation sowie als spezieller Aspekt die Kombination von multiplen Zugehörigkeiten über nationale Gesellschaften hinweg“ (Diewald/Faist 2011: 98).

Darüber hinaus ist auch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Kontextebenen zu untersuchen, z.B.

„wenn etwa informelle Netzwerke direkt oder indirekt über das Homophilieprinzip Einstellungs- und Beförderungschancen in Betrieben bestimmen (Marsden und Gorman 2001; Elliott 2001)“ (Diewald/Faist 2011: 105f).

Dabei gilt es den Blick vor allem darauf zu richten, in welchem Ausmaß und in welcher Form sich Mechanismen und in Folge die sozialen Ungleichheiten „in verschiedenen Handlungsfeldern wechselseitig eher ausgleichen oder verstärken“, d.h. es dadurch zu einer Kumulation von Chancen kommt oder soziale Schließung induziert und fortgeführt wird (ebd.:106). Die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Mechanismen – sogenannte cumulative (dis)advantages – können Diewald/Faist (2011: 106) folgend in unterschiedlichen Formen auftreten.

Abbildung 5: Formen kumulativer Vor- und Nachteile

sich gleichende Ungleichbehandlungen in verschiedenen Lebensbereichen bzw. Kontexten (z. B. Erwerbsarbeit und Haushalt)wiederkehrende Ungleichbehandlungen in aufeinanderfolgenden Lebensphasen bzw. institutionell verknüpften Kontexten (z. B. Ausbildung, Beruf)
Akzentuierung der Unterschiede durch Wechselwirkungen mit Kontexterfahrungen über die Zeit (z.B. Intelligenzunterschiede)Pfadabhängigkeit wie z.B. bei wissenschaftlichen Karrieren (Matthäus-Effekt) (vgl. DiPrete/Eirich 2006; Merton 2010)

Quelle: Diewald/Faist (2011: 106); eigene Darstellung.

Diewald/Faist (2011) ergänzen die Perspektive sich „wechselseitig stützender und verstärkender Mechanismen“ um Wechselwirkungen, die auf Konkurrenz, Konflikt und Substitution beruhen (106): Im Falle von Konkurrenz beeinträchtigen die hohen Anforderungen in einem Handlungsfeld das Engagement in einem anderen Handlungsfeld (ebd.). Die Steigerung der Konkurrenz stellt der Konflikt dar, bei dem das Engagement in einem Handlungsfeld, das Engagement in einem anderen ausschließt. Von Substitution sprechen Diewald/Faist (2011) hingegen dann, „wenn fehlende Handlungsmöglichkeiten in einem Feld durch verstärkte Engagements in anderen Feldern kompensiert werden, entweder um die gleichen Ziele auf anderem Wege oder um andere Ziele als die ursprünglich intendierten zu verfolgen“ (ebd). Vor diesem theoretischen Hintergrund werden der Freiwilligenarbeit als Handlungsfeld bislang vorwiegend kompensatorische bzw. substituierende Effekte, wie die der Integration und Inklusion sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen, zugeschrieben.

(I) 3.Freiwilligenarbeit und soziale Ungleichheit

Die Auseinandersetzung mit den bisher beschriebenen ungleichheitstheoretischen Ansätzen (vgl. Diewald/Faist 2011; Kreckel 2004; Solga et al. 2009) wirft unterschiedliche theoretische und empirische Fragen des Zusammenhangs von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit auf. In einem ersten Schritt folgen Überlegungen zu der Frage, in welcher Form die Freiwilligenarbeit innerhalb der beschriebenen Strukturebenen sozialer Ungleichheit verortet werden und welche Schlüsse dadurch über das mögliche Zusammenwirken von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit getroffen werden können. Im zweiten Schritt wird an den Ansatz von Diewald/Faist (2011) angeknüpft und der Blick auf die Freiwilligenarbeit als Kontext der Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit gerichtet.

(I) 3.1.Freiwilligenarbeit als Determinante, Dimension und Auswirkung sozialer Ungleichheit

Freiwilligenarbeit kann wie in nachfolgender Abbildung 6 dargestellt auf unterschiedliche Weise und abhängig von der analytischen Perspektive und prozessualen Interpunktion mit sozialer Ungleichheit im Zusammenhang stehen.

← 51 | 52 → Abbildung 6: Theoretische Verortung von Freiwilligenarbeit im Kontext sozialer Ungleichheit

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1. Freiwilliges Engagement kann als ein erworbenes soziales Merkmal die Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe der Freiwilligen kennzeichnen und damit eine Determinante sozialer Ungleichheit darstellen.

2. Freiwilligenarbeit als Tätigkeit innerhalb formaler Organisationen, die mit sozialen Positionen verbunden sind und deren Zugang aufgrund sozialer Merkmalszugehörigkeit eingeschränkt ist, kann eine Dimension sozialer Ungleichheit darstellen.

3. Aus einer dritten Perspektive kann der Zugang zur Freiwilligenarbeit auch als Auswirkung bzw. Ergebnis bestimmter Ungleichheitsdimensionen angesehen werden. Nachfolgend wird auf die einzelnen Perspektive im Detail eingegangen und im Anschluss die Anforderungen an künftige empirische Erhebungen und Forschungsansätze diskutiert.

(I) 3.1.1.Freiwilligenarbeit als Determinante sozialer Ungleichheit

Die Bezeichnung „Freiwillige“ bzw. „Freiwilliger“ als erworbenes soziales Merkmal ist immer dann von Bedeutung, wenn damit die Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe der Freiwilligen gemeint ist, und dies wiederum zu einem eingeschränkten oder bevorzugten Zugang zu sozialen Positionen und/oder erstrebenswerten sozialen und symbolischen Gütern (z.B. Zugang zu bestimmten Erwerbsfeldern, Führungspositionen, der Staatsbürgerschaft, Handlungsmöglichkeiten im Alter) führt (vgl. Solga et al. 2009: 16). In diesem Kontext ist z.B. aktuell die Frage interessant, in welchem Ausmaß der Nachweis von Freiwilligenarbeit im Lebenslauf und in Motivationsschreiben von den Bewerbern ← 52 | 53 → zum sogenannten résumé building eingesetzt wird (vgl. Handy et al. 2010). Auf Seite der Organisationen stellt sich die Frage, ob und in welchem Ausmaß Freiwilliges Engagement tatsächlich bei der Personalauswahl als Indikator für z.B. soziale Kompetenz und eine überdurchschnittliche Arbeitsbereitschaft an Bedeutung gewinnt.

Abbildung 7: Freiwilligenarbeit als Determinante sozialer Ungleichheit

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Freiwilligenarbeit fungiert hier als sogenanntes ability signaling, d.h. sie wird bewusst oder unbewusst als Nachweis für z.B. soziale Kompetenz oder für besonderes Engagement eingesetzt bzw. von den Personalverantwortlichen als solche interpretiert. Es scheint daher zunehmend einen Unterschied zu machen, ob man als Freizeitaktivität Schach spielt, Sport treibt oder sich freiwillig im Sozialbereich engagiert. In welcher Form Freiwilliges Engagement den Zugang zu bestimmten sozial erstrebenswerten Gütern und Positionen tatsächlich einschränkt oder fördert, bedarf weiterer empirischer Untersuchungen. Mit Freiwilligenarbeit, verstanden als Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken, ist auch die Nutzung des damit verbundenen sozialen (weak ties) wie symbolischen Kapitals (ability signaling) verbunden

(I) 3.1.2.Freiwilligenarbeit als Dimension sozialer Ungleichheit

In dem man die Perspektive auf Freiwilligenarbeit als Tätigkeiten innerhalb formaler Organisationen verlegt, geraten die damit einhergehenden sozialen Positionen in den Fokus. Ist der Zugang für bestimmte Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu sozialen Merkmalsgruppen (z.B. Geschlecht, Alter, Bildungsschicht) eingeschränkt, stellt dies in erster Instanz einmal „nur“ einen ungleichen ← 53 | 54 → Zugang zur Freiwilligenarbeit dar. Ausgehend von der Abgrenzung zwischen sozialer Ungleichheit und sozialer Differenzierung (vgl. Kreckel 2004; Schwinn 2007; Solga et al. 2009) ist damit die zentrale Frage, ob mit dem sozial ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit im Allgemeinen, wie zu den verschiedenen Feldern und (hierarchischen) Positionen im Besonderen, auch Vor- und Nachteile, d.h. Asymmetrien in den Handlungsmöglichen der Individuen verbunden sind. D.h. ob die formelle Freiwilligenarbeit als eine Form der organisationalen Ein- bzw. Anbindung sozialstrukturierende Wirkung und damit soziale Ungleichheit generierende Bedeutung hat. Denn wie bereits beschrieben, müssen theoretisch wie empirisch nicht zwangsläufig alle Heterogenitäten zwischen Menschen zu sozialer Ungleichheit führen (vgl. Diewald/Faist 2011: 96; Solga et al. 2009: 16).

Abbildung 8: Freiwilligenarbeit als Dimension sozialer Ungleichheit

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Theoretisch wie empirisch müssen daher sowohl die Determinanten, die Mechanismen als auch die Auswirkungen des ungleichen Zugangs zur Freiwilligenarbeit spezifiziert und empirisch überprüft werden. Erst dann handelt es sich tatsächlich um eine Dimension sozialer Ungleichheit. Somit ist die alleinige empirische Beobachtung, dass bestimmte Personengruppen eher Freiwilligenarbeit leisten als andere, ohne den Blick auf die Auswirkungen des ungleichen Zugangs für die Feststellung sozialer Ungleichheit unzureichend und würde vorerst nur auf Heterogenitäten verweisen. Zum Beispiel wäre die Beobachtung, dass manche Personen ← 54 | 55 → eine ehrenamtliche Vorstandsposition im Sport- oder Kulturverein innehaben und andere wiederum freiwillig und unbezahlt einen Besuchsdienst im Pflegeheim leisten, ohne den Blick auf den sozial strukturierten Zugang, die herkunftsabhängigen habituellen Präferenzen sowie auf die nichtmonetären symbolischen, sozialen und kulturellen Profite der jeweiligen Tätigkeiten alleine noch kein Indiz dafür sein, dass es sich hier um eine Form sozialer Ungleichheit handelt.

Erst mögliche überindividuelle empirische Ergebnisse, z.B. dass Frauen unabhängig vom Alter, Bildungsgrad und Berufsstatus in bestimmten Feldern der Freiwilligenarbeit unterrepräsentiert sind und dabei nochmals seltener in Positionen mit leitenden Funktionen zu finden sind, würden darauf schließen lassen, dass wie in der Erwerbsarbeit auch in der Freiwilligenarbeit gläserne Wände und Decken existieren. Als mögliche Ursachen können ungleichheitsgenerierende Mechanismen wie jener der statistischen Diskriminierung, das Prinzip der Homophilie (McPherson et al. 2001), der weak ties (Granovetter 1973, 2005) sowie der schon mehrfach erwähnten Matthäus-Effekt (DiPrete/Eirich 2006; Merton 2010) wirksam sein. Die zentrale Frage ist somit, welche Personengruppen haben aufgrund welcher Merkmale bzw. Kapitalausstattungen Zugang zu spezifischen Positionen (z.B. leitende Funktion, administrative Funktion, ausführende Funktion, unterstützende Funktion etc.) in der Freiwilligenarbeit bzw. sind davon ausgeschlossen und welche Vor- und Nachteile sind damit in anderen Lebensbereichen verbunden. Wie im Kapitel (II) zum Stand der Forschung nachfolgend noch gezeigt wird, gibt es im Gegensatz zum sozialen ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit im Allgemeinen nur wenige empirische Befunde zum Zugang zu freiwilligen bzw. ehrenamtlichen Leitungs- bzw. Führungspositionen. Es liegt jedoch nahe, dass Ehrhardt mit seinen Überlegungen ausgehend von Weber (1920) in vielen Bereichen Recht behalten dürfte:

„Je höher die soziale Wertschätzung und Bedeutung des Amtes, desto höher der dafür notwendige soziale Status, um das Amt besetzen zu können (Zugangsvoraussetzungen). Dass dieser Zusammenhang für Elite- bzw. für herausragende Ämter, wie etwa den Vorstandsvorsitz der Deutschen Welthungerhilfe oder des Deutschen Kinderhilfswerkes, gilt, liegt auf der Hand […] Aber man wird auch davon ausgehen können, dass dieser Zusammenhang ebenso für mittlere Positionen – etwa für den >Zweiten Vorsitz< eines Tierheimes oder eines kleinen Sportvereins – gilt. Der soziale Status und das Amt passen – insgesamt gesehen – zusammen“ (Ehrhardt 2011: 62f).

Ehrhardt (2011) vertritt diesbezüglich jedoch auch die These, dass gerade auch aufgrund bestehender Abweichungen zwischen beruflicher Position und ehrenamtlicher Position Freiwilligenarbeit eine eigene Dimension sozialer Ungleichheit darstellen kann.

← 55 | 56 → „Geht man von diesem Zusammenhang aus, dann ist das gehobene und mittlere Ehrenamt eine Möglichkeit, sozialen Status öffentlich darzustellen, ebenso wie etwa ein distinguierter Kunstgeschmack oder bestimmte Accesoires (z.B. Auto, Haus). Theoretisch interessanter und wohl auch realitätsnäher ist es, geringe Abweichungen zuzulassen; nimmt man also an, dass das Berufsprestige und das Prestige, das sich aus einer ehrenamtlichen Tätigkeit ergibt, nicht in einem >perfekten< Zusammenhang stehen, sondern in einem gewissen, eingeschränkten Maße Personen auch innerorganisatorisch aufsteigen können, dann müsste das Ehrenamt – zumindest bei den mittleren und gehobenen Positionen – als ein eigenständiger Faktor bei der Verortung im Schichtungsgefüge betrachtet und neben den klassischen Merkmalen (Beruf, Bildung, Einkommen, Vermögen […]) in den soziologischen Analysen [berücksichtigt werden]“ (Ehrhardt 2011: 63f).

Im Gegensatz zur Erwerbsarbeit, wo dem ungleichen Zugang vielfach eindeutige Nachteile wie geringeres Einkommen, schlechtere Arbeitsbedingungen und vergleichsweise inferiore Karrieremöglichkeiten zuzuordnen sind, müssen bei der Freiwilligenarbeit die Nachteile des ungleichen Zugangs erst kausal nachgewiesen werden. Empirische Befunde, dass mit der Freiwilligenarbeit und den dabei geleitesten Tätigkeiten, den damit verbundenen sozialen Netzwerken, den dabei gemachten Erfahrung und erworbenen Kompetenzen sowie dem bei leitenden Positionen und Vorstandsfunktionen erworbenen symbolischen Status ursächlich Vorteile verbunden sind, fehlen vielfach mangels entsprechender Längsschnittdaten. Die empirische Überprüfung der „Ungleichheitsdimensions-These der Freiwilligenarbeit“ bedarf demnach eines umfangreichen, kausalanalytischen empirischen Forschungsprogramms, das über die aktuelle Form der Surveys zur Freiwilligenarbeit hinausreicht. Wie im Kapitel (II) zum Stand der Forschung noch gezeigt wird, ist der Forschungsstand zu den Auswirkungen, d.h. der Vor- und Nachteile des Zugangs zur Freiwilligenarbeit bislang eher theoretisch-interpretativer denn kausalanalytischer Art. Der eingeschränkte Zugang zur Freiwilligenarbeit und die vom Status abhängige hierarchische Positionszuweisungen in den Freiwilligenorganisationen dürfte jedenfalls ungleichheitsgenerierende als auch –reproduzierend Wirkungen entfalten.

(I) 3.1.3.Freiwilligenarbeit als Auswirkung sozialer Ungleichheit

Bei dieser Perspektive wird bewusst auf eine grafische Darstellung verzichtet, da es lediglich von der kausallogischen sowie theoretischen Interpunktion abhängt, ob es sich bei einem Phänomen um eine Dimension oder eine Auswirkung sozialer Ungleichheit handelt (Solga et al. 2009). Ausgehend von Abbildung 8 ist es daher auch möglich, je nach Fokus des Forschungsinteresses Freiwilligenarbeit als Auswirkungen z.B. (1) eines ungleichen Zugangs zu materieller Absicherung ← 56 | 57 → und damit zu, „von ökonomischen Zwängen befreite[r] Zeit“ (Bourdieu 1983, S. 188), (2) eines ungleichen Zugangs zum Bildungssystem und damit verbunden ungleichen Kompetenzen und Ressourcen (vgl. Wilson 2012) sowie (3) einer ungleichen Ausstattung an sozialem wie auch (feldspezifisch wirksamen) symbolischem Kapital zu betrachten. Der Unterschied zur vorangegangen Perspektive – den ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit selbst als Dimension sozialer Ungleichheit zu untersuchen – ist, dass hier nicht der Prozess und die Mechanismen der Ungleichheitsgenese, die zum ungleichen Zugang führen, im Zentrum stehen, sondern Freiwilligenarbeit eine Auswirkung von anderen Ungleichheitsdimensionen darstellt.

(I) 3.2.Freiwilligenarbeit als Kontextebene der Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit

In der vierten Perspektive auf den Zusammenhang von Freiwilligenarbeit und sozialer Ungleichheit stellen die Freiwilligenorganisationen als formale Organisationen eine Kontexteben bzw. ein Feld der Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Diewald/Faist 2011) dar. In jenen Fällen, wo Organisationen des Dritten Sektors sowohl hauptamtlich Erwerbstätige als auch freiwillige Mitarbeiter beschäftigen, sind diese zwar ohnehin auch zu den Organisationen der Erwerbsarbeit zu zählen, jedoch sind im Rahmen der Ungleichheitsforschung bislang vordergründig die Positionen von Erwerbstätigen hinsichtlich Einkommen, Status und Prestige untersucht worden, nicht aber die Position von Freiwilligen bzw. Ehrenamtlichen. Wenn über die Bedeutung der differenzierten Institutionen für die Reproduktion sozialer Ungleichheit gesprochen wird, werden Freiwilligenorganisationen wie z.B. Vereine etc. zwar nicht explizit ausgenommen, jedoch bleiben sie bei der Benennung der bedeutsamen Institutionen und Felder bzw. Systeme fast immer unerwähnt (vgl. Diewald/Faist 2011; Rehberg 2011; Therborn 2006). Eine der wenigen Arbeiten die Freiwillige Vereinigungen als Orte der Netzwerkbildung und damit auch als Orte der Entstehung und Erhaltung sozialer Ungleichheit untersuchen, findet sich im Rahmen der Netzwerkforschung (vgl. Fuhse 2008). So sind Freiwillige Vereinigungen bzw. Vereine neben dem Arbeitsplatz, Bildungseinrichtungen, dem Wohnumfeld und informalen Treffpunkten zentrale Orte persönlicher Beziehungen und damit auch potentiell Orte sozialer Schließung21. In den Konzepten sozialer Ungleichheit wird Freiwilliges Engagement als Handlungsfeld bislang jedoch nicht explizit diskutiert. Diewald/Faist (2011) führen in ihrem Modell zwar Kinder- und ← 57 | 58 → Hausarbeit als bedeutsame Kontextebene an, die Freiwilligenarbeit bleibt in diesem Zusammenhang jedoch unerwähnt (vgl. Diewald/Faist 2011: 95). So gelten die Familie, das Bildungssystem, die Erwerbsarbeit bzw. das Beschäftigungssystem sowie der (Wohlfahrts-) Staat mit seinen Institutionen weiterhin als primäre Orte der Reproduktion sozialer Ungleichheit (vgl. Diewald/Faist 2011: 105f; Therborn 2006: 8). Schwinn (2008) fasst es unter Bezug auf Kreckel (2004) noch etwas enger:

„Den Kern der modernen Ungleichheitshierarchie bildet die ‚meritokratische‘ Triade von Bildung, Beruf und Einkommen (Kreckel 2004, S. 97). Für das Erringen der damit gesetzten Leistungskriterien sind drei institutionelle Felder zentral: Familie, Bildungs- und Arbeitsmarktinstitutionen“ (Schwinn 2008: 27).

Im Rahmen eines Sonderforschungsbereiches22 der DFG23 an der Universität Bielefeld mit dem Titel „Von Heterogenitäten zu Ungleichheiten“ wird die Bedeutung von Organisationen bei der (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit untersucht („Von Heterogenitäten zu Ungleichheiten im Kontext von Organisationen“).

„(1) Weil Organisationen über formale Positionsstrukturen und Regelsysteme Interaktionen kanalisieren, tragen sie zu Grenzziehungen bei und nehmen Differenzierungen über die Zu- und Verteilung von Belohnungen und Belastungen vor. Damit transformieren sie nicht nur individuelle Heterogenitäten in bewertete Unterschiede, sie eröffnen auch entlang organisationsintern bewerteter Unterscheidungsmerkmale selektive Verwirklichungschancen. […]

(2)In dem Maße wie Organisationen selbst einer horizontalen Differenzierung ausgesetzt sind und ihren Mitgliedern unterschiedliche Vorteile gewähren, wird es für die Zugangs- und Verwirklichungschancen einer Person wichtiger, in welcher Organisation sie zu welchem Zeitpunkt ihres Lebensverlaufs eingebunden ist und in welcher Entwicklungsphase sich diese Organisation befindet. […]

(3)Sowohl Bildungs- als auch Arbeitsorganisationen sind institutionalisierte Handlungskontexte, in denen Zuschreibungen vermittelt und perpetuiert werden“24.

Es ist anzunehmen, dass mit dem Begriff Arbeitsorganisationen Freiwilligenorganisationen per se nicht ausgeschlossen sind, in welchem Umfang diese jedoch in ihren Besonderheiten in die theoretische wie empirische Forschung miteingeschlossen werden, bleibt abzuwarten. Mit der zunehmenden Bedeutung des Konzepts der Zivilgesellschaft, der darin agierenden Organisationen sowie der ← 58 | 59 → bezahlten wie unbezahlten Akteure sowohl in der Forschung (vgl. Anheier 2013; Salamon et al. 2000) als auch in den politischen Agenden (z.B. Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit zur Förderung der aktiven Bürgerschaft 2011) sollten jedoch auch die darin wirksamen Prozesse und Mechanismen sowie deren Wechselwirkungen mit anderen Bereichen der Gesellschaft in den Fokus des Interesses rücken. Die vordergründige Ausklammerung der Freiwilligenarbeit aus ungleichheitstheoretischen Überlegungen ist aufgrund der gesellschaftlichen Konnotierung mit Attributen wie freiwillig und uneigennützig auf den ersten Blick nachvollziehbar. Auch stellt Freiwilligenarbeit im theoretischen wie praktischen Sinn selbst kein eigenes gesellschaftliches Feld bzw. System dar, sondern ist Teil jeweils höchst unterschiedlicher gesellschaftlicher Felder wie z.B. des Sozial- und Gesundheitsbereichs, des Sports, der Religion, der Politik, der Bildung, etc. Die Frage ist, in welchen dieser gesellschaftlichen Felder die Freiwilligenarbeit durch soziale Schließungsprozesse und interne Hierarchisierung soziale Ungleichheit befördert und welche Ursachen dafür verantwortlich gemacht werden können. Ein theoretischer Ansatz, der sich in seinem Kern mit den Regeln und Prozessen des (ungleichen) Zugangs zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern sowie deren jeweiligen internen (hierarchischen) Strukturierung auseinandersetzt, ist die bereits erwähnte Sozialtheorie Pierre Bourdieus (1977, 1982). Darüber hinaus ermöglicht die Theorie Bourdieus, durch die Erweiterung des bislang vorwiegend ökonomisch verstandenen Kapitalbegriffs (Marx/Engels 1977 (1848)) um eine soziale, eine kulturelle und eine symbolischen Dimension, die Analyse von gesellschaftlichen Bereichen, die auf den ersten Blick der ökonomischen Sphäre entrückt erscheinen. Prozesse sozialer Schließung, Hierarchisierung und Ausbeutung finden damit nicht nur im Feld der Erwerbsarbeit, sondern auch in den sozialen und kulturellen Sphären statt. Im nächsten Kapital wird dazu die Theorie Pierre Bourdieus kurz eingeführt und ausgewählte Perspektiven auf die Freiwilligenarbeit und dabei vermutete Prozesse und Ursachen sozialer Selektion und interner Hierarchisierung diskutiert.

(I) 4.Theoretische Perspektiven zur sozialen Schließung und Hierarisierung in der Freiwilligenarbeit

Pierre Bourdieu (1977, 1982) war einer der wenigen Theoretiker, der soziale Ungleichheit bei all seinen Themen zentral mitgedacht hat (Weiß 2004: 210). Somit leisten seine theoretischen Grundlagen und Überlegungen einen fruchtbaren Beitrag zur Beantwortung der Frage nach der Rolle von formeller Freiwilligenarbeit im Zusammenhang mit der Genese und Reproduktion sozialer Ungleichheit. Bourdieu (Bourdieu 1977, 1982, 1983) versteht individuelle Akteure als ← 59 | 60 → Produzenten sozialer Praxis. Durch ihr Handeln, geprägt durch den jeweiligen Habitus und abhängig von der Ressourcenausstattung (z.B. an ökonomischen, kulturellen, sozialen Kapitalien), (re-)produzieren die Individuen durch die sozialen Kämpfe um begehrte Positionen, die Praxisformen in den unterschiedlichen Lebensbereichen (Felder). Die Kapitalien werden in unterschiedlichem Ausmaß in Abhängigkeit der sozialen Herkunft teilweise vererbt oder aber im Laufe des Lebens in den verschiedenen Feldern akkumuliert. Der Wert der Kapitalien variiert je nach Feld (z.B. Wirtschaft, Religion, Sport, Familie, etc.). Die Positionen, die die Akteure in den unterschiedlichen sozialen Feldern einnehmen, sind einerseits von der Kapitalausstattung, andererseits vom Wert abhängig, d.h. vom symbolischen Kapital, das den Kapitalien im jeweiligen Feld zuerkannt wird. Demzufolge kann ein und dieselbe Person in den verschiedenen sozialen Feldern mitunter auch verschiedene Positionen einnehmen. Mit den Praxisformen selbst sowie dem „Kampf“ um die jeweils in einem Feld erstrebenswerten Positionen werden vorwiegend implizit auch die Regeln (Bedeutung der Kapitalien) in den Feldern (re-)produziert.

Bourdieus Bestreben war es, Bereiche bzw. Felder, die soziale Ungleichheit primär im Außen jedoch nicht im Innen verortet, kritisch in Hinblick auf deren impliziten Beitrag zur Reproduktion sozialer Ungleichheit zu beleuchten.

„Bourdieu kritisiert das Postulat der Uneigennützigkeit, die von der Wirtschaftstheorie den verschiedenen kulturellen, sozialen und symbolischen Praxisformen unterstellt wird, und hebt demgegenüber die polymorphen Interessen, Einsätze und Profitmöglichkeiten in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern hervor“ (Schwingel 2000: 85 nach Fuchs-Heinritz/König 2005: 158).

Weiß (2004) betont, dass

„Bourdieu wesentliche Teile seines Lebenswerks darauf verwandt [hat], eine Klassenstruktur des sozialen Raumes selbst dort nachzuweisen, wo nicht einmal der aufgeklärteste Beobachter soziale Ungleichheit vermutet hätte“ (Weiß 2004: 210).

Bourdieu hat sich in seinen Arbeiten zentral mit dem auf den ersten Blick ebenfalls der ökonomischen Sphäre fernen Bildungssystem und dessen Funktion bei der Aufrechterhalten des sozial ungleichen, klassenabhängigen Zugangs zu hierarchischen Positionen beschäftigt (Bourdieu 2000 (1973)). Im Fokus stehen die Ursachen und Prozesse des bis heute fortbestehenden Unvermögens des Bildungssystems, den Zugang zu (höheren) Bildungstitel von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Es ist vor allem „Bourdieus Verdienst, gezeigt zu haben, wie kulturelle Praktiken untergründig immer mit einer Herrschaftsdimension verbunden sind“ (Rehberg 2011: 14). Weiß (2004) formuliert dazu ergänzend, bei

← 60 | 61 → „Bourdieu liegt Ungleichheit der sozialen Welt insgesamt zugrunde. Die Gesellschaft entfaltet sich nicht zufällig, sondern im Rahmen ihrer historisch (und damit auch herrschaftsförmig) hervorgebrachten Möglichkeiten. Die Chancen, diese Möglichkeiten zu nutzen, sind ungleich auf Individuen und Gruppen verteilt und werden von Bourdieu als Mehrzahl von Kapitalsorten benannt“ (Weiß 2004: 211).

Für Bourdieu zeigt sich soziale Ungleichheit in den verschiedenen Lebensbedingungen (d.h. dem Volumen und der Struktur der Kapitalien), Habitusformen und schlussendlich in den Lebensstilen (vgl. Fuchs-Heinritz/König 2005: 187). Freiwilligenarbeit kann daher einerseits als Ausdruck bzw. Bestandteil eines (distinguierten) Lebensstils betrachtet werden und andererseits als Handlung bzw. Tätigkeit bei der primär soziale, symbolische und kulturelle Kapitalien akkumuliert werden.

Bevor der Versuch unternommen wird Bourdieus Theoreme und Überlegung fruchtbringend auf die Frage nach der Reproduktion sozialer Ungleichheit durch die Freiwilligenarbeit anzuwenden, werden die grundlegenden Aspekte und Begrifflichkeiten seiner Sozialtheorie kurz vorgestellt.

(I) 4.1.Grundlagen der Sozialtheorie Pierre Bourdieus

(I) 4.1.1.Formen des Kapitals

Bourdieu (1982, 1983) wendet den Kapitalbegriff, der bisher (z.B. bei Marx) nur im ökonomischen Sinne verwendet wurde, auf den kulturellen und den sozialen Bereich an. Er arbeitet in seinen Theorien mit den Begriffen des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals, teilweise erweitert um das symbolische Kapital. Im Laufe eines Lebens kommt es zu einer Akkumulation aller drei Kapitalsorten. Diese Anhäufung von Kapital ist stark von der sozialen Herkunft und den Sozialisationsbedingungen bestimmt. Dieses Konzept steht somit im Gegensatz zu „dem Bild eines Universums vollkommener Konkurrenz und Chancengleichheit, einer Welt ohne Trägheit, ohne Akkumulation und ohne Vererbung von erworbenen Besitztümern und Eigenschaften“ (Bourdieu 1983: 183). Obwohl es auf der einen Seite der Investition von Zeit bedarf, um Kapital zu erwerben, hat es auf der anderen Seite auch eine eigene Überlebenstendenz, d.h. es kann sich „selbst reproduzieren oder auch wachsen“ (Bourdieu 1983: 183)25. Bestimmte Kapitalsorten wie zum Beispiel Geld oder Eigentum können von einer Generation zur nächsten einfacher und direkter, andere wie Bildung schwerer und meist ← 61 | 62 → nur indirekt weitergegeben werden. Neben der Kapitalakkumulierbarkeit ist die Kapitaltransformierbarkeit gerade auch für die Erklärung der Entstehungs- und Reproduktionsmechanismen sozialer Ungleichheit von zentraler Bedeutung (vgl. dazu Kreckel 2004: 75ff; Schwinn 2008: 36; Weber 1921/1980: 531ff). Es ist daher möglich, auch wenn es mit Kosten bzw. Arbeit verbunden ist, ein bestimmtes Kapital in ein anderes umzuwandeln. Man kann zum Beispiel Geld in Bildung konvertieren, jedoch bedarf es dazu einer gewissen Transformationsarbeit (wie dem Besuch einer Schule oder einer Universität), die geleistet werden muss. Grundsätzlich ist „[j]ede Art von Kapital […] an ein Feld gebunden und hat die gleichen Gültigkeits- und Wirksamkeitsgrenzen wie das Feld, in dem es Geltung hat“ (Bourdieu 2001a: 52; vgl auch Weiß 2004: 212). Dieses Gesetz ist jedoch insofern auszuweiten, als dass eine bestimmte Kapitalform durchaus für den Zugang zu anderen Felder von Bedeutung sein kann. In diesem anderen Feld kommt es jedoch nicht zu dessen weiterer Akkumulation. Zum Beispiel ist im Feld der Wirtschaft zwar vielfach kulturelles Kapital in Form von Bildungstiteln für den Zugang zu Führungspositionen relevant, akkumuliert wird dann allerdings primär ökonomisches und symbolisches Kapital, nicht jedoch kulturelles Kapital.

Kulturelles Kapital

Bourdieu untergliedert das kulturelle Kapital in inkorporiertes, objektiviertes und institutionalisiertes Kapital. Wie die Bezeichnung inkorporiert bereits andeutet, handelt es sich hierbei um „körpergebundenes“ Kapital, das einen „Verinnerlichungsprozeß“ voraussetzt, d.h. die Akkumulation „kostet Zeit“ in Form von „Unterrichts- und Lernzeit“ (Bourdieu 1983: 186). Es ist wichtig, dass diese Art des Kapitals nur von seinem Träger selbst erworben werden kann, somit „das Delegationsprinzip“ (ebd.) ausschließt, und „zu einem festen Bestandteil der ‚Person’, zum Habitus“ (ebd.: 187) wird. Inkorporiertes Kulturkapital kann nicht kurzfristig weitergegeben, z.B. vererbt oder verschenkt werden, ist aber trotzdem in der Qualität und Quantität von der sozialen Herkunft, konkret von der familiären Kapitalstruktur, abhängig. Zum Beispiel ist „der schulische Ertrag schulischen Handelns vom kulturellen Kapital abhängig, das die Familie zuvor investiert hat“ (Bourdieu 1983: 186). In welchem Umfang der Schulbesuch zur Anhäufung von inkorporiertem Kapital einer Person beiträgt, wird vom bisher erworbenen Kapital bestimmt. Die Weitergabe von kulturellem Kapital innerhalb der Familie ist meist nicht so offensichtlich wie die Weitergabe von ökonomischem Kapital in Form von Geld oder Besitz und daher „die am besten verschleierte Form der erblichen Übertragung von Kapital“ (Bourdieu 1983: 188). ← 62 | 63 → Der Zeitpunkt in der Kindheit, an dem der Akkumulationsprozess beginnt, ist vom kulturellen Kapital der Herkunftsfamilie abhängig und ist der Ursprung für spätere Unterschiede im Umfang des kulturellen Kapitals. Die Dauer dieses Prozesses hängt aber auch davon ab, wie lange die „Familie freie, von ökonomischen Zwängen befreite Zeit garantieren kann“ (ebd.).

Objektiviertes Kulturkapital kann in Form seiner materiellen Träger (Gemälde, Denkmäler, Instrumente, Bücher) direkt weitergegeben werden (vgl. Bourdieu 1983: 188). Nach Bourdieu „ist allerdings nur das juristische Eigentum“ übertragbar, für die „eigentliche Aneignung“ (ebd.) ist verinnerlichtes Kapital notwendig. Um zum Beispiel den Wert eines Instrumentes nutzen zu können, muss man auch die Fähigkeit haben, es zu bespielen. Auch für den Genuss eines Gemäldes ist ein bestimmtes inkorporiertes kulturelles Kapital notwendig.

Um innerhalb der Gesellschaft den Besitz von inkorporiertem Kulturkapital vergleichbar zu machen und ihm einen ökonomischen Wert zuordnen zu können, wird es in Form von (Bildungs-)Titeln institutionalisiert. Diese sind sowohl „schulisch sanktioniert und rechtlich garantiert“, als auch „(formell) unabhängig von der Person ihres Trägers“ (Bourdieu 1983:190). Ein Bildungstitel besitzt einen gewissen Wert, der nicht notwendigerweise dem wirklich verinnerlichten Kapital entsprechen muss. Durch schulische oder akademische Titel wird Anerkennung für kulturelles Kapital verliehen und es wird auch möglich „die Besitzer derartiger Titel zu vergleichen und sogar auszutauschen“ (ebd.: 190). Der Erwerb eines Titels ist mit ökonomischem Aufwand verbunden, dafür aber nach einem bestimmten Wechselkurs auch wieder in ökonomisches Kapital konvertierbar, in dem jenem Titel am Arbeitsmarkt ein gewisser Geldwert gegenübersteht. Durch „die Bildungsexpansion und die Titelinflation“ kann es sein, „daß die Investitionen an Zeit und Anstrengungen sich als weniger rentabel herausstellen“ (ebd.:190), d.h. die immerwährende Umwandelbarkeit zu einem bestimmten Wechselkurs nicht garantiert ist.

Ökonomisches Kapital

Im Gegensatz zum kulturellen Kapital ist „das ökonomische Kapital […] unmittelbar und direkt“, also ohne großen Transformationsaufwand, „in Geld konvertierbar und eignet sich besonders gut zur Institutionalisierung in der Form von Eigentumsrecht“ (Bourdieu 1983: 185). Zum ökonomischen Kapital zählen, neben Geld, alle Arten des materiellen Besitzes und des Eigentums. Es wird oft auch als dominantes Kapital angesehen, obwohl die anderen Kapitalformen weitgehend gleichgestellt sind (vgl. Fröhlich 1994: 36).

← 63 | 64 → Soziales Kapital

Neben den bereits beschrieben Kapitalsorten können auch Beziehungen zu anderen Personen oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe als Kapital bezeichnet werden. Persönliche Kontakte und/oder die Mitgliedschaften in exklusiven Vereinigungen können indirekt in kulturelles und/oder ökonomisches Kapital umgewandelt werden, indem die Vorteile von gewissen sozialen Strukturen genutzt werden. So bezeichnet Bourdieu das soziale Kapital26 als

„die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden ist; oder, […] die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (Bourdieu 1983: 190f).

Diese Beziehungsnetze bedürfen permanenter „Beziehungsarbeit“ (Bourdieu 1983: 193) und sind Produkt „individueller und kollektiver Investitionsstrategien“ (ebd.: 192) mit dem Ziel, früher oder später daraus einen Nutzen zu ziehen. Augenscheinlich wird der Wert des sozialen Kapitals dort, wo Personen aus ähnlichem kulturellen und ökonomischen Kapital, auf Grund ihrer unterschiedlichen Beziehungsnetze ungleiche Erträge generieren (vgl. Bourdieu 1983: 191). In Gruppen kommt es oftmals zu einer Konzentration von sozialem Kapital, indem es an eine bestimmte Person delegiert wird. Bourdieu spricht dann von mehr oder weniger institutionalisierter Delegation, je nachdem, wie genau die Verantwortungsbereiche der einzelnen Gruppenmitglieder abgegrenzt sind (vgl. 1983, S. 193f). Die Macht die jenem Repräsentanten der Gruppe zugeschrieben wird, kann dieser dann aber folglich auch über die Gruppe ausüben, wenn nicht sogar gegen sie verwenden (vgl. Bourdieu 1983: 193ff).

Symbolisches Kapital

Symbolisches Kapital beruht auf Anerkennung und Bekanntheit. In ihm drückt sich aus, wie die Zusammensetzung und der Umfang der drei Kapitalsorten (kulturelles, ökonomisches, soziales) einer Person von den anderen Akteuren ← 64 | 65 → im jeweiligen Feld wahrgenommen, bewertet und als legitim anerkannt wird (vgl. Fröhlich 1994: 37). „Das symbolische Kapital besteht aus den Chancen, soziale Anerkennung und soziales Prestige zu gewinnen und zu erhalten“ (Fuchs-Heinritz/König 2005: 169).

„Die Idee, daß die Kämpfe um Anerkennung eine fundamentale Dimension des sozialen Lebens bilden, daß es darin um Akkumulation einer besonderen Art von Kapital geht – eben >>Ehre<< im Sinne von Reputation, Prestige; daß es folglich eine spezifische Logik der Akkumulation von symbolischem, d.h. auf Bekanntheit und Anerkennung begründetem Kapital gibt; […]“ (Bourdieu 1992b: 37).

Dabei steigt das Interesse am symbolischen Gewinn einer Tätigkeit, je weiter diese von Zwangsarbeit entfernt und je näher sie scholastischen Tätigkeiten kommt (vgl. Bourdieu 2001b: 260). Damit ist Freiwilligenarbeit zumindest theoretisch prädestiniert als Quelle symbolischen Kapitals und als Dimension sozialer Ungleichheit.

Ergänzend ist anzumerken, dass die vier zentralen Kapitalarten von Bourdieu in seinen Analysen teilweise um feldspezifische Kapitalien, wie z.B. politisches Kapital, sportives Kapital, religiöses Kapital, etc. ergänzt werden. Diese Kapitalarten bezeichnen ebenfalls „akkumulierte Arbeit bzw. Investitionen“, sind jedoch in ihrer Wirksamkeit und Bedeutung eng an die jeweiligen Felder gebunden.

(I) 4.1.2.Habitus

Die unterschiedliche Struktur und der unterschiedliche Umfang der Kapitalsorten sowie die gesamte Sozialisationsgeschichte einer Person vereinen sich im Habitus und zeigen sich in den verschiedenen Lebensstilen. Somit stellt der Begriff des Habitus bei Bourdieu das Bindeglied zwischen den objektiven Lebensbedingungen und dem Verhalten der Personen dar und versteht sich gewissermaßen als inkorporiertes Kapital.

„Die Handlungstheorie, die ich (mit dem Begriff Habitus) vorschlage, besagt letzten Endes, daß die meisten Handlungen der Menschen etwas ganz anderes als die Intention zum Prinzip haben, nämlich erworbenen Dispositionen, die dafür verantwortlich sind, daß man das Handeln als zweckgerichtet interpretieren kann und muß, ohne deshalb von einer bewußten Zweckgerichtetheit als dem Prinzip dieses Handelns ausgehen zu können“ (Bourdieu 1998: 167f).

Für Bourdieu ist der Habitus grundlegend durch eine gewisse Trägheit gegenüber Veränderungen gekennzeichnet. Einerseits ist der Habitus durch seine entwicklungsabhängige und -geschichtliche Determiniertheit von einer gewissen Stabilität, andererseits durch die Dynamik der Zeit einem ständigen Wandel ← 65 | 66 → unterzogen. Der Habitus ist gleichzeitig Erzeugungs- und Bewertungsinstanz, er ist strukturiertes und gleichzeitig strukturierendes Prinzip. Zum einen ist der Habitus Produkt der Geschichte einer Person, zum anderen beeinflusst und verändert er genau diese Geschichte fortwährend. Entscheidend ist, dass der Habitusbegriff bei Bourdieu über die Bedeutung des Gewohnheitsmäßigen und des Habituellen hinausgeht und eine Art von Eingravierung darstellt (vgl. Bohn 1991: 32ff). So kann beim Habitus einer Person auch von dauerhaften, bis zu einem bestimmten Grad einverleibten Dispositionen gesprochen werden, die fortlaufend das Handeln beeinflussen. Der Habitus ist auch dafür verantwortlich, dass Menschen gleicher oder ähnlicher Soziallagen nahezu identische Formen des Handelns bzw. der Praxis entwickeln (vgl. Winkler 1995: 266). Umgekehrt gesagt bringen aber auch „unterschiedliche Existenzbedingungen unterschiedliche Formen des Habitus“ hervor (Bourdieu 1982: 278). „Wer den Habitus einer Person kennt, der spürt oder weiß intuitiv, welches Verhalten dieser Person verwehrt ist“ (Bourdieu 1992a: 33). Er ist damit insbesondere in sozialen Interaktionen und für den Erwerb von symbolischem Kapital von zentraler Bedeutung.

„Wer den kollektiven Erwartungen entspricht, wer nichts zu berechnen braucht, um auf die in einer Situation enthaltenen Befehle unmittelbar eingestellt zu sein, dem fallen alle Profite des Marktes der symbolischen Güter zu. Er hat den Profit der Tugend, aber auch den Profit der leichten Hand, der Eleganz“ (Bourdieu 1998: 174).

Der Habitus kann somit auch als System von Grenzen von Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen und Handlungen gesehen werden (vgl. Fröhlich 1994: 38). Beim Habitus handelt es sich somit um „ein strukturiertes System der Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Denkschemata“, durch dessen relative Stabilität „die Akteure in spezifischer Weise ihre Existenzbedingungen kulturell reproduzieren“ (Konietzka 1995: 80). Kurz gesagt kann der Habitus als allgemeine Grundhaltung gegenüber der Welt gesehen werden. Für soziale Interaktionen bedeutet dies: „Soll eine symbolischer Tausch funktionieren, müssen beide Parteien über die annähernd gleichen Wahrnehmungs- und Bewertungskategorien verfügen“ (Bourdieu 1998: 171).

(I) 4.1.3.Feld

Bourdieu sieht die soziale Welt als mehrdimensionalen Raum, der wiederum aus Teil-Räumen, sogenannten Feldern, besteht, die durch eigene Funktionsgesetze und spezifische Institutionen gekennzeichnet sind (vgl. Bourdieu 1992b: 111). Welche Stellung eine Person innerhalb eines bestimmten Feldes ← 66 | 67 → einnimmt hängt einerseits davon ab, welche Sorten von Kapital das Feld verlangt und andererseits wie viel der Akteur jeweils von diesen Kapitalien besitzt. Dabei spielt die Zusammensetzung und der Gesamtumfang an Kapital eine Rolle (vgl. Bourdieu 1985 nach Fröhlich 1994: 41). Beispiele für Felder im Sinne Bourdieus: das ökonomische Feld, das politische Feld, das religiöse Feld, das wissenschaftliche Feld, das Feld des modernen Sports, das Feld der Mode, usw. (vgl. Bohn 1991:27). Diese verschiedenen Felder werden wiederum von einem sozialen Raum umfasst, in dem sie in bestimmten Relationen zueinander stehen. Bestimmte Kapitalien, die in einem Feld von großer Bedeutung sind, können in einem anderen Feld sogar hinderlich wirken. Wird jemand in einem Feld tätig, so bestimmt „der Habitus die Präferenzen“ des Akteurs und „das Kapital die Möglichkeiten“ (Winkler 1995: 266). Die in den jeweiligen Feldern als natürlich angesehene soziale Ordnung bezeichnet Bourdieu als Doxa (vgl. Fuchs-Heinritz/König 2005: 202). Bourdieu (1977) pointiert damit die Bedeutung und die Grenzen des Alltagsbewusstseins: „Die Tradition ist schweigsam – schweigt sich vor allem aus über sich als Tradition“ (330).

(I) 4.1.4.Sozialer Raum

Die Bedeutung der verschiedenen Kapitalsorten und des Habitus zeigt sich in ihrer Funktion bei der Konstruktion des sozialen Raums, in dem Bourdieu die unterschiedlichen sozialen Klassen anhand ihres Kapitalvolumens, ihrer Kapitalstruktur und deren zeitlicher Veränderung lokalisiert (vgl. Bourdieu 1982: 195ff; Gebauer et al. 1999: 34f). Dabei ist zu beachten:

„Bourdieu streicht zwar die grundsätzliche Autonomie von Feldern heraus. Dennoch werden Felder von Strukturen eines übergreifenden Raums relationaler Ungleichheiten mit bestimmt (Bourdieu 2001a[das politische Feld]). Zum Beispiel können Zugangschancen zu einem Feld davon anhängen, welche Positionen Anwärter im sozialen Raum einnehmen“ (Weiß 2004: 213).

Für die vereinfachte Darstellung dieses dreidimensionalen Raums wird dieser auf ein zweidimensionales Koordinatensystem reduziert (vgl. Bourdieu 1982: 212ff). Entlang der y-Achse wird das Kapitalvolumen, welches Bourdieu „als Summe aller effektiv aufwendbaren Ressourcen und Machtpotentiale, also ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital“ (Bourdieu 1982: 196) bezeichnet, eingetragen.

← 67 | 68 → Abbildung 9: Vereinfachte Darstellung des sozialen Raums bei Bourdieu

img

Quelle: vgl. Bourdieu (1982: 212f) in Gebauer et al. (1999: 35).

Den „Umfang der einzelnen Kapitalsorten innerhalb des Gesamtkapitals“ (ebd. 197) kennzeichnet die Kapitalstruktur, welche auf der x-Achse aufgetragen wird. Durch die Dominanz von ökonomischem oder kulturellem Kapital kann es zu einer asymmetrischen Kapitalstruktur kommen (vgl. ebd.). Zum Beispiel verfügen Lehrer über ein relativ hohes kulturelles, aber meist über ein geringes ökonomisches Kapital. Durch diese Unterscheidungen lassen sich bestimmte Berufsgruppen im sozialen Raum verorten. Der Habitus wiederum verbindet die objektiven Klassenpositionen im sozialen Raum mit den symbolischen Formen der Lebensstile (vgl. Gebauer et al. 1999: 36). Dieser Raum der Lebensstile lässt sich wie eine transparente Folie über den sozialen Raum legen (vgl. ebd.).

(I) 4.2.Freiwilligenarbeit und Ehrenamt in der Theorie Pierre Bourdieus

Betrachtet man die empirischen Studien zur Freiwilligenarbeit mit dem Blick durch die theoretische Brille der Kapital-Habitus-Feldtheorie Pierre Bourdieus (vgl. Bourdieu 1977, 1982, 1983), zeigt sich folgendes Bild: Die Frage nach der Bedeutung der Kapitalien (soziales, ökonomisches, kulturelles Kapital) für Freiwilliges Engagement wird in der Forschung vor allem im Kontext individualistischer Erklärungsansätze von Freiwilligenarbeit behandelt (vgl. Corsten ← 68 | 69 → et al. 2008). Neben einem breiten Spektrum an meist theorieloser Analyse sozio-ökonomischer Determinanten bzw. Ressourcen (vgl. Musick/Wilson 2008; Rochester et al. 2010: 42ff; Wilson 2000) stehen vor allem seit den Arbeiten von Robert Putnam (1993, 2000) und James Coleman (1988) individuelle (Bourdieu) und kollektive (Putnam, Colemen) Aspekte von „Sozialkapital“ (vgl. Adler/Kwon 2002: 20; Braun 2001b; Brunie 2009; Franzen/Freitag 2007) im Zentrum der Ursachen- und Wirkungsforschung von Freiwilligem Engagement (vgl. Braun 2007; Brown/Ferris 2007; Kern 2004). Die im Theorieverständnis Bourdieus in ihrem Wechsel- und Zusammenspiel ebenfalls bedeutsamen anderen Kapitalformen (ökonomisches, kulturelles und symbolisches Kapital) (vgl. Bourdieu 2005b: 52), werden zwar teilweise in ihren empirisch messbaren Ausprägungen (z.B. Einkommen, Bildung, Berufsstatus) erfasst, jedoch meist zusammenhanglos im Kanon weiterer sozialstruktureller Merkmale (Geschlecht, Alter, Familienstand, Kinderanzahl), Faktoren bzw. Ressourcen (Erwerbsstatus, u.v.m.) ausgewertet, beschrieben und interpretiert. Sowohl die wechselseitige Transformation wie auch die strukturelle, feldspezifische Bedeutung der Kapitalien bleibt, bis auf wenige Ausnahmen (wie z.B. bei Vogt 2005), in der Freiwilligenforschung größtenteils unberücksichtigt. Zu dem liegt der Schluss nahe, dass durch die einseitige Fokussierung auf Sozialkapital die ökonomischen, kulturellen und vor allem symbolischen Aspekte von Hierarchie und Macht in den Feldern der Freiwilligenarbeit unberücksichtigt bleiben oder aber nicht entsprechend ihrer Bedeutung erfasst werden. Die Frage, ob, wo und wie Freiwilligenarbeit als Form alltäglicher Praxis die Klassenstruktur verschleiert, oder aber auch reproduziert, wird nur selten gestellt (vgl. Bourdieu 1982; Solga et al. 2009: 31f). Zuletzt stellt sich auch die Frage, die auf Bourdieus Grundwerk, „Die feinen Unterschiede“ verweist. Freiwilligenarbeit als Mittel zur Distinktion? Ob bestimmte Handlungen von der handelnden Person als eher „freiwillig“ oder eher „unfreiwillig“ aufgefasst werden, hängt u.a. von der Klassenzugehörigkeit ab (vgl. Bourdieu 1982: 291). So mag es für einen gesunden Mann mittleren Alters zur sozialen Pflicht gehören, in seinem ländlichen Wohnort der Freiwilligen Feuerwehr und dem Schützenverein anzugehören. Hingegen wird z.B. soziales Engagement in urbanen Zentren vielfach ohne sozialen Druck begonnen und je nach Schichtzugehörigkeit von der jeweiligen Referenzgruppe mit Anerkennung oder Abwehr begegnet. Damit rückt die Freiwilligenarbeit in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen auch in den Blick als „Mittel zur Distinktion“, zu dem sich nicht alle Felder im gleichen Maße eignen dürften. Die generelle Zuschreibung und Kennzeichnung dieser Tätigkeiten als „freiwillig“ verschleiert zum einen deren soziale Bedingtheit und Hintergründe, und zeugt zum anderen vom bürgerlichen Blick der Wissenschaft auf seine Gegenstände. Die ← 69 | 70 → zunehmende Betonung der „Freiwilligkeit“ gegenüber der „Ehre“ müsste auch vor dem Hintergrund der modernen und postmodernen Individualisierungsdebatte diskutiert werden (vgl. Ehrenberg 2011:472; Nassehi 2008).

Bourdieu selbst hat Freiwilligenarbeit bzw. Ehrenamt nur vereinzelt und am Rande anderer Themen behandelt. Zum Beispiel hat er sich im Rahmen der Analyse der katholischen Kirche mit der internen Arbeitsteilung und der Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen am Beispiel des kirchlichen Ehrenamts beschäftigt. Für die Analyse des ungleichen Zugangs zur Freiwilligenarbeit im Allgemeinen sowie zu den Positionen der Freiwilligenarbeit im Besonderen finden sich neben den expliziten Bezügen auch zusätzliche Perspektiven in Bourdieus Arbeiten zu den Themen Ehre, Macht, Anerkennung, Kapitalakkumulation, Distinktion und symbolischen Kapital (vgl. Bourdieu 1987: 205ff; 1998: 161ff).

(I) 4.2.1.Soziale Schließung: Ökonomisches Kapital als Voraussetzung für Freiwilliges Engagement

In den Forschungsarbeiten zur individuellen Wohltätigkeit (Philanthropie) kann zwischen unterschiedlichen Spendenformen, z.B. der Geldspenden, der Warenspenden, der Blutspenden, etc. unterschieden werden (vgl. Houston 2006). Freiwilligenarbeit wird dabei vorwiegend als Zeitspende, d.h. als Spende von Arbeitszeit betrachtet.27 Dass für das Spenden von Geld zumindest ein Minimalausmaß an ökomischen Kapital zur Verfügung stehen muss ist naheliegend. Darüber hinaus bestätigen zahlreiche empirische Studien, dass die Höhe des Einkommens die Spendenhöhe positiv beeinflusst (vgl. Wiepking/Bekkers 2012). Der Besitz von ökomischen Kapital beeinflusst jedoch nicht nur das Spenden von Geld, sondern auch die Möglichkeit zum Spenden von Zeit. Ob man und in welchem Ausmaß man über die eigene Zeit frei verfügen kann wird auch durch die Höhe des verfügbaren ökonomischen Kapitals bestimmt. Dabei wird die Menge der verfügbaren eigenen Zeit durch die „Aneignung der Zeit anderer (in Form von Dienstleistungen)“ und durch unterschiedliche „Formen der Stellvertretung“ gesteigert. Die Möglichkeit dazu hängt jedoch maßgeblich vom Gesamtkapitalvolumen ab (Bourdieu 2005b: 78f). „Umgekehrt werden die Geldersparnisse des Armen mit Zeitverlust bezahlt – das Basteln, die Suche nach Sonderangeboten oder dem günstigen Preis lassen sich nur auf Kosten langer ← 70 | 71 → Wege, Wartezeiten usw. durchführen“ (ebd.). Dabei ist jedoch zu bedenken, dass dem ökonomischen Gesetz von Angebot und Nachfrage folgend, der Wert der Zeit einer Person nicht automatisch mit deren Ausmaß an Verfügbarkeit steigt. Im Gegenteil,

„[d]ie Knappheit, also der Wert, der der Zeit einer Person zuerkannt wird und insbesondere der Zeit, die sie selbst anderen gewährt – die kostbarste, weil persönlichste Gabe (niemand kann sich dabei vertreten lassen) –, bildet eine grundlegende Dimension des soziale Werts dieser Person“ (Bourdieu 2001b: 291).

Für Freiwilliges Engagement bedarf es daher einer Mindestmenge an frei verfügbarer Zeit, der jedoch auch ein Wert zugewiesen wird. Ein Zuviel an verfügbarer Zeit, wie dies z.B. bei arbeitslosen Personen der Fall sein kann, entwertet demnach die verfügbare Zeit einer Person und reduziert damit die Höhe an symbolischem Kapital und vielfach auch den Selbstwert. Dies wäre eine plausible Erklärung dafür, dass Arbeitslose in den meisten empirischen Studien die geringsten Beteiligungsquoten an der Freiwilligenarbeit aufweisen.

Freiwilligenarbeit kann nicht nur als Zeitspende, sondern auch als eine Form der Investition in symbolisches und soziales Kapital betrachtet werden (Vogt 2005: 125). Analog zur Akkumulation von kulturellem Kapital bedarf auch die Anhäufung von symbolischem wie sozialem Kapital der Investition von Zeit. Beim Zugang zur Freiwilligenarbeit dürfte damit dem ökomischen Kapital eine ähnliche Bedeutung zukommen wie Bourdieu sie für den Zugang und Verbleib im Bildungssystem beschreibt „D.h. die Umwandlung von ökonomischem in kulturelles Kapital setzt einen Aufwand an Zeit voraus, der durch die Verfügung über ökonomisches Kapital ermöglich wird“ (Bourdieu 1992a: 72). Für Freiwilliges Engagement benötigt man vor allem auch ein über längere Zeit abgesichertes Mindestmaß an ökonomischem Kapital, da die Erzielung von „Investitionsgewinnen“ aufgrund der zum Teil nötigen mehrfachen Konvertierungsvorgänge vergleichsweise langwierig ist. Bei institutionalisiertem kulturellen Kapital wie z.B. in Form von Bildungstitel, können sich die Investitionsprofite bereits relativ zeitnahe am Arbeitsmarkt, z.B. durch höhere Einstiegsgehälter bezahlt machen. Bei der symbolischen Ökonomie hingegen bedarf es längerer Geduld:

„In der Regel muss man länger warten, bis sich eine Investition auszahlt, insbesondere dann, wenn diese Auszahlung wiederum in der nicht-symbolischen Sphäre erfolgen soll, da hier noch Konvertierungsprozesse stattfinden müssen. Symbolische Kapitalkalküle brauchen daher einen langen Atem“ (Vogt 2005: 125).

Die zu erwartenden Gewinne sind darüber hinaus nicht beliebig, sondern von der jeweiligen Gesamtkapitalausstattung abhängig. Bourdieu (2001) beschreibt ← 71 | 72 → die ungleiche Akkumulation sowie den möglichen Zinseszins von jeglichem Engagement, ähnlich dem bereits beschriebenen Matthäus-Effekt (vgl. DiPrete/Eirich 2006; Merton 2010), folgendermaßen:

„Das Paradox der Gestreßtheit und Überbeanspruchung der Privilegierten hat darin seine Erklärung: Je mehr wirtschaftliches und kulturelles Kapital, um so mehr Chancen, in den sozialen Spielen zum Erfolg zu kommen, und damit auch mehr Neigung, darin Zeit und Energie zu investieren“ (Bourdieu 2001b: 291).

Zu erwarten ist, dass die individuellen „Erträge“ der Freiwilligenarbeit nicht in allen Engagementfeldern und für alle Engagierten gleich hoch sind. Zeit würde demnach von den individuellen Akteuren jeweils in jene Felder investiert werden, die den höchsten Gewinn an symbolischem und sozialem Kapital erwarten lassen.

Für die Analyse des ungleichen Zugangs zur Freiwilligenarbeit im Allgemeinen sowie zu den Positionen der Freiwilligenarbeit im Besonderen ist vor allem die jeweils feldspezifische Bedeutung der Kapitalien sowohl inhaltlich als auch methodisch von zentraler Bedeutung. Ehrhardt (2011) sieht ebenfalls den Bedarf, den ökomischen Voraussetzungen für Freiwilliges Engagement vermehrte Aufmerksamkeit zu widmen:

„Auch heute sind zeitintensive ehrenamtliche Tätigkeiten an besondere ökonomische Voraussetzungen gebunden; […] Dieses Merkmal muss zum einen in Hinblick auf das >allgemeine< Ehrenamt – hier ist insbesondere das traditionelle weibliche Engagement, das durch das Erwerbseinkommen des Ehemannes ermöglicht wird, von Interesse – und zum anderen in Bezug auf Elitepositionen thematisiert werden“ (Ehrhardt 2011: 61f).

Für die empirische Analyse des Zusammenhangs von sozialer Ungleichheit und Freiwilligenarbeit stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem ökonomischen Kapital beim Zugang zu den Positionen der Freiwilligenarbeit zukommt und in welcher Form dieser Einfluss zwischen den einzelnen Engagementfeldern variiert.

(I) 4.2.2.Hierarchisierung: Interne Arbeitsteilung und die Verschleierung von Ausbeutungsverhältnissen

Bourdieu hat sich mit der bereits angesprochenen internen Arbeitsteilung und der Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen am Beispiel des kirchlichen Ehrenamts beschäftigt. Die typische interne Strukturierung von „katholischen Unternehmen“ beschreibt er pointiert: „[E]inige wenige Geistliche, unterstützt von wenigen bezahlten Kräften, die über eine große Zahl von Ehrenamtlichen verfügen“ (Bourdieu 1998: 190). Die Gründe für den überproportional hohe ← 72 | 73 → Anteil von Frauen an den Ehrenamtlichen in der Kirche verortet Bourdieu in der klassischen Arbeitsteilung der Geschlechter betreffend der Erwerbsbeteiligung.

„Da Frauen oft mit unbezahlten Tätigkeiten vorliebnehmen müssen und daher weniger in Begriffen der Äquivalenz von Arbeit und Geld denken, sind sie weitaus häufiger als Männer zur insbesondere religiösen und karitativen Ehrenamtlichkeit disponiert“ (Bourdieu 2005a: 170).

Frauen übernehmen dabei vielfach den stereotypen Rollenbildern entsprechende Aufgaben, da sich „die – männliche – Priesterschaft […] beim Einfordern und Annehmen von unentgeltlichen Dienstleistungen auf die herkömmlichen Formen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern stützen“ kann (Bourdieu 1998: 190ff). Bourdieu ortet in der Kirche und vor allem beim kirchlichen Ehrenamt aufgrund der Ausgestaltung der Produktionsverhältnisse Formen verschleierter Ausbeutung:

„Im religiösen Unternehmen gestalten sich die Produktionsverhältnisse nach dem Modell der Familienbeziehungen: Werden andere Menschen als Brüder behandelt, ist die ökonomische Dimension der Beziehung ausgeklammert. Die religiösen Institutionen arbeiten praktisch wie symbolisch ständig an der Euphemisierung der sozialen Beziehungen einschließlich der Ausbeutungsbeziehungen (wie in der Familie), indem sie sie mittels der Logik des Ehrenamts zu Beziehungen verklären, die auf Geistesverwandtschaft oder religiösen Tausch beruhen […] Die Ausbeutung wird verschleiert: In den Diskussionen zwischen Bischöfen und Gewerkschaftsvertretern spielen die Bischöfe ständig die Ambivalenz der sakralen Aufgaben aus; sie versuchen, die Gewerkschaftsvertreter zu dem Zugeständnis zu bewegen, daß die geweihten Handlungen selbst Weihe verleihen, daß die religiösen Handlungen Selbstzweck sind und daß, wer sie vollzieht, bereits dadurch belohnt wird, daß er sie vollzieht, daß man sich in der Ordnung der zweckfreien Zweckbestimmtheit befindet“ (Bourdieu 1998: 191).

Dazu nennt Bourdieu auch ein konkretes Beispiel:

„Auf einer Wallfahrt die Rollstühle der Kranken zu schieben ist ein Akt der Barmherzigkeit, die ein Selbstzweck ist und seinen Lohn im Jenseits hat, und zugleich ein sachlicher Vorgang, der auch von einer bezahlten Krankenschwester ausgeführt werden könnte“ (Bourdieu 1998: 191).

Bei säkularen Freiwilligenorganisationen hingegen wird der Lohn der Tätigkeit nicht im Jenseits verortet, sondern durch den Beitrag zum Gemeinwohl ins Diesseits verlagert. Dass trotzdem vielfach religiöse Werte und Normen nicht-religiösen Formen der Freiwilligenarbeit zu Grunde liegen, belegen die zahlreichen empirischen Ergebnisse zum allgemeinen Zusammenhang von Freiwilligenarbeit und Religiosität (vgl. Caputo 2009; Carabain/Bekkers 2011; Taniguchi/Thomas 2011; van Tienen et al. 2011; Vermeer/Scheepers 2012).

← 73 | 74 → Auch wenn Bourdieu seine Analysen des Ehrenamts vorwiegend auf die katholische Kirche beschränkt hat ist davon auszugehen, dass auch in den anderen Feldern der Freiwilligenarbeit, die Reproduktion von Rollenmustern und sozialer Ungleichheit durch die Naturalisierung der Zugangsregeln sowie der hierarchischen Strukturen verschleiert wird.

(I) 4.2.3.Altruismus und Unbezahlbarkeit als Illusio im Feld der Freiwilligenarbeit

Dem aktuellen gesellschaftlichen Diskurs liegt vielfach der Altruismus als zentrales Motiv und die Bewertungen der Freiwilligenarbeit als volkswirtschaftlich und gesellschaftlich „unbezahlbares“ Gut zugrunde. Bourdieu (2001) bezeichnet diesen „Glauben an die Sinnhaftigkeit des Spiels in einem bestimmten Feld und an die Bedeutung dessen, was auf dem Spiel steht“ (Fuchs-Heinritz/König 2005: 145) als Illusio28. Die einem Feld zugrundeliegende Illusio bleibt für die Akteure im Feld implizit und „Außenstehenden mehr oder weniger unverständlich“ (ebd.).

„Als fundamentaler Glaube an den Wert der Diskussionsgegenstände und an die ihrem Diskutieren selbst immanenten Voraussetzungen ist sie [die Illusio] die undiskutierbare Bedingung jeder Diskussion“ (Bourdieu 2001b: 129).

Obwohl unter den Beweggründen für Freiwilliges Engagement Altruismus eines der am häufigsten genannten und diskutierten Motive darstellt, ist die Existenz interessenfreien Handelns vor dem Hintergrund der Überlegungen Bourdieus zur „Ökonomie der symbolischen Güter“ in Frage zu stellen. Charakteristisch dafür ist, dass jegliches ökonomische Interesse an den Handlungen verdrängt bzw. zensuriert wird. „Folglich muss die ökonomische Wahrheit, das heißt der Preis, aktiv oder passiv kaschiert werden oder im Ungewissen bleiben. Die Ökonomie der symbolischen Güter […] beruht auf einem Tabu der expliziten Formulierung“ (Bourdieu 1998: 196). Bourdieu folgt daraus weiter, dass dadurch „die für die Ökonomie der symbolischen Güter charakteristischen Strategien und Praktiken immer ambivalent, doppelgesichtig und sogar scheinbar widersprüchlich (beispielsweise haben die Güter in ihr einen Preis und sind »unbezahlbar«)“ sind (ebd.). Diese scheinbaren Widersprüche und „Dualität von Wahrheiten, die einander sowohl in den Praktiken als auch im Diskurs (Euphemismus) ausschließen“, sind laut Bourdieu jedoch „nicht als Doppelzüngigkeit ← 74 | 75 → oder Heuchelei zu denken, sondern als Verneinung, die (gewissermaßen durch »Aufhebung«) für die Vereinbarkeit der Gegensätze sorgt“ (ebd.). Als Beispiel für diese Art der Verdrängung und des doppelten Bewusstseins führt Bourdieu (1998) auch das Ehrenamt an.

„Dieser Art von doppeltem Bewußtsein, das wohl allen Akteuren gemeinsam ist, die zugleich dem ökonomischen Universum und einem der anti-ökonomischen Sub-Universen angehören (zu denken wäre an Personen, die politisch, gewerkschaftlich usw. aktiv sind, und an alle »Ehrenamtlichen«“, entspringt eine sehr hohe (partielle) Bewußtheit, die […] bei Personen, die unter keine der üblichen Kategorien fallen und sich daher im Bruch mit den gröberen Selbstverständlichkeiten der Doxa befinden“ vorkommt (Bourdieu 1998: 187).

Er konkretisiert die Ökonomie der symbolischen Güter weiter am Beispiel der Regeln sowie der Illusio und Doxa im Feld der katholischen Kirche:

„Wie in der familialen Ökonomie, von der sie (im dem Modell des brüderlichen Tauschs) eine verklärte Form darstellt, wird auch in der Katholischen Kirche von heute der paradoxe Charakter der Ökonomie der Opfergabe, des Ehrenamts, des Opfers besonders offenkundig: Dieses auf der Verneinung der Ökonomie beruhende Unternehmen mit ökonomischer Dimension ist in der Tat allseits von einem Universum umgeben, in dem mit der Verallgemeinerung des Geldverkehrs das Streben nach der Profitmaximierung zum Prinzip der meisten Alltagspraktiken geworden ist, so daß jeder – religiös oder nicht religiös – Akteur dazu neigt, den Wert seiner Arbeit und seiner Zeit zumindest implizit in Geld zu veranschlagen“ (Bourdieu 1998: 186).

Bourdieu spezifiziert den Vorgang der Verdrängung der ökonomischen Dimension am Beispiel der Funktion des Kirchendieners der „ein mehr oder weniger verdrängter homo oeconomicus“ ist weil

er weiß, daß Blumen auf den Altar zu stellen eine halbe Stunde dauert und daß dies bei Putzfrauentarif soundsoviel einbringt. Gleichzeitig aber spielt er das religiöse Spiel mit und würde die Gleichsetzung seiner gottesdienstlichen Arbeit mit der einer Person aus dem Dienstleistungsgewerbe von sich weisen“ (Bourdieu 1998: 186f).

Dieses doppelte Bewusstsein, wie es Bourdieu für die Kirche beschreibt, trifft in vielen Bereichen auch auf andere Organisationen des Dritten Sektors wie z.B. auf soziale NPOs, Sportvereine etc. zu.

„Die Objektivierung bringt ans Licht, daß die Kirche auch ein Wirtschaftsunternehmen ist; sie läßt aber leicht in Vergessenheit geraten, daß die Kirche ein Wirtschaftsunternehmen ist, das nur so funktionieren kann, wie es funktioniert, weil es nicht wirklich ein Unternehmen ist, weil es sich als Unternehmen verneint. (Genauso wie die Familie nur funktionieren kann, weil sie sich als ein der Definition des Ökonomischen à la Gary Becker gehorchendes Gebilde verneint.)“ (Bourdieu 1998: 186f).

← 75 | 76 → Bourdieu selbst weitet seine Überlegungen auch auf andere kirchlich-religiöse nicht-gewinnorientierte Bereiche und Organisationen aus:

„Man hat es also mit (schulischen, medizinischen, karitativen usw.) Unternehmen zu tun, die, da sie nach der Logik von Ehrenamt und Opfergabe funktionieren, in der ökonomischen Konkurrenz beträchtlich im Vorteil sind (einer dieser Vorteile: der Markenzeichen-Effekt, gilt doch das Adjektiv christlich als Garantie für eine im Grunde innerfamiliale Moral). Aber solche objektiv ökonomischen Unternehmen können aus diesen Vorteilen nur in dem Umfang Kapital schlagen, wie die Bedingungen des Verkennens ihrer ökonomischen Dimension ständig reproduziert werden, das heißt nur so lange, wie es den Akteuren gelingt, sich und die anderen in dem Glauben zu wiegen, ihre Handlungen hätten keine ökonomische Wirkung“ (Bourdieu 1998: 194).

Aktuell wird m.E. genau dieser Aspekt im Kontext von Social Investment, Social Innovation und Social Entrepreneurship diskutiert: Welche Folgen, vor allem im Feld sozialer Dienstleistungen, sind mit der expliziten Verbindung von sozialen mit ökonomischen (gewinnorientierten) Zielen für das Feld und die darin beteilitgen Akteure (inkl. Klienten bzw. Kunden) verbunden? Im aktuellen Diskurs um die Freiwilligenarbeit finden sich zahlreiche, wenn auch nur anekdotische Belege der von Bourdieu beschriebenen „Doppelgesichtigkeit“: So betitelt die Tageszeitung „der Standard“ am 1. Oktober 2012 einen Artikel zur Freiwilligenarbeit mit: „Freiwillige: Unentgeltliche Arbeit ist unbezahlbar“29. Auf der Website zur Freiwilligenarbeit des österreichischen Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz (www.freiwilligenweb.at) ist im Vorwort des Bundesministers u.a. zu lesen: „Deshalb müssen wir uns aktiv darum bemühen, dass die unbezahlbare Freiwilligenarbeit auch in Zukunft leistbar bleibt“30. In der oberösterreichischen Lokalpresse wird der amtierende Landeshauptmann wie folgt zitiert: „Ohne Ehrenamtliche wäre unser Land um vieles ärmer. Ihre Arbeit ist nicht nur unbezahlt, sondern auch unbezahlbar“31. Auf eine ähnlichen Rhetorik greift auch die damalige Landeshauptfrau (2011) von Salzburg zurück: „Die Tätigkeit der Freiwilligen ist bekanntlich unbezahlbar. Viel wichtiger ist aber, dass sie – auch im übertragenen Sinn – unbezahlbar ist, das heißt unverzichtbar und in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen“32. Auch freiwillige Vereinigungen bedienen sich ← 76 | 77 → u.a im Rahmen von PR-Kampagnen einer Rhetorik der „Verdrängung des Ökonomischen“. Auf einem Plakat der Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreichs ist zu lesen: Wir machen Kinder- und Jugendarbeit auf höchstem Niveau und ohne Honorar! Unser Engagement wäre ohnehin unbezahlbar“33. Auch die Volkshilfe Österreich betitelt das Vorwort in ihrer Ehrenamtsbroschüre mit „Unbezahlt und Unbezahlbar“34 und weiter hinten im Text ist zu lesen: „Die Arbeit, die Freiwillige tagtäglich leisten, ist unbezahlbar und für die Gesellschaft unersetzlich“ (ebd.: 6). Ähnliche Slogans finden sich auch bei zahlreichen weiteren Nonprofit Organisationen u.a. aus den Bereichen der Sozialen Dienste, der Katastrophenhilfs- und Rettungsdienste sowie des Sports. Damit wird auch deutlich, welche Legitimitätsfunktion Freiwilligenarbeit für Nonprofit Organisationen hat. Freiwilligenarbeit trägt entscheidend zur Verkennung der ökonomischen Dimension von Freiwilligenorganisationen, z.B. im Feld des Sports oder der Religion, bei. Es wird sich zeigen, ob sich jene Organisationen die sich als Social Business bezeichnen, d.h. die Soziales mit Ökonomischem explizit verbinden, künftig auch der legitimitätsgenerierenden Funktion der Freiwilligenarbeit bedienen werden. Denn für die Gesamtheit der Freiwilligenarbeit trifft m.E. das zu, was Bourdieu bisher nur als Illusio für das religiöse Feld konkret beschrieben hat. Nämlich,

„daß es geradezu zu den Voraussetzungen des Funktionierens und des Erfolgs des religiösen Unternehmens gehört, daß die religiösen Akteure an das glauben, was sie tun, und die streng ökonomische Interpretation ihres Handelns und ihrer Funktion von sich weisen“ (Bourdieu 1998:189).

Sowohl in Bezug auf aktuell diskutierte Formen sozialer und ökonomischer Verschneidungen als auch betreffend der politisch attestierten, sozialintegrativen bzw. inklusiven Potentiale der Freiwilligenarbeit, sind die Organisationen bzw. das jeweilige Feld gefordert:

„Man steht hier wieder vor dem bereits bekannten Problem, das sich bei der expliziten Formulierung der Wahrheit von Institutionen (oder von Feldern) stellt, deren Wahrheit ist, daß sie die explizite Formulierung ihrer Wahrheit verweigern. Einfacher gesagt: Wenn die ganze Logik des explizit formulierten Universums auf dem Tabu der expliziten Formulierung beruht, bewirkt die explizite Formulierung eine destruktive Veränderung“ (Bourdieu 1998: 186).

← 77 | 78 → Eine der Wahrheiten, der sich die Freiwilligenarbeit verweigern muss, ist auch, dass nicht alle Gesellschaftsmitglieder in gleichem Maße erwünscht sind, nicht jeder ungeachtet seiner Kapitalausstattung, seines Habitus und seines Lebensstils gebraucht wird und damit nicht jedem Freiwilligenarbeit als potentielle Quelle für soziale Anerkennung, soziale Integration, Kompetenzerwerb, Freizeitzeitgestaltung oder aber Selbstverwirklichung offen steht. Dies wäre zumindest eine Erklärung dafür, warum der sozial ungleiche Zugang zu Freiwilligenarbeit seit Beginn der Engagement- und Partizipationsforschung dokumentiert ist, sich an den Phantasien zum Integrations- bzw. Inklusionspotential der Freiwilligenarbeit in der öffentlichen wie politischen Diskussion jedoch nur wenig geändert hat. Es mag auch erklären, warum die Freiwilligenorganisationen selbst bis heute die unterschiedlichen Formen der Profite der Freiwilligenarbeit für die Freiwilligen selbst verneinen, und stattdessen die Selbstlosigkeit und Aufopferung ihrer Freiwilligen, d.h. das Altruismus-Motiv, hervorstreichen. Dies betrifft im besonderen Maße Leitungs- und Führungspositionen in der Freiwilligenarbeit.

„In diesem Zusammenhang kann man darüber hinaus mit Barlösius (2005) fragen, ob diese Form der Erzeugung und Repräsentation sozialer Ungleichheit nicht auch besonders folgenreich ist, da die ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu Positionen mit Entscheidungsbefugnissen beim ehrenamtlichen Engagement nicht problematisiert werden. Die Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Macht wird hier mit dem Etikett der Selbstlosigkeit versehen“ (Ehrhardt 2011: 64).

Mit der Verneinung der ökomischen Dimension gerät auch aus dem Blick, dass, wie in allen anderen gesellschaftlichen Feldern auch, in der Freiwilligenarbeit unterschiedliche Kapitalformen akkumuliert werden können und dies infolge zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheit beiträgt.

(I) 4.2.4.Der Lohn der Freiwilligenarbeit: Die ungleiche Verteilung von Anerkennung und Ehre

Wie eingangs erwähnt, hängt der Wert der (ökonomischen, sozialen, kulturellen, etc.) Kapitalien zentral von deren (feldspezifischen) Anerkennung ab, d.h. von den Ergebnissen der (sozialen) Kämpfe um die Vormachtstellung bestimmter Kapitalien (vgl. Weiß 2004: 212). Diese „Kämpfe um Anerkennung“ bilden für Bourdieu (1992b) „eine fundamentale Dimension des sozialen Lebens“ (37). Dabei geht es um die „Akkumulation einer besonderen Art von Kapital […] – eben »Ehre« im Sinne von Reputation, Prestige“, um „auf Bekanntheit und Anerkennung begründetem Kapital“ (ebd.). Anerkennung wird, im Kontext der Koordination bzw. des Managements von Ehrenamtlichen, als zentraler Faktor angesehen, wenn es um Fragen der Motivation, des Haltens und der ← 78 | 79 → immateriellen Entlohnung von Freiwilligen geht (vgl. Schlesinger/Nagel 2013). (Soziale) Anerkennung wird damit von Seiten der Freiwilligenorganisationen, als auch von Seiten der Politik, als die primäre Gegenleistung für Freiwilliges Engagement konstruiert und gefordert. Bourdieu (2001b) sieht jedoch gerade auch in der ungleichen Verteilung von Anerkennung und Prestige eine der zentralen Dimensionen sozialer Ungleichheit.

„Die soziale Welt vergibt das seltenste Gut überhaupt: Anerkennung, Ansehen, das heißt ganz einfach Daseinsberechtigung. Sie ist imstande, dem Leben Sinn zu verleihen, und, indem sie ihn zum höchsten Opfer weiht, selbst noch dem Tod. Weniges ist so ungleich und wohl nichts grausamer verteilt als das symbolische Kapital, das heißt die soziale Bedeutung und die Lebensberechtigung“ (Bourdieu 2001b: 309f).

Der sozial ungleiche Zugang zur Freiwilligenarbeit führt damit zu einer ungleichen Akkumulation von symbolischem Kapital und hat Auswirkung auf die Handlungschancen und –optionen der einzelnen Individuen. Es ist anzunehmen, dass nicht alle Felder der Freiwilligenarbeit in gleichem Maße symbolisches Kapital und Prestige, d.h. gesellschaftliches Ansehen vermitteln (vgl. Künemund/Schupp 2007: 1). Somit dürfte die ungleiche Verteilung von Anerkennung, d.h. von symbolischem Kapital, eine der zentralen Ungleichheitsdimensionen sein, die durch die Freiwilligenarbeit reproduziert werden. Da mit sozialer Anerkennung, in Abhängigkeit des jeweiligen Feldes, auch Ansehen und Prestige in anderen Feldern verbunden sein kann, wird damit auch gesamtgesellschaftlich Macht und Einfluss ungleich verteilt. Bourdieu beschreibt m.E. einen für die Individuen zentralen Aspekt der Auswirkungen ungleicher Machtverteilung.

„Je mehr Macht man über die Welt hat, umso mehr passen die Aspirationen zu ihren Realisierungschancen, um so vernünftiger, stabiler und gegenüber symbolischer Manipulation unempfindlicher sind sie. Unterhalb einer bestimmten Schwelle dagegen sind Aspirationen unstet, von der Realität abgekoppelt und zuweilen wie verrückt, so als würde dann, wenn nichts wirklich möglich ist, alles möglich“ (Bourdieu 2001b: 290).

Es gilt daher Freiwilligenarbeit auch als Ort der Machtausübung und Machtakkumulation zu denken. Insbesondere bei ehrenamtlichen Funktionen in Leitungsgremien (Vorständen, Komitees, etc.) aber auch bei allen anderen Positionen mit Leitungs- und Führungsfunktionen ist der ungleiche Zugang für die Reproduktion von Handlungsspielräumen und Gestaltungsmacht von Bedeutung.

Nach einem Streifzug durch die Überlegungen von und mit Bourdieu zur Freiwilligenarbeit wird im nachfolgenden Kapital der Versuch unternommen, die bisher beschriebenen und diskutierten Perspektiven auf soziale Ungleichheit und Freiwilligenarbeit in einem Modell der (Re-)produktion sozialer Ungleichheit zusammenzuführen.

← 79 | 80 → (I) 5.Fazit: (Re)-Produktion sozialer Ungleichheiten in der Freiwilligenarbeit durch Soziale Schließung und Hierarchisierung

Für die Analyse von Gesellschaftsbereiche die bislang nicht oder nur randständig Gegenstand der Ungleichheitsforschung gewesen sind, stellt folgende, auf dem theoretischen Ansatz Bourdieus fußende Perspektive einen vielversprechenden empirischen Forschungsansatz dar, der auf bestehende Daten angewendet werden kann: Freiwilligenarbeit wird dabei nicht als neue Ungleichheitsdimension konstruiert, sondern die Felder, in denen Freiwilligenarbeit geleistet wird, werden als Orte der Reproduktion bzw. Genese sozialer Ungleichheit (vgl. Bourdieu 1992b; Diewald/Faist 2011) verstanden. Diese Perspektive erscheint nicht zuletzt auch im Hinblick einer Integration des Dritten Sektors in die Analysen und Erklärungsmodelle sozialer Ungleichheit als fruchtbringender. Nachfolgendes Modell zur Reproduktion sozialer Ungleichheit in der Freiwilligenarbeit (Abbildung 10) versucht unter Bedachtnahme der Theorie Pierre Bourdieus, die Perspektiven zu den Determinanten, Dimensionen und Auswirkungen mit der Perspektive, Freiwilligenarbeit als Kontextebenen der Genese sozialer Ungleichheit zu verstehen, zusammenzuführen.

In der Freiwilligenarbeit kommt es auf Basis sozialer Mechanismen wie der sozialen Schließung, der Hierarisierung und in Teilbereichen auch der Ausbeutung unter dem direkten wie auch moderierenden Einfluss der zentralen askriptiven (Heterogenitäts-)Merkmale (Geschlecht, Alter, Herkunft, etc.) zur Reproduktion bestimmter Ungleichheitsdimensionen, wie jener von gesellschaftlicher Teilhabe (allgemeiner Zugang zur Freiwilligenarbeit) sowie von Macht und Prestige durch hierarchische Organisation (Position in der Freiwilligenarbeit). Dies kann mit einer ungleichen Akkumulation von symbolischen, sozialen und kulturellen Kapitalien (Bourdieu 1983) verbunden sein und so ihrerseits zu ungleichen Handlungsmöglichkeiten in anderen Dimensionen führen, diese verstärken oder auch verringern. Als Auswirkungen der Reproduktion sind eine generell höhere Lebenszufriedenheit, eine besserer Gesundheitszustand sowie der Erwerb von job-related skills (Wilson/Musick 1999) und eine mögliche ability signaling Funktion miteinzubeziehen. Aus dem Stand der Forschung sowie aus den ungleichheitstheoretischen Überlegungen folgt somit, dass sich hinter dem ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit mehr als nur soziale Differenzierung, Heterogenität oder Verschiedenartigkeit vermuten lässt.

← 80 | 81 → Abbildung 10: Modell der Reproduktion35 sozialer Ungleichheit in der Freiwilligenarbeit

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← 81 | 82 → Mit der Reproduktion sozialer Ungleichheiten ist die Kumulation „sich gleichende[r] Ungleichbehandlungen aufgrund eines bestimmten Heterogenitätsmerkmals in verschiedenen Lebensbereichen bzw. Kontexten (z.B. Erwerbsarbeit und Haushalt)“ (Diewald/Faist 2011: 106) zu verstehen. Auf der einen Seite ist denkbar, dass sich die Ungleichbehandlung aufgrund eines bestimmten Merkmals auch in der Freiwilligenarbeit fortsetzt, sei es in Form eines eingeschränkten Zugangs im Allgemeinen oder aber zu bestimmen Positionen im Besonderen. Hierbei ist primär an askriptive Merkmale wie das Geschlecht, das Alter, die ethnische Herkunft zu denken. Weiters, ob und in welcher Form eine Ungleichbehandlung z.B. auf der Kontextebene formaler Organisationszugehörigkeit in der Erwerbsarbeit, auch in der Freiwilligenarbeit zu einer Ungleichbehandlung im Sinne einer Zugangsbarriere, sei es in Form von Fremd- oder Selbstselektion, führt. Ein Bespiel dafür wäre die geschlechterbezogene Ungleichbehandlung beim Zugang zu Führungspositionen in der Erwerbsarbeit und in der Freiwilligenarbeit (vgl. Rotolo/Wilson 2007). Ein weiterer Fall ist die Kopplung des Zugangs zur Freiwilligenarbeit an den Zugang zur Erwerbsarbeit. Eine andere Form der Reproduktion wäre die „immer wiederkehrende Ungleichbehandlungen in aufeinanderfolgenden Lebensphasen bzw. institutionell verknüpften Kontexten (z.B. Ausbildung, Beruf)“ (Diewald/Faist 2011: 106). Hier sei auf die bestehende Forschung zur „Freiwilligenarbeit im Alter“ verwiesen, die zeigt, dass vielfach mit einem Ausstieg aus der Erwerbsarbeit (Pensionierung) auch ein Ausstieg aus der Freiwilligenarbeit verbunden ist (vgl. Erlinghagen 2007; Erlinghagen et al. 2006). Hier stellt sich die Frage, ob diese beobachtbare Doppelexklusion alle Personengruppen gleichermaßen betrifft, oder ob hier nach sozialen Merkmalen strukturierende Effekte auftreten, z.B. dass diese Doppelexklusion vor allem Personen mit geringem Bildungsgrad und gesundheitlichen (psychisch wie physischen) Beeinträchtigungen betrifft.

Wie der Stand der Forschung (siehe Kapital II) zeigt, sind darüber hinaus zahlreiche statusrelevante erworbene Merkmale (Kapitalien) für den Zugang zu den Feldern und Positionen von Bedeutung. Diese gilt es, für den ungleichen Zugang zur Freiwilligenarbeit in besonderem Maße in den Blick zu nehmen. Bei der Frage nach der Reproduktion von Ungleichheitsdimensionen ist vordergründig an jene zu denken, die in der Freiwilligenarbeit auch akkumuliert werden können. Aus der Liste der Ungleichheitsdimensionen (vgl. Hradil 2005; Kreckel 2004; Solga et al. 2009) (materieller Wohlstand, Prestige, Macht, Bildung, Gesundheit, gesellschaftlichen Teilhabe, etc.) ist vor allem an die Reproduktion des Zugangs zu hierarchischen Positionen, die mit Prestige (symbolisches Kapital), Anerkennung und Macht verbunden sind, dem Zugang zu bedeutsamen sozialen Netzwerken (soziales Kapital) sowie generell der gesellschaftlichen Teilhabe und der ← 82 | 83 → damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten zu denken. Diese Dimensionen reproduzieren sich primär über die Mechanismen der sozialen Schließung (selektiven Assoziation), der hierarchischen Organisation sowie möglichweise auch über verschleierte Formen der Ausbeutung. In diesen Fällen sind der sozial selektive Zugang zur Freiwilligenarbeit und die Zuweisung von Positionen innerhalb der Freiwilligenorganisation entscheidend. Ähnliches wie es Kreckel (2004) für die Arbeitswelt beschreibt, ist auch für die Freiwilligenarbeit anzunehmen:

„Die Handlungsspielräume und –befugnisse eines Berufstätigen ebenso wie sein Einkommen sind somit zunehmend von seiner Stellung innerhalb der ihn beschäftigenden hierarchischen Organisation (sowie von deren Qualität und Gewicht im Konzert der Organisationen) abhängig, nicht unmittelbar von seinen persönlichen Leistungen und Fähigkeiten: Ohne eine berufliche Position oder ein ››Amt‹‹ läßt sich in der Arbeitswelt ebensowenig etwas bewirken wie in der Politik; zuerst wird die Position, erst dann die Person ernstgenommen“ (Kreckel 2004: 73)

Darüber hinaus ist in Abhängigkeit des jeweiligen Feldes und der konkreten Tätigkeit auch die Reproduktion von ungleichem Gesundheitsstatus oder ungleicher Kompetenzen (unterschiedliche Formen von kulturellem Kapital) denkbar. Die direkte Reproduktion von Wohlstandsfaktoren (ökonomisches Kapital) ist in der Freiwilligenarbeit per Definition sowie durch die Illusio des Feldes ausgeschlossen. Aus einer längerfristigen Perspektive ist die zeitlich verzögerte teilweise Rücktransformation des in Form von arbeitsfreier Zeit indirekt investierten ökonomischen Kapitals und die Transformation des akkumulierten symbolischen Kapitals (Prestige und Macht) sowie des sozialen Kapitals (z.B. Weak Ties) in ökonomisches Kapital sehr wahrscheinlich (Bourdieu 1977, 1983).

Der vielfach geteilten stereotypen Annahme zum integrativen Potential der Freiwilligenarbeit folgend ist jedoch auch die Frage zu stellen, „[h]eben sich die Ungleichheiten wechselseitig auf oder wirken sie so zusammen, dass sich strukturierte soziale Ungleichheiten herausbilden?“ (Weiß 2004: 208). Soziale Ungleichheiten können dabei auch in Konkurrenz zueinander stehen, konfliktär oder aber auch substituär sein (vgl. Diewald/Faist 2011: 106). Es ist daher durchaus denkbar, dass die, in anderen Feldern produzierten Ungleichheiten durch die Freiwilligenarbeit wieder reduziert werden und es damit zu einer Substitution von Ungleichhandlungen im Feld der Erwerbsarbeit, der Familie oder der staatlichen Institutionen kommt. Es gilt daher auch empirisch zu prüfen ob und in welchen Bereichen bzw. Subfeldern der Freiwilligenarbeit, Ungleichheitsbehandlungen aus anderen Kontextebenen und Feldern kompensieren und damit in Summe reduzieren oder aufgehoben werden (z.B. die Inklusionen und infolge Reintegration von Arbeitslosen in das Beschäftigungssystem). Aus dieser Perspektive erscheint es sinnvoll und notwendig, die Freiwilligenarbeit in den ← 83 | 84 → jeweils unterschiedlichen Bereichen und Feldern getrennt zu untersuchen. Es ist zu erwarten, dass es z.B. im Feld der sozialen Dienste und im Feld des Sports zu je unterschiedlichen Ausprägungen der Reproduktion oder auch Reduktion sozialer Ungleichheit kommt.

Die vorliegende Arbeit versteht sich dabei nicht primär als Beitrag zur Theoriebildung sozialer Ungleichheit, sondern als Analysefolie von bisher von gesellschaftskritischen Perspektiven ausgeklammerten Handlungsfeldern des Dritten Sektors. Trotz dieses fehlenden Anspruches sind die in Kapitel (III) folgenden empirischen Ergebnisse nicht unbedeutend für die Ungleichheitsforschung, denn diese benötigt um „gesellschaftstheoretisch und gesellschaftspolitisch bedeutsam zu sein, […] Kenntnis […] über die Regeln, nach denen Ungleichheiten in verschiedenen Teilsystemen produziert werden, und in welcher zeitlichen Ordnung und welchen Interdependenzverhältnisse diese zueinander stehen“ (Diewald/Faist 2011: 93). Bevor jedoch die empirischen Analysen zur Freiwilligenarbeit in Österreich in Kapitel (III) vorgestellt und diskutiert werden, erfolgt im nächsten Kapitel die Darstellung des aktuellen internationalen Forschungsstandes zu den Determinanten und Auswirkungen der Freiwilligenarbeit.

15„Die Gesamtheit der NPOs wird auch häufig als Dritter Sektor bezeichnet und damit den Sektoren »Markt« und »Staat« gegenübergestellt“ (Meyer/Simsa 2013: 9).

16„Von statistischer Diskriminierung wird […] allgemein dann gesprochen, wenn Entscheidungen über das einzelne Individuum auf Grundlage von Verhaltensannahmen bezüglich ganzer sozialer Gruppen getroffen werden“ (vgl. Solga et al. 2009: 20). Zum Beispiel, die Annahme von Arbeitgebern, dass Frauen aufgrund von Haushalts- und Kinderbetreuungspflichten zeitlich weniger flexibel sind als Männer. Dies wird unterstellt, ohne tatsächlich über die Lebenssituation der einzelnen Frau Bescheid zu wissen (vgl. ebd.).

17z.B. der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Sonderforschungsbereich (SFB 882): Von Heterogenitäten zu Ungleichheiten (http://www.sfb882.uni-bielefeld.de/ – abgerufen am 28.5.2014).

18Diewald/Faist (2011) verweisen diesbezüglich auf die Arbeiten von Wimmer (2008), Barlösius (2005), sowie betreffend der sozialen Konstruktionen von Kategorien auf Butler (1991). Der hier m.E. naheliegende Rückgriff auf Bourdieus Habitus-Kapital-Feld Konzept erfolgt nur indirekt über die Arbeiten von Barlösius (2005).

19Sozialmechanismische Ansätze haben in den letzten Jahren in den Sozialwissenschaften und insbesondere in der Ungleichheitsforschung an Bedeutung gewonnen (vgl. u.a. Reskin 2003; Therborn 2006; DiPrete und Eirich 2006).

20„Mit ‚Distantiation‘ sind die Regeln des Wettbewerbs gemeint, die Gewinner und Verlierer mit bestimmten Abständen zwischen ihnen produzieren (z. B. Matthäus-Prinzip); mit ‚Exclusion‘ (inklusive Chancenhortung und sozialer Schließung) die Trennung in Insider und Outsider und die damit einhergehenden Diskriminierungen und Stigmatisierungen; mit ‚Hierarchization‘ das Gefüge institutionalisierter Rollen und Positionen, die mit unterschiedlichen Rechten und Ressourcen verknüpft sind, und mit ‚Exploitation‘ ein asymmetrischer Nutzen, den eine Seite aus einer Kooperation ziehen kann“ (Diewald/Faist 2011: 102f) (siehe Anhang).

21vgl. dazu auch die Forschung zu Homophilie (McPherson et al. 2001).

22SFB 882 (Sonderforschungsbereich 882).

23Deutsche Forschungsgemeinschaft.

24SFB 882, Projektbereich B; Quelle: http://www.sfb882.uni-bielefeld.de/de/areas – abgerufen am 04.03.2014.

25vgl. dazu auch Forschungsarbeiten zum sogenannten Matthäus-Effekt (Merton 2010) bzw. zu kumulativen Vorteilen (cumulative advantages) (DiPrete/Eirich 2006).

26Im Kontext der Engagement- und Freiwilligenforschung ist an dieser Stelle auf die unterschiedliche Konzeption bzw. Definition von Sozialkapital bzw. sozialem Kapital hinzuweisen (z.B. wie bei Robert Putnam (1993)) (vgl. Braun 2003a). Weiterführend zu den unterschiedlichen Sozialkapitalkonzepten siehe einschlägige Forschungsarbeiten (Adler/Kwon 2002; Braun 2001b, 2003a; Brunie 2009; Coffé/Geys 2007; Coleman 1988; Schneider 2009; Seubert 2009).

27Vergleiche dazu auch die in der Schweizer Freiwilligenforschung verwendete Differenzierung in unterschiedliche Formen der Freiwilligkeit: Geld (Spenden), Arbeitszeit (Freiwillige Arbeit), Naturalien (Material/Infrastruktur) und Prestige (Ideelle Unterstützung, Guter Ruf, Zivilcourage) (Amman 2011: 239).

28Illusio wird laut Fuchs-Heinritz (2005) auch teilweise „als Interesse, involvement bzw. committment übersetzt“ (145).

29http://derstandard.at/1348284632572/Freiwillige-vor-Unentgeltliche-Arbeit-ist-unbezahlbar – abgerufen am 28.5.2014.

30http://www.freiwilligenweb.at/index.php?id=CH0524 – abgerufen am 28.5.2014.

31http://www.meinbezirk.at/linz/leute/unbezahlt-und-unbezahlbar-d117782.html – abgerufen am 28.5.2014.

32https://www.kommunalnet.at/news/artikel/select_category/7804/article/salzburg-schreibt-freiwilligenarbeit-2011-ganz-gross.html?cHash=08e8148f018890f7c6db0da70a49d937 – abgerufen am 28.5.2014.

33https://www.ppoe.at/aktionen/bundesthema/bundesthema1011/pdf/faq_poster_ejf_rgb.pdf – abgerufen am 28.5.2014.

34http://www.volkshilfe.at/ehrenamt?gclid=CKu81pz9hLsCFQ1L3god6A4AzA – abgerufen am 28.5.2014.

35Unter Reproduktion wird das Weiterführen d.h. das Re-produzieren von sozialen Ungleichheiten verstanden, die in anderen Kontextebenen (Erwerbsarbeit, Familie, Netzwerke, staatlichen Institutionen) hergestellt wurden bzw. entstanden sind.