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«Der Papst und der Bienenkorb»: Marcel Reich-Ranicki als ein Akteur im literarischen Feld der Bundesrepublik

Jasmin Ahmadi

Das Buch befasst sich mit Deutschlands bekanntestem Literaturkritiker: Mit Marcel Reich-Ranicki betrat 1958 ein Akteur die literarische Bühne der BRD, der bis dahin kaum über Kontakte zum westdeutschen literarischen Feld verfügte. Dennoch gelang es ihm innerhalb von nur 15 Jahren zum Leiter der Redaktion für Literatur und literarisches Leben bei der FAZ zu avancieren und zu einer der zentralen Benennungsmächte des literarischen Feldes der Bundesrepublik aufzusteigen. Jasmin Ahmadi legt dar, wie es dem Kritiker über die Jahre gelang, die feldspezifischen Kapitalien zu erwerben, strategisch wichtige Positionen einzunehmen und die informelle Struktur des literarischen Feldes zu seinen Gunsten zu verändern. Als Analyseinstrument wird dazu Pierre Bourdieus Theorie des literarischen Feldes verwandt.
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13. Auf dem Höhepunkt seiner Definitionsmacht: Reich-Ranickis ‚Kanon‘ der deutschen Literatur

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13. Auf dem Höhepunkt seiner Definitionsmacht: Reich-Ranickis ‚Kanon‘ der deutschen Literatur

‚Sie kenn ich ausm Fernsehen‘. Der Taxifahrer mustert im Rückspiegel den Mann, der sich am Berliner Gendarmenmarkt auf den hinteren Sitz seines Wagens hat fallen lassen. Er zögert einen Moment, wendet den Kopf, studiert das Gesicht seines Fahrgasts und läßt Sendungen, Serien, Shows vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Dann hellt sich sein Blick auf. ‚Ja‘, brummt er und nickt befriedigt. ‚Sie sind der Kritiker.‘ Dreht sich wieder nach vorn, fährt zur gewünschten Adresse und sagt kein weiteres Wort.960

Es soll an dieser Stelle auf das in der Einleitung angeführte Zitat rekurriert werden. Der ‚rote Faden‘ der Arbeit war ein Nachvollzug des Phänomens, dass ein dem literarischen Feld ‚Fremder‘ es zu solch einer Bekanntheit und zu solch einer Definitionsmacht bringen konnte, dass selbst der sprichwörtliche,Mann der Straße‘ ihn (er)kannte. Dieser Bekanntheitsgrad innerhalb sowie außerhalb des Feldes brachte Reich-Ranicki auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere einen so gewaltigen Legitimitätszuwachs ein, dass er nunmehr dekretieren konnte, welche Autoren dem kollektiven Gedächtnis zugeführt und welche in Vergessenheit geraten sollten. Dass dies am Anfang seiner Karriere aufgrund seiner nur schwach ausgebildeten Kapitalstruktur völlig undenkbar gewesen wäre und erst zu diesem späteren Zeitpunkt gelingen konnte, sollte der bisherige Hergang meiner Arbeit gezeigt haben: Die in den Jahren zuvor (Gruppe 47, ZEIT, FAZ, Ingeborg-Bachmann-Preis, Literarisches Quartett, Reich-Ranicki Solo) akkumulierten Kapitalien erst machten...

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