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Ästhetik des Geschlechts

Prousts "À la rechreche du temps perdu</I> zwischen Genealogie und Anti-Genealogie

Guido Goerlitz

Der Autor widmet sich Marcel Prousts berühmten Hauptwerk À la recherche du temps perdu im Hinblick auf das Thema der Genealogie. Diese ist im Buch als Frage nach dem Geschlecht im mehrfachen Wortsinne von Abstammung, Vererbung und Sexualität/Fortpflanzung auf allen Ebenen präsent. Der Roman wird rhythmisiert vom Begehren einer idealen genealogischen Ordnung und dem Wunsch, aus eben dieser auszubrechen, künstlerische Fluchtlinien zu schlagen. Goerlitz analysiert die zentralen Personenkreise und ihre komplexen Beziehungen zum Ich-Erzähler. Er geht den Auswirkungen der genealogischen Problematik auf Prousts Poetologie nach. Am Komplex Krieg/Genealogie/Nation untersucht er schließlich die Erschütterungen der idealistischen poetologischen Programmatik unter dem Einfluss des Ersten Weltkriegs.
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Marcel Prousts Hauptwerk A la recherche du temps perdu, einer der Schlüsseltexte der modernen Literatur des 20. Jahrhunderts, bietet nicht nur eine umfangreiche Reflexion über Zeit und Erinnerung und entwickelt dabei die Theorie der »mémoire involontaire« als einer für die Ästhetik und Poetik des 20. Jahrhunderts zentralen Erfahrungskategorie, es entfaltet auch in seiner Rede über Abstammung, Familie, Fortpflanzung, Geschlecht, Vererbung, Rasse, Nation einen den gesamten Textraum umspannenden Diskurs, der eine völlig neue Form literarischer Problematisierung und Kritik der Ursprungsmächtigkeit darstellt. Als „eine Form der kritischen Untersuchung, die Foucault im Anschluß an Nietzsche als »Genealogie« bezeichnet“ und die, so Judith Butler, „die politischen Einsätze [erforscht], die auf dem Spiel stehen, wenn die Identitätskategorien als Ursprung und Ursache bezeichnet werden, obgleich sie in Wirklichkeit Effekte von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen mit vielfältigen Ursprungsorten sind“291, ist der Begriff im aktuellen theoretischen Diskurs etabliert. Was Proust in der Recherche literarisch praktiziert hat Berührungspunkte damit, und ist doch grundverschieden davon. Die vorliegende Untersuchung versucht erstmals, diesen spezifisch proustschen genealogischen Diskurs in seinen Aspekten und Funktionen zu rekonstruieren.

Die Genealogien sind für Prousts Recherche von strukturbildender Bedeutung. Im ersten Teil der Untersuchung wird diese These auf der Figurenebene ausgearbeitet. Aristokraten, Juden, Homosexuelle und Künstler sind die zentralen Personengruppen des Werks, in deren Netz die Figur des Ich-Erzählers, der in einer fiktiven Autobiographie das Werden zum Schriftsteller, die Genealogie der Autorschaft erzählt, nicht nur steht, sondern sich allererst konstituiert. Ausgehend von...

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