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Erhaltene Präsenz

Essays über die politische Sprache

Christian Gellinek

Christian Gellinek überprüft in seinem Buch die Behauptung des jungen Jacob Grimm, dass Dichtung und Recht letztlich aus einer Quelle fließen ( Von der Poesie im Recht, 1816). Anhand von altdeutscher, mittlerer und neuerer Poesie und Prosa bis zu Herman Grimms Essays und Günter Grass’ Lyrik sowie seiner Streitprosa analysiert er die deutsche Sprachlandschaft. Seine Essays über die politische Sprache zeigen Teile des deutschen Unterbewusstseins, das in der politischen Sprache unseres Unrechtsbewusstseins präsent geblieben ist und Wirkungen zeigt. Eigene Erinnerungsgedichte ergänzen die Schriften. Im Sinne Jacob Grimms stellt Gellinek fest: Prosa stuft die Poesie und diese formt Stufen zur Prosa.
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III. Ergebnis: Prosa stuft die Poesie – und diese formt Stufen zur Prosa

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III.Ergebnis: Prosa stuft die Poesie – und diese formt Stufen zur Prosa

Die behauptete Präsenz konnte über mehrere Literaturperioden nachgewiesen werden. Sie zeigte sich im Altsächsischen, Mittelhochdeutschen, dem verdrängten Plattdeutsch, aber auch an abgestorbenen Sprachzweigen wie z. B. dem Hudson Valley Dutch oder dem vom Anglonormannischen nicht verdrängten Mittelenglischen. Sie hat sich besonders als zum Westgermanischen Sprachzweig gehörende Sprechweise mit einem besonderen Klang durch Tiefstellung, Abstufung, Alliteration in den west- und nordgermanischen Derivatsprecharten erhalten. Man erkennt sie heute noch an dem verführerischen Werbejargon der Deutschen Bank: „Léistung aus Léidenschaft“ (statt am Kalkül!), die gerade dabei ist, das Kleinkundengeschäft aus Berechnung abzuwerfen. Selbst auf der Kundentreppe herrschen die schweren Tritte weiter.

Die deutsche Sprache hat sich über zwölfhundert Jahre an der Bibel, vor allem dem Alten Testament geschult. Ein gutes Beispiel bietet hierfür Jesaja 45:8: „Träufelt, ihr Himmel droben, und Gerechtigkeit möge frieseln die Wolken! Lasse Gerechtigkeit hervorwachsen zugleich …“ Im ersten Durchgang wird die Kehr herabgestuft, im zweiten hinauftransportiert. Jahrhunderte lang hat die lateinische Sprache, vor allem was praktische Neuheiten anging, das alte Deutsch beeinflusst. Dem folgten anderthalb Jahrhunderte Schulung durch das Französische. Und nun ist das amerikanische Englisch dabei, Denkbilder und Konjunktionen zu verdrängen und nach einem empfundenen Doppelpunkt die englische Infinitivkonstruktion zu übernehmen. So gelangt wie absichtslos durch die Hintertür das Niederdeutsche abermals zur Geltung. Niederdeutsch bleibt untergründig ein bewahrender Teil des Deutschen aber auch des Dutch....

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