Show Less
Restricted access

Hugo von Hofmannsthals «Elektra»

Eine quellenbasierte Neuinterpretation

Series:

Dorothée Treiber

In ihrem Buch setzt sich Dorothée Treiber kritisch mit der weitverbreiteten These auseinander, Hugo von Hofmannsthals Elektra leide an einer klinischen Hysterie. Der Autorin zufolge hält diese Behauptung einer eingehenden Analyse der Quellenlage nicht stand. Dagegen wird deutlich, daß Wien zur Jahrhundertwende von zwei spektakulären Kindesmißhandlungsskandalen erschüttert wurde. Daß diese auch in Hofmannsthals Theaterstück Spuren hinterlassen haben, soll hier gezeigt werden. Darüber hinaus wird deutlich, daß sich seine Bearbeitung nahtlos in die Tradition der Elektratragödien einfügt und Freuds Hysteriekonzeption alles andere als Vorbildcharakter hatte. Untersucht wird auch der Einfluss der Tagespresse sowie der Schriften Tardieus über Kindesmißhandlung und Mißbrauch.
Show Summary Details
Restricted access

η. Elektras Schwäche

Extract

Als Elektra im Glauben, Orest sei tot, ihrer Schwester sagt, sie müßten nun selbst das Beil nehmen, um Ägisth damit zu töten, reagiert Chrysothemis ganz überrascht: „Du? diese Arme den Ägisth erschlagen?“ Sie hält Elektra für zu schwach, um dies zu vollbringen. Auch Elektra hält sich für zu schwach, nicht, weil sie eine Frau ist, sondern, weil sie ihre Arme für extrem dünn hält: „Mit meinen traurigen verdorrten Armen…“.988 Ganz anders sieht sie die Arme ihrer Schwester, die, immer als „normale“ Frau beschrieben, offenbar viel stärker sind als Elektras: „denn du bist stark! Wie stark du bist!“, stellt Elektra fest. „Laß mich deine Arme fühlen: wie kühl und stark sie sind! Wie du mich abwehrst, fühl’ ich, was das für Arme sind. Du könntest erdrücken, was du an dich ziehst. […] Überall ist so viel Kraft in dir!“ All das ist kontrastiv zu Elektras Schwäche gemeint. Selbst Elektras Erklärung für Chrysothemis‘ Stärke impliziert wiederum den Kontrast und erklärt dadurch zugleich ihre eigene Schwäche: „dich haben die jungfräulichen Nächte989 stark gemacht.“, sagt sie zu ihrer Schwester. Wenn es die jungfräulichen Nächte sind, die stark machen, dann kann Elektras Schwäche nur daraus resultieren, daß ihre Nächte nicht jungfräulich waren. Warum auch sonst sollte sie diese „jungfräulichen Nächte“ ihrer Schwester so betonen, wenn nicht, um sie in Kontrast zu ihren eigenen zu...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.